Anima.

Eine Geschichte von Sebastian „Rash_Ktah“ Grawan.

Bitte besuchen Sie meine Website www.rashktah.de.

Alle Charaktere und die gesamte Storyline sind (C) des Autors.

 

 

-1-

 

Schmutzige Regentropfen schlugen in einem fortwährenden Crescendo auf allem auf, was ihren Weg aus dem wolkenverhangenen Himmel beendete.

Sie zerplatzten auf verdreckten, sich durch die Strassen der Stadt quälenden Autos, auf den sich über die übervölkerten Gehwege drängelnden Menschen und an den in der Nacht noch dunkler erscheinenden Mauern der hoch über den Köpfen der Fußgänger aufragenden Häuser.

Die Menschen hatten sich ob des dauerhaft schlechten und weihnachtlich kalten Wetters in schwere Mäntel gehüllt und Miryaden von Regenschirmen stießen aus der Masse der Fußgänger heraus wie dunkle und nasse Pilze. Grau-weiße Atemwolken standen vor den regennassen Gesichtern.

Das Jaulen der sich über die verstopften Straßen schleppenden Autos vereinigte sich mit den mannigfaltigen Geräuschen der unzähligen Menschen und dem stetigen Prasseln des Regens zu einem nahezu orchestralen Heulen, welches sich bis zu den höchsten Häusern der Stadt empor schwang und die Stadt unter einer Glocke aus Lärm einschloss.

Grelle Neonlichter, welche überall in den Strassen und in den Schaufenstern der Geschäfte zu finden waren, wurden durch den am Boden wabernden Nebel gedämpft und nahmen dem Treiben auf den Straßen das letzte bisschen Licht.

Die Abgase der Autos und der stadtnahen Fabrikkomplexe, die dampfenden Gullydeckel, der Schweiß der Menschen und die unzähligen anderen Gerüche, welche aus allen Richtungen über die Strassen wehten, mischten sich zu einem Geruchscocktail, welcher nur mehr als säuerlich und unangenehm zu bezeichnen war.

Im Zwielicht der Nacht wälzten sich die Massen an Menschen und Autos über die Wege und Strassen, schienen kein festes Ziel zu haben. Ampeln blitzen auf, Straßenlaternen flackerten unstetig. Weihnachtslichterketten und -werbungen säumten die Gehwege.

Kreischen. Quietschen. Schreien. Jaulen.

Jeder, der nicht an diesen Anblick und die Geräusche gewöhnt gewesen wäre, hätte in all dem Treiben nur ein heilloses Chaos aus Lärm, Bewegungen und flackerndem Licht erkannt.

Dave Simmons war keiner dieser Unwissenden und Verwirrten. Er kannte diese Stadt.

Der Cop stand entspannt an einen Zeitungsstand gelehnt, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, die Augen halb geschlossen.

Die Menge der Menschen drückte sich stetig an ihm vorbei, als er die Augen für einen kurzen Moment vollkommen schloss und nur noch die Geräusche und den Gestank der Stadt auf sich einwirken ließ.

Dave war schon seit 15 Stunden auf den Beinen, seine Doppelschicht dauerte nun schon 11 Stunden an. Noch eine weitere Stunde und er würde endlich unter der Dusche stehen, den Gestank und die Kälte der Stadt von sich abwaschen und nach Hause fahren können, wo seine Frau Carroll bereits auf ihn warten würde.

In einer kurzen Bewegung öffnete er seine Augen, stieß sich leicht von dem Zeitungsstand ab und mischte sich wieder in die vorbeiziehende, gesichtslose Masse an Menschen.

Er war in dieser Stadt geboren, war von ihr aufgezogen worden und kannte jeden ihrer Wesenszüge. Aus diesem Grund war es relativ leicht für ihn sich einen Weg durch die Menge der ihn umgebenden Menschen zu bahnen, sogar wenn die vorweihnachtliche Geschäftigkeit sie alle in unübersichtlichen Massen auf die Strassen getrieben hatte.

Dave war nun schon seit 6 Jahren für die Polizei auf der Strasse tätig und er hatte in dieser Zeit alles gesehen, was er sich jemals vorstellen hätte können. Er hatte vollkommen heruntergekommene Huren, Drogenabhängige und deren Dealer, Diebstahl und Mord gesehen. Er hatte den Gestank von halbverwesten Körpern in der glühend heißen Sommerzeit gerochen und halb steifgefrorene Kinder, welche heimatlos durch die Strassen der Stadt irrten, gesehen.

Er hatte mehr gesehen und gehört, als er jemals hatte sehen und hören wollen, aber er hatte sich trotzdem nie selbst vorgeworfen, diesen Job auszuüben.

Er war nicht glücklich, aber er wusste, dass irgend jemand diese Arbeit machen müsste, oder diese Stadt würde nur noch mehr in einem Sumpf aus Verbrechen und menschlichem Schmutz versinken. Im Grunde war er gern ein Cop... einer der Guten.

Dave drückte sich an einer Gruppe wild photographierender, japanischer Touristen vorbei und kollidierte völlig unvorbereitet mit dem Weihnachtsmann.

Der Boden, welcher ihm bei seinem Sturz empfing, war kalt, nass und schmutzig. Dave landete schmerzhaft auf der Seite, drehte sich im Dreck auf den Rücken und versuchte so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen. Dieses Unterfangen wurde ihm jedoch von den um ihn herum strömenden Menschen nahezu unmöglich gemacht und so verharrte er einige Augenblicke am Boden sitzend und starrte auf die Szenerie vor sich.

Der füllige Mann, welchen Dave soeben angerempelt hatte, steckte in einem schreiend roten Weihnachtsmannkostüm und wurde von einem halben Dutzend kleinwüchsiger Elfen umschwärmt, welche abwechselnd zu einem der beiden nun am Boden liegenden Männern starrten und dabei wild fluchten.

Dave wollte gerade aufstehen um den Füssen der Passanten zu entgehen, als eine der Elfen auf ihn zu schritt und ihn dabei mit Flüchen eindeckte. Die kleinwüchsige, in grüne Kleidung gehüllte Frau hob eine Faust als wenn sie damit nach Dave schlagen wollte und starrte ihn dabei wütend an. Die anderen Elfen hüpften derweil um sie herum und halfen dem gefallenen Weihnachtsmann gemeinsam auf die Füße.

Dave starrte vollkommen entgeistert auf die Szene, die sich fast in Zeitlupe vor seinen Augen abspielte und fragte sich, in welchen schlechten Film er nun geraten sei.

Die Elfe sprang vor, die Faust schwingend, um den verwirrt am Boden sitzenden Polizisten anzugreifen.

Sie erreichte ihn nie, denn aus dem Nichts regneten plötzlich grobe Mauersteine aus heiterem Himmel auf die Passanten herab. Dave rollte sich erschrocken zur Seite, als einer der scharfkantigen Steine die auf ihn zuspringende Elfe an der Schläfe erwischte und sie blutend zu Boden stürzen ließ.

Der Regen aus Stein war kurz, aber er schickte mehr als eine handvoll Menschen zu Boden.

Schreie wallten um Dave herum auf, als er sich aufrichtete, um nicht von den Menschen, welche um ihn herum in Panik gerieten, umgerannt zu werden.

Der Cop sprang aus dem Weg einer stark blutenden alten Frau, welche taumelnd zu Boden ging und dabei zwei der Elfen mit sich riss.

Ein weiterer Schauer aus Steinen ergoss sich über der nun völlig in Panik versinkenden Masse.

Schreie dröhnten in Daves Ohren.

Dave sah sich um, versuchte sich in dem Chaos, welches um ihn herum ausbrach, zu orientieren. Ein kurzer Blick nach Oben, an einem der den Gehweg säumenden Häuser hinauf, eröffnete ihm einen Anblick, den er nicht erwartet hätte.

Durch den Regen und den Nebel hindurch konnte er keine wirklichen Details ausmachen, aber auf dem Dach des Hauses neben ihm meinte er helle Blitze zu erkennen. Ein Schusswechsel?

Mit einem Satz versuchte Dave durch die Menge der Menschen zu gelangen. Er ließ den Weihnachtsmann, seine Elfen und die in Panik durcheinanderlaufenden Menschen hinter sich und sprintete in die Gasse, welche das Haus von dem die Steine regneten und ein anderes voneinander trennte.

Die Gasse war dunkel und der Boden durch den Regen und einige Flächen aus halbgeschmolzenem Schnee glitschig. Dave konnte seine eigene dreckige Silhouette in einer öligen Pfütze vor sich erkennen, bis er weiterrannte und sein Abbild zu allen Seiten weg spritze, als er mit seinem Schuhen durch das brackige Wasser hastete.

Die panischen Geräusche der Menschen hinter sich seltsam abgedämpft wahrnehmend sah Dave sich nach einer Möglichkeit um, auf das Dach des Hauses zu gelangen. Er musste den Verursacher des Steinregens aufzuspüren und stoppen, oder noch mehr Menschen würden verletzt werden.

Seine Hand tastete nach seinem Funkgerät, um Hilfe für die verwundeten Menschen zu rufen und Unterstützung für sich selbst, aber seine Hand griff ins Leere. Er musste das Funkgerät bei dem Zusammenprall mit dem Weihnachtsmann oder dem Gewühl danach verloren haben.

Dave stoppte seinen Lauf, drehte sich kurz um und sah auf dem Gehweg weitere Menschen in einem erneuten Schauer aus herabstürzenden Steinen zu Boden gehen. Er hatte keine Zeit zu verlieren.

Mit einem angespannten Keuchen wandte sich der Cop einer nahen Feuerleiter zu, welche er auf seinem Weg durch die Gasse schon ins Auge gefasst hatte. Die Leiter war an die Seite des Hauses auf dem Dave die Verursacher des Chaos vermutete, montiert und führte über einige schräge Leitern und wackelig erscheinende Balkons in die Höhe. Das Dach des Gebäudes lag gute 30 Meter über Dave. Mit einem weiteren Keuchen schwang er sich an die erste Leiter und begann in die Höhe zu klettern.

Seine ersten Schritte nach oben wären fast seine letzten gewesen, als sein linker Fuß von einer der rutschigen Leitersprossen abrutschte und er mehrere Meter in die Tiefe gefallen wäre, hätte er sich nicht mit beiden Händen an eine höhere Sprosse geklammert.

„Verdammt,“ grunzte er, als ihm die Schmerzen Tränen in die Augen trieben und er seinen Fuß langsam und tastend wieder auf eine der Sprossen stelle.

Einige lange Augenblicke vergangen, in denen Dave nahezu bewegungslos an der Leiter hing und die Geräusche um sich herum auf sich einwirken ließ. Der Wind pfiff jaulend durch die enge Gasse. Das Geschrei der Menschen auf dem Gehweg war kaum zu vernehmen, auch wenn nun einige der Fußgänger im Begriff waren, in die Gasse zu laufen, um den Steinen zu entgehen. Daves eigener Atem klang scharf in seinen Ohren.

Dann riss er sich zusammen und setzte seinen Weg nach Oben fort.

Schritt für Schritt, Sprosse für Sprosse, Balkon für Balkon näherte sich Dave dem Dach. Der Wind fuhr kalt unter seine Kleidung und die noch immer spärlich fallenden Regentropfen drangen unangenehm in seine Augen, während er angespannt in die Höhe starrte.

Nur noch wenige Meter und er würde das Dach erreicht haben, welches wie alle anderen in dieser Gegend flach gebaut war.

Dumpfe Schläge hallten durch die Nacht, ihr Ursprung lag auf dem Dach über Dave.

Stark keuchend kletterte er die letzten der rutschigen Sprossen hinauf und spähte über die Brüstung des Daches. Eisiger Wind fegte ihm entgegen und trieb ihm erneut Tränen in die Augen, ungeschützt, wie er nun war.

Dave versuchte so schnell wie möglich das Dach zu überblicken, seine Hand fuhr in der selben Sekunde zu seiner sich in einem Gürtelhalfter befindlichen Pistole.

Das Dach war, im Gegensatz zu den Gehwegen der Stadt, noch mit ungeschmolzenem Schnee bedeckt. Der Schnee lag auf dem Boden des Daches und bedeckte auch die unzähligen Schornsteine und weiteren Aufbauten, die überall zu erkennen waren und Daves Sicht extrem einschränkten.

Ihm blieb keine andere Wahl als auf das Dach zu steigen, wenn er sich besser umsehen wollte.

Sich gegen den eisigen Wind stemmend, erklomm er die Brüstung des Daches und landete nur Augenblicke später keuchend und kniend auf dem schneebedeckten Boden. Nahezu hätte er erneut den Halt unter den Füßen verloren, aber dieses Mal konnte er sich mit einer Hand an einem nahen Schornstein festhalten.

Halb kniend sah Dave sich um, versuchte in dem Chaos aus Regen, aufgewirbeltem Schnee und der nahezu undurchdringlichen Dunkelheit irgend etwas zu erkennen.

Es dauerte trotz der schlechten Sichtverhältnisse nur einige Augenblicke, bis er etwas sehr seltsames entdeckte. Zwischen den Schornsteinen, Antennenmasten und Mauern konnte er ein unnatürlich schimmerndes Licht erkennen.

Dann dröhnte plötzlich ein ohrenbetäubendes Knallen über das Dach. Vollkommen überrascht wurde Dave von einer unsichtbaren Faust aus Wind und Eis zu Boden geworfen und nach hinten mit der Schulter gegen eine nahe Wand geschleudert. Gesteinsbrocken wirbelten überall um ihn herum und schlugen teilweise nur Zentimeter neben ihm auf den Boden und in die Mauern ein.

All dies dauerte nur wenige Sekunden, dann herrschte wieder das Jaulen des Windes auf dem Dach.

Dave rollte sich herum und kam kniend wieder auf die Füße. Keuchend sah er nach, ob einer der Steine ihn nicht doch getroffen hatte, aber anscheinend war das Glück mit ihm gewesen.

Nach Vorn blickend und seine Pistole entsichernd, welche er verkrampft in seiner Hand hielt, stand er wieder auf und begann im Schutz der Mauern auf das flackernde Licht vor ihm zuzulaufen.

Das Licht war keine 10 Meter mehr entfernt schätzte Dave, während er sich durch den matschigen Schnee weiter voran trieb. Mit einer Hand versuchte er den eisigen Wind, welcher gnadenlos auf sein Gesicht einpeitschte, abzublocken. Mit der anderen umklammerte er seine Pistole.

Blau flackernd schimmerte das Licht nun hinter einem der nächsten Schornsteine hervor. Dave hastete zu einer nahen Mauer und warf sich in Deckung.

„Polizei! Stellen sie ihre Aktivitäten ein!“ Dave versuchte das Jaulen des Windes zu übertönen, schrie so laut er konnte, aber er war sich nicht sicher, ob es ihm gelungen war.

Erst passierte einige Sekunden lang gar nichts, dann übertönte ein langgezogenes Heulen und Schreien den Wind.

„Polizei,“ brüllte Dave erneut, dann spähte er um die Mauer in Richtung des flackernden Lichtes. Verdammt, er konnte noch immer nichts erkennen.

Sekunden verstrichen, das Heulen verebbte.

„Shit, dann halt auf die harte Tour,“ murmelte Dave. Er sprang um die Ecke seiner Deckung und sprintete, die Pistole im Anschlag, auf das blaue Glühen zu.

Er passierte eine Mauer, dann eine weitere, dann die letzte.

Er erblickte die Szenerie vor sich.

Daves Augen weiteten sich, sein Mund verzog sich zu einem angsterfüllten Schreien.

Die folgenden Sekunden liefen wie in einer extremen Zeitlupe ab und Dave fühlte sich vollkommen unfähig seinen Körper oder seinen Geist zu kontrollieren. Bilder verschwammen ineinander, überlagerten sich mit Geräuschen und Gefühlen und ließen Dave in ein dunkles, vollkommen unlogisches und chaotisch brüllendes Loch fallen.

Einen Augenblick lang stand Dave noch auf seinen Füssen, seine Waffe umklammert, dann spürte er den Wind an seiner Kleidung reißen. Hatte er seine Waffe abgefeuert?

Er fühlte sich schwer. Fiel er? Wohin? Wie tief?

Ein unerwarteter Aufprall raubte Dave seines Atems und seiner Sinne.

 

 

-2-

 

Dumpfe Geräusche drangen an Daves Ohren.

Es schien, als schwebte er auf einer warmen, nässenden Wolke durch ein unerklärlich fremdes Nichts. Er fühlte seinen Körper nicht, seine Gedanken schienen wie grelle Blitze durch die Dunkelheit seines Geistes zu blitzen.

Die Zeit war nicht existent. Es schien, als ob er eine Ewigkeit an ein und der selben Stellen schweben würde. Vielleicht waren aber auch nur Sekunden vergangen.

Dave konnte keinen klaren Gedanken fassen. Alles, was auf ihn einwirkte, waren undeutliche Gefühle.

Es schien ihm, als ob er nicht allein war, als ob sich Wesen um ihn herum aufhalten würden. Deuteten sie auf ihn? Sprachen sie zu ihm? Waren sie überhaupt existent?

Dave schwebte durch die Finsternis seines eigenen Geistes und die Welt, das Universum, schien sich chaotisch um ihn herum zu drehen.

Dann, plötzlich, blitzten Sterne um seinen tauben und stummen Geist. Lichter und Geräusche schälten sich aus dem Nichts, legten sich störend um seinen Körper.

Dave wollte sich wegdrehen, sich vor den quälenden Eindrücken abwenden und schützen, aber sein Körper versagte ihm den Dienst.

Sein Geist öffnete sich wie eine Blume zu den Strahlen der Morgensonne und die reale Welt stürzte auf Dave ein.

„Mr. Simmons?“ Die Stimme drang seltsam verzerrt und dumpf an Daves Ohren, aber er konnte ihren Wortlaut und den sich daraus ergebenden Sinn einigermaßen verstehen.

Er wollte antworten, aber das einzige, was er hervorbringen konnte, war ein knurriges Stöhnen, welches in seinem Geist seltsam nachhallte.

Eine Hand legte sich auf seine Stirn. Sie war warm und fühlte sich unnatürlich an. Keine Haut.

„Liegen sie bitte ruhig, Mr. Simmons,“ sagte die Stimme nun.

Langsam, nach und nach, eröffnete sich Dave noch eine Welt neben den Geräuschen, welche an sein Ohr drangen und dem Gefühl, an der Stirn berührt zu werden. Er öffnete seine Augen.

Zuerst erkannte er nur ein grelles Licht, welches ihn dazu zwang, seine Augen sofort wieder zu schließen. Dann, nachdem er sich zwang die Lider erneut zu heben, schälten sich graue Schemen aus dem Licht. Es dauerte trotzdem noch einige Augenblicke, bis Dave in den Schemen auch Formen und Bewegungen erkennen konnte.

Ein weißes Zimmer erschloss sich in den folgenden Sekunden Daves Augen.

Graue Schränke. Piepende Apparaturen. Ein Fenster, der Ausblick nach Außen durch eine herabgelassene Jalousie verwehrt. Ein Bett.

Er selbst lag in dem Bett, war durch unzählige Kabel an die blinkenden und summenden Geräte im Zimmer angeschlossen. Eine weiße Decke bedeckte seinen Körper.

Gestalten standen um das Bett herum, drei an der Zahl. Eine von ihnen nahm nun langsam seine in einem Glacéhandschuh steckende Hand von Daves Stirn und trat einen Schritt zurück. Er, es war ein Mann, trug einen weißen Arztkittel und schob sich nun seine Brille zurecht. Die beiden anderen Gestalten unterschieden sich nicht groß voneinander, anscheinend waren es Arztgehilfen oder etwas ähnliches.

Daves Blick fixierte sich auf den Arzt neben sich, er fühlte sich aber zu schwach, um seinen Kopf auch nur ein kleines Stück zu bewegen. So bewegten sich nur seine Augen und, einen Augenblick später, auch seine Lippen, ohne jedoch ein Geräusch zustande zu bringen.

„Schonen sie sich, Mr. Simmons,“ sagte der Arzt langsam. Nun konnte Dave die Stimme vollkommen verstehen, seine Ohren loteten Höhen und Tiefen des an ihn gerichteten Satzes genau aus.

Er schloss seine Augen.

„Auch wenn es erfreulich ist, dass sie nun endlich wieder bei Bewusstsein sind, Mr. Simmons, muss ich trotzdem darauf bestehen, dass sie sich auch weiterhin schonen müssen...“

Dave unterbrach den Vortrag des Arztes mit einem gurgelnden: „Was...“

Der Arzt stoppte seine Rede. Dave öffnete erneut seine Augen und richtete seinen Blick auf den weißgekleideten Mann.

„Sie fragen was geschehen ist?“ Der Arzt blickte kurz zu seinen Helfern, welche damit beschäftigt waren Notizen in kleine schwarze Bücher zu kritzeln und die summenden und piependen Apparaturen zu kontrollieren.

„Das wäre eher eine Frage, die wir ihnen gern gestellt hätten.“

Dave blickte unverständlich zu dem Arzt hinauf, welcher meilenweit von ihm entfernt zu stehen schien. Dave fühlte sich allein. Er hatte Kopfschmerzen.

„Ihre Kollegen fanden sie am Boden einer Gasse zwischen zwei Häusern in der 5. Strasse. Ganz in der Nähe habe es, so sagte man mir, einen kleineren Tumult oder eine Panik gegeben. Oh, nebenbei, ich bin Dr. Dawson, ich bin ihr Arzt.“

Dave wollte etwas erwidern, seine Lippen widersetzten sich allerdings seinen Befehlen und schienen aufeinander zu kleben.

„Sie lagen inmitten einem Haufen aus Kartons und Mülltonnen. Anscheinend sind sie gestürzt. Mir wurde gesagt, dass auf einem der an die Gasse angrenzenden Häuser Fußspuren von ihnen im Schnee gefunden wurden, die sehr abrupt endeten.“

Dave blickte den Arzt nur an. Er fühlte, wie seine Brust sich schwer hob und senkte, als er die kühle Atemluft in seine Lungen sog und ausatmete.

„Sie werden sich fragen, wieso ich ihnen all diese Fragen stelle, obwohl ich nur ihr Arzt bin. Ich habe meine Gründe. Einerseits muss ich ihr Krankheitsbild festlegen und andererseits wurde ich von ihren Kollegen mit den nötigen Informationen und Fragen an sie ausgestattet. Des weiteren ist dies hier die Intensivstation und unqualifizierte Besucher sind unerwünscht. Ihren Kollegen blieb also keine Wahl, als mich mit ihrer Befragung zu beauftragen. Um ehrlich zu sein muss ich auch sagen, dass ich diese Aufgabe nicht ganz ohne eigenes Interesse angenommen habe. Sie waren die letzten Wochen eine Art lebendes Rätsel Dave... für die Polizei, wie auch für die sie behandelnden Ärzte.“

Daves Augen weiteten sich leicht, als er das Wort ‚Wochen’ vernahm, aber sogar diese winzige Bewegung verstärkte seine Kopfschmerzen nur noch mehr.

„Schonen sie sich,“ sagte Dr. Dawson erneut, bis er seine vorherige Rede fortsetzte.

„Ich weiß, dass sie erschöpft sein müssen. Sie waren 23 Tage bewusstlos. Aber es ist auch wichtig zu erfahren, wie es zu den Vorfällen in der 5. Strasse kommen konnte.“

Daves Gedanken gingen auf eine stille Reise. Die Worte des Arztes verschwammen, verstummten und verloren an Sinn, als die Tatsache, dass er 23 Tage bewusstlos gewesen war, sich mit scharfen Krallen in Daves Herz bohrte.

„Mr. Simmons.“

„Mr. Simmons!“

„Dave!“ Der Arzt versuchte Daves Aufmerksamkeit zu gewinnen und berührte ihn mit der flachen Hand an der Schulter.

Mit einem schmerzhaften Zucken wurde Daves Geist in die Realität zurückgerissen. Seine Lippen verzogen sich zu einem erschrockenen Knurren. Dann setzten seine Kopfschmerzen wieder ein und trieben ihm den kalten Schweiß auf die Stirn.

Der Arzt, Dr. Dawson, sah beunruhigt auf seinen Patienten herab und runzelte die Stirn. Dann murmelte er einige kurze Worte zu einem seiner Gehilfen und wandte sich danach wieder Dave zu. Der Gehilfe verließ unterdessen den Raum.

Für eine Sekunde konnte Dave die Geräusche außerhalb seines Zimmers vernehmen: Lachen, Schreien, Weinen, gesprochene Worte, das Quietschen von Metallrädern auf Linoleumboden.

Dann fiel die Tür zu und schnitt all die Geräusche und Eindrücke augenblicklich ab.

„Dave... es ist von allerhöchster Wichtigkeit, dass sie mir einige Fragen beantworten, auf die ihre Kollegen keine Antworten gefunden haben.“

Der Arzt löste seine Handfläche von Daves Schulter. Der übriggebliebene Gehilfe blätterte einige Seiten in seinem Notizblock um und wartete anscheinend darauf, dass der Arzt weitersprach und irgendwelche Fragen an Dave richtete.

„Wie ich schon erwähnte entdeckte die Polizei ihre Spuren auf einem nahen Dach, wo sie aber plötzlich und abrupt endeten. Das Dach war vollkommen verwüstet. Steinsplitter der Verwüstung trafen auf einem nahen Gehweg vorbeigehende Fußgänger teilweise schwer. Einige von ihnen konnten das Krankenhaus jetzt noch nicht verlassen. Und dies bringt mich zu dem Rätsel, vor dem wir alle stehen, wenn wir sie, Dave, ansehen.“

Daves Gedanken sangen in seinem Kopf ein schmerzhaftes Lied. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„Dave...,“ begann Dr. Dawson wieder, „was ich mit all dem sagen will, ist folgendes: es ist vollkommen ungeklärt, wieso sie auf dem Haus waren, wieso das Dach verwüstet war und wie sie einen Sturz aus mindestens 30 Meter Höhe nahezu unverletzt überstehen konnten.“

Ein Bild blitze in Daves Kopf auf. Er erkannte ein unstetiges Licht, eine Berührung. Er fühlte den Wind an seiner Kleidung reißen. Nur einen Bruchteil eines Augenblicks lag alles Offen vor seinem Geist, dann verschloss sich seine Erinnerung vor ihm und ließ ihn sich schmerzhaft aufbäumen.

Erschrocken zuckte der Arzt zusammen, dann drückte er Dave an den Schultern wieder auf sein Bett. Er versuchte Dave in einem hastigen Befehlston zur Ruhe zu bringen: „Mr. Simmons!“

Daves Geist stand in Flammen. Er konnte sich an nichts erinnern.

Sein Körper zuckte unter dem festen Griff des Arztes.

Er wollte schreien, sich befreien. Er wollte weg, nur weg.

Den Stich der Spritze fühlte Dave nicht mehr, denn längst war sein Geist in einen Alptraum aus Schmerz und Blut herabgerissen worden.

 

 

-3-

 

Erneut schwamm Dave in der Finsternis seiner eigenen Bewusstlosigkeit.

Nun aber, nachdem sein Körper einige Momente der Realität genossen hatte, sponnen sich Erinnerungen und Erfahrungen der Außenwelt in die Finsternis ein.

Während Dave sich scheinbar schwerelos um seine eigene Achse drehte und von der beruhigenden und kalten Finsternis umschlossen war, schimmerten unstetige Bilder und Sinneseindrücke an seinem Geist vorbei.

Er sah das Hausdach vor sich. Er spürte seine Handflächen, wie sie auf dem kalten Stein der Brüstung lagen, während sein Körper den nahen Balkon verließ und das Dach betrat. Er hörte sein Blut rauschen und seinen Atem scharf zwischen seinen Lippen austreten. Er fühlte den rauen Wind auf seinem Gesicht, das kalte Metall der Waffe in seiner verkrampften Faust.

Er sah sich selbst über die Schulter, als er langsam durch den matschigen Schnee stapfte, welcher das Dach bedeckte. Ein bläuliches Schimmern war zwischen einigen Schornsteinen hindurch zu erkennen.

Dann begann seine eigene körperliche Form plötzlich zu verschwimmen. Der Schnee stob auf. Das Tosen des Windes wurde von einem neuen Geräusch überlagert und ersetzt, einem stetigen Piepen und Surren.

Er fühlte etwas an sich zerren. Er fühlte sich beobachtet.

Dann, urplötzlich, riss er seine Augen auf.

Es dauerte einige Momente, vielleicht waren es sogar mehrere Minuten, bis er sich gewahr wurde, dass er aufgewacht war und in einem finsteren Zimmer lag.

Stille herrschte um ihn herum. Nur das eintönige Piepen und Surren einiger Apparaturen störte die nächtliche Idylle.

Dave war allerdings nicht nach Idylle zu Mute. Er fühlte sich matt. Sein Kopf schien angewachsen zu sein und sandte pochende Schmerzwellen durch seinen Körper.

Stöhnend bewegte Dave langsam eine Hand. Zuerst schien sie sich seinen Befehlen wiedersetzen zu wollen, dann hob sie sich langsam.

Er wischte sich durch das schweißnasse Gesicht und atmete einige Male tief durch.

Dann stützte er sich mit seinen Ellenbogen auf das Bett und hob seinen Oberkörper langsam an.

Der Schmerz, der in diesem Augenblick durch seinen Körper raste, nahm ihm den Atem und ließ ihn keuchend zurückfallen.

Das Piepen der Apparatur direkt neben seinem Bett nahm an Intensität und Geschwindigkeit zu. Dave ignorierte es. Er zwang sich gleichmäßig zu atmen.

Erneut unternahm er den Versuch sich aufzurichten. Dieses Mal gelang es. Langsam aber steig wuchtete er sich in die Höhe, bis er es vollbracht hatte und aufrecht in seinem Bett saß.

Sein Kopf schmerzte, pochte und ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen. Er schloss seine Augen und versuchte den Schmerz zu ertragen.

Es mussten sicherlich wieder Minuten vergangen sein, als Dave seine Augen erneut öffnete.

Er befand sich noch immer in dem selben Raum, in dem er auch gelegen hatte, als er das letzte Mal aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht war. Nur war er dieses Mal allein im Zimmer.

Dave sah sich langsam um, fühlte die pochenden Schmerzen, welche ihm sein Kopf bereitete, dabei bei jeder noch so kleinen Bewegung.

Direkt neben seinem Bett stand ein Tisch, welcher voll mit medizinischen Apparaten gestellt war, deren Funktion Dave nicht einmal ansatzweise erraten konnte. Mehrere Kabel verließen einige der Geräte und endeten unter einem Verband, welcher um sein linkes Handgelenk gelegt worden war. Im Dunkel des Raumes grau erscheinende Schränke schienen wie leblose Zuschauer um sein Bett herum aufgereiht zu sein. Die Tür war in der Finsternis kaum zu erkennen, wohl aber das Fenster, dessen Jalousie nun nur halb geschlossen war und Dave einen kleinen Einblick in die Welt außerhalb des Zimmers, in welcher die Nacht regierte, eröffnete.

Dave blickte an sich herab. Er steckte in einem weißen Krankenhauskittel. Die antiseptisch wirkende Farbe hob sich nahezu nicht von dem ebenso weißen Bettbezug und dem Rest des Zimmers ab.

Langsam kehrte auch die Erinnerung an seine letzte Wachphase wieder zurück. Dave erinnerte sich an die Worte des Arztes, welcher ihm gesagt hatte, dass er sehr tief gefallen war. Stimmte es? War er gefallen?

Dave erinnerte sich nicht. Sein Kopf schmerzte zu sehr.

Mit einer langsamen Bewegung, Dave kam sich vor, als würde er sich Unterwasser bewegen, zog er seine Bettdecke zur Seite. Mit einem Rascheln sank die Decke zu Boden.

Dave tastete seinen Unterkörper ab, dann seine Beine. Er bewegte seine Füße, seine Zehen. Alles schien in Ordnung.

Wenn er wirklich über 30 Meter in die Tiefe gestürzt war, wie auch immer, wie hatte er es vollkommen unverletzt überstehen können?

Dave fröstelte. Eine Gänsehaut bildete sich überall auf seinem Körper. Er fuhr mit der Handfläche seiner rechten Hand, die nicht an die Apparaturen angeschlossen war, über die Haut seines linken Arms. Er atmete langsam, trotzdem fühlte er sich seltsam nervös.

Was war nur los mit ihm?

Die Mattheit, welche seinen Körper noch vor wenigen Minuten in ihrem eisigen Würgegriff festgehalten hatte, ließ nun von ihm ab.

Dave blickte zu Boden, sein Atem ging schneller. Er spürte sein Blut durch seine Adern fließen, fühlte seinen Puls gleichmäßig pochen.

Dann, sich selbst überraschend, schwang er in einer fließenden Bewegung seine Beine aus dem Bett und stand auf.

Fast wäre er seitlich zusammengebrochen, aber er zwang sich stehen zu bleiben, wenn auch schwankend.

Sein Kopf sandte Schmerzwellen durch seinen Körper, als wenn er ihn dafür bestrafen wollte so etwas dummes, wie plötzlich aufstehen, getan zu haben. Erneut schloss Dave die Augen und ertrug den Schmerz.

Es dauerte mehrere Augenblicke, bis er sich sicher genug fühlte, die Augen erneut zu öffnen. Das Surren und Piepen der nahen Apparaturen und der Schmerz in seinem Kopf überlagerten dabei seine Gedanken, so dass er an nichts anderes denken konnte, als stehen zu bleiben.

Dann, nach eigen Sekunden der Orientierung, bewegte er sich langsam auf das Fenster in seinem Raum zu. Er kam nicht sehr weit, denn die Kabel, welche sein linkes Handgelenk mit dem piependen Gerät verbanden, ließen ihm keinen weiten Bewegungsspielraum.

Mit einem kurzen Knurren zog Dave die Kabel unter dem Handgelenksverband hervor. Ein kurzer Schmerz war die direkte Konsequenz, aber dieser wurde schnell von Daves Kopfschmerzen überlagert.

Die Kabel zu Boden fallen lassend trat Dave an das Fenster, während der medizinische Apparat mit einem langezogenen Piepen seinen Unmut kund tat.

Daves Schritte wurden sicherer. Er fühlte sich mit jeder Minute die verstrich besser und besser, wenn er von seinem Kopf absah.

Mit einer kurzen Bewegung zog Dave die Jalousien surrend nach oben.

Ein weiter, dunkler Park eröffnete sich seinem Blick. Schneebedeckte Bäume säumten kaum  erkenntliche, sich zwischen ihnen hindurch schlängelnde, Wege. Weitere Krankenhausgebäude und die unwirklich erscheinende Skyline der Stadt zeichneten sich grau in grau in der Dunkelheit ab. Daves Zimmer lag anscheinend im ersten Stock, so dass ihm einige nahestehende Bäume klein und unwichtig erschienen. Der Himmel war von dichten Wolken bedeckt, kein Stern war zu erkennen.

Ein Windstoss wehte Schnee in dichten Wolken von den Bäumen.

Dave stützte sich mit seinen Handflächen auf das kühle Fensterbrett. Er atmete ungewohnt hastig. Die unverständliche Nervosität legte sich als kalter Schweiß auf seine Stirn.

Dann riss die Wolkendecke über dem Krankenhaus plötzlich auf und machten dem gelblich am Himmel hängenden Vollmond platz. Das fahle Licht des Erdtrabanten ergoss sich von einem Augenblick auf den anderen über den Krankenhauspark und ließ Dave seine Augen aufreißen.

Seine Schläfen pochten.

Er erblickte eine Gestalt, die sich keine 15 Meter von seinem Fenster entfernt in einen Busch zwischen zwei Bäumen geduckt hatte und gerade dabei war, ihre Position leicht zu verändern.

Es war, als ob die Gestalt flackernd in dem Meer aus Dunkelheit und Schnee herausstach und jede ihrer Bewegungen, sei sie auch noch so klein, sie gnadenlos offenbarte.

Daves Hände verkrampften sich, klammerten sich schmerzhaft an das Fensterbrett. Er spürte sein Herz schneller und schneller schlagen. Es pumpte sein scheinbar kochendes Blut zuckend durch seine Adern. Er atmete schneller, ungleichmäßiger. Schweiß stand auf seiner Stirn. Dave hustete, keuchte. Ein kurzes Knurren entglitt seiner Kehle.

Erneut kam Bewegung in die Gestalt, welche sich im Park versteckt gehalten hatte. Inmitten des vom Wind aufgewirbelten Schnees konnte Dave sie genau erkennen, als sie sich aufrichtete und hastig davonlief.

Innerhalb von Augenblicken war die Gestalt in der schneeverwehten Finsternis verschwunden.

Daves Atem ging schnell. Seine Finger schmerzten. Sein Kopf schien zu platzen, dermaßen stark hämmerten die Kopfschmerzen in ihm.

Seine Finger...

Dave blickte zu seinen Händen herab, welche noch immer das Fensterbrett umklammert hielten.

Seine Augen weiteten sich erneut, als er seine Hände langsam entkrampfte und auf das Fensterbrett starrte. Überall dort, wo seine Finger gelegen hatten, war das schwere Holz gesplittert und eingedrückt worden. Er hatte das Fensterbrett zerbrochen.

Mit zitternden Lippen trat Dave einen Schritt zurück, dann noch einen.

Was geschah hier?

Wer war diese Gestalt gewesen, welche offensichtlich ihn, Dave, beobachtet hatte?

Hektisch sah sich Dave in dem Raum um. Er hörte aufgeregte Stimmen und schnelle Fußschritte außerhalb seines Zimmers. Es war alles sehr deutlich. Eigentlich viel zu deutlich.

Das langgezogene Piepen des Apparates, dessen Kabel er sich aus dem Handgelenk gezogen hatte, erinnerte Dave daran, weshalb sich Schritte seinem Raum näherten.

Was wäre, wenn sie ihm erneut Fragen stellen würden, wenn auch nur wegen dem Fensterbrett?

Was wäre, wenn sie ihn erneut unter Drogen setzen würden?

Die Schritte näherten sich, fast konnte er die Gestalten schon riechen.

Dave zitterte. Sein Atem klang abgehackt in seinen Ohren.

Dann, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, drehte er sich auf der Stelle um, hastete einige Schritte voran und warf sich mit vor das Gesicht gepressten Armen durch das Fenster seines Zimmers.

In einen Scherbenregen gehüllt stürzte Dave in die Tiefe. Er versuchte sich zu drehen, aber sein Körper schien ihm nicht zu gehorchen und bewegte sich anders, als er es ihm befehlen wollte.

Hinter ihm flutete gelbliches Licht aus dem an sein Zimmer angrenzenden Gang in den Raum. Der unwirkliche Schein lies die in die Tiefe wirbelnden Glasscherben irreal aufblitzen und wie kleine Kometen erscheinen, die in einer Atmosphäre verglühten.

Stimmen wurden laut, jemand schrie Daves Namen.

Dave sah den Boden schnell näher kommen. Ein gurgelndes Knurren ausstoßend sah er, wie seine Arme vorschnellten und sein Körper der Bewegung folgte.

Mit einem dumpfen Geräusch landete er schräg gedreht in dem durch den Aufprall aufwirbelnden Schnee, rollte sich ab. Die Atemluft wurde brutal aus seinen Lungen gepresst und kleine Sonnen explodierten vor seinen Augen.

Das Pochen in seinem Kopf nahm noch einmal an Intensität zu. Geräusche klangen verzerrt in seinen Ohren.

Dann, völlig unvermittelt, sah er sich durch den eisigen Schnee laufen. Er wusste nicht, ob er der Herr seiner eigenen Bewegungen war, er fühlte einfach nur den unüberwindbaren Drang zu laufen und zu flüchten.

Er sah nicht zurück und ignorierte die Schreie hinter sich, als er in die Dunkelheit unter den Bäumen des Krankenhausparks eindrang.

 

 

-4-

 

Es mussten mehrere Stunden vergangen sein, denn die Sonne stand mittlerweile irgendwo über den Häusern der Stadt und versuchte vergeblich der Kälte des Winters Einhalt zu gebieten.

Da die Sonne in dieser Jahreszeit keine Kraft besaß und Dave immer noch nur in seinen dünnen Krankenhausmantel gehüllt war, fror er erbärmlich.

Nach einer schier end- und völlig kopflosen Flucht hatte er sich in einer Gasse wiedergefunden, von der er nicht sagen konnte, wo sie genau lag.

Dave hatte sich zitternd und keuchend zwischen einige hoch aufragende Mülltonnen in einen Berg aus Zeitungen fallen lassen. Das Pochen in seinem Kopf war ein wenig abgeklungen und legt sich nun mehr dumpf drückend auf sein Gemüt.

Wie lange er nun schon in diesem Versteck verharrte konnte er nicht sagen. Sein Zeitgefühl war ihm vollkommen abhanden gekommen, da er mehrmals für eine unbestimmte Zeit eingeschlafen war.

Ob er jedoch glücklich war, wieder aufgewacht zu sein, konnte er sich selbst nicht beantworten.

Seine Füße, er trug nicht einmal Schuhe, fühlten sich kalt an. Als Dave seine zitternden Finger darüber fahren lies, fühlte er kaum etwas.

Er musste ins Warme. Schnell.

Er wusste sogar schon, wohin er gehen musste, um warm und sicher zu sein. Er musste nach Hause gehen. Seine Frau würde auf ihn warten. Er würde zu Essen bekommen. Er könnte in Ruhe schlafen.

Nach Hause. Wie lange er nicht mehr dort gewesen war.

Nur wie sollte er in dem Zustand, in dem er sich befand, halb erfroren und kaum bekleidet, den Weg nach Hause finden?

Dave fühlte seinen Körper kaum, als er fast mechanisch aufstand und sich in der Gasse umblickte.

Dann, nahezu instinktiv, drückte er sich wieder in die Schatten zwischen den Mülltonnen.

Schritte näherten sich, er hatte die Silhouette einer näherkommenden Gestalt am anderen Ende der Gasse entdecken können.

Daves Atem ging wieder schneller, er vergaß die Kälte, welche sich wie eine tödliche Decke um seinen Körper gelegt hatte.

Die Schritte näherten sich.

Daves Schläfen pochten.

Dave wollte seine Hände of seine Ohren pressen, als er den Atem der sich nähernden Person deutlich wahrnahm... das konnte nicht sein! Sein Körper verweigerte ihm allerdings den Dienst und spannte sich.

Dave schluckte. Die Schritte näherten sich auch weiterhin. Seine Hand suchte nach irgend etwas, tastete zwischen den Mülltonnen. Dann, als das Schrittgeräusch Daves Versteck nahezu erreicht hatte, umfasste seine suchende Hand eine an eine der Mülltonnen gelehnte, kurze und verbogene Metallstange.

Dave wollte aufschreien, sich selbst zurück halten, aber er war unfähig dazu.

Mit einer kurzen Bewegung sprang er vor, blickte wild in die Augen des anzugtragenden Fremden und lies die Metallstange seitlich auf dessen Kopf zusausen.

Die Augen des Mannes blitzen vor Furcht auf. Dave konnte sich selbst für den Bruchteil einer Sekunde in ihnen erkennen. Er sah ein zu einem Knurren verzogenes Gesicht und wild blitzende, ungnädige Augen. Er fürchtete sich selbst für diesen winzigen Zeitpunkt mehr, als irgend etwas anderes auf der Welt.

Dann hatte er den Zeitpunkt passiert, die Metallstange traf dumpf auf dem Kopf des Fremden auf und schickte ihn taumelnd und gurgelnd zu Boden. Ein dünner Blutfaden rann aus der geschlagenen Wunde in den Schnee.

Dave lies die Stange aus seinen verkrampften Fingern zu Boden fallen, wo sie metallisch klingend einen kleinen Bogen rollte und dann in einer matschigen Schneepfütze liegen blieb.

„Verdammt,“ presste Dave leise hervor. Es war das erste Wort, welches er seit Langem von sich gegeben hatte und seine eigene Stimme klang fremd für ihn.

Dann begann er dem nun bewusstlos vor ihm liegenden Mann die Kleidung auszuziehen.

Wieso tat er das? War er kein Polizist?

Wieso fühlte er sich wie ein gejagtes Tier?

Was hatte ihn zu dieser Tat getrieben?

Sein Kopf schmerzte, als er Antworten auf all diese Fragen zu finden versuchte und er zwang sich erst einmal zur Ruhe und entkleidete den Fremden.

Die Kleidung, ein nicht billig aussehender schwarzer Anzug, war Dave vielleicht einige Nummern zu groß, aber dies war ihm lieber, als wenn er sich in zu kleine Kleidung hätte zwängen müssen.

Nach wenigen Minuten hatte Dave den Anzug des Mannes übergestreift und den Bewusstlosen zwischen den Mülltonnen versteckt. Er hoffte, dass der Mann ihn nicht identifizieren werden könnte. Ansonsten könnte er, Dave, weitere Probleme bekommen.

Für den Bruchteil eines winzigen Augenblicks erhob sich eine bösartige Idee aus den tiefsten Tiefen seines Unterbewusstseins. Er könnte dieses Problem leicht aus dem Weg schaffen, er müsste nur den Metallstab...

NEIN!

Mit einem angewiderten Blick taumelte Dave zurück, eine unglaubliche Furcht vor sich selbst empfindend.

Er blickte sich in der Gasse um, dann suchte er in den Taschen des Anzugs mit zitternden Fingern nach Geld.

Nur Augenblicke später hatte er einige Dollars in einer der Taschen gefunden. Pläne, Gedanken und Ideen zuckten durch seinen Geist. Er konnte keinen der Blitze fangen und im Detail betrachten, er war verwirrt.

Dann, mit einem letzten Blick auf den bewusstlosen, halb unter einem Zeitungsstapel verborgenen Mann, verlies Dave die Gasse und mischte sich in die Massen an Menschen, welche die Bürgersteige füllten.

Er würde nach Hause fahren.

 

 

-5-

 

Das Taxi hielt mit im Schneematsch leicht weiterrutschenden Reifen, als der Fahrer es geschickt in eine Parklücke steuerte und dann die Bremse voll durchtrat.

Dave wurde kurz nach Vorn geschleudert, aber der Anschnallgurt stoppte die ungewollte Bewegung plötzlich und schmerzhaft.

Der Taxifahrer drehte sich zu Dave um, welcher auf dem Beifahrerplatz saß, und blickte ihn dabei nicht wirklich an.

Er schien in der durchgefrorenen Gestalt Daves eher einen Quell des Geldes zu sehen.

Deswegen lächelte der Fahrer wohl auch, als er 10 Dollar von ihm verlangte.

Mit einem kurzen Nicken bestätigte Dave den Betrag, drückte dem Fahrer das verlangte Geld in die Hand und stieg dann schnell aus dem Wagen aus.

„Schönen Abend wünsche ich noch,“ rief ihm der Taxifahrer hinterher, als er sein Fahrzeug aus der Parklücke heraus und auf die Strasse lenkte.

Dave wusste, das dies nur eine leere Phrase gewesen war.

Trotzdem hatte der Mann recht gehabt, als er den Abend erwähnt hatte. Dave musste wirklich lang in der Gasse geschlafen haben, denn die Sonne ging langsam hinter der Skyline der Stadt unter.

Dave befand sich aber nicht mehr wirklich inmitten der Stadt, vielmehr hatte er den Taxifahrer in eines der Randgebiete fahren lassen. Hier hatte Dave ein Haus. Hier lebte er.

Seine Frau würde auf ihn warten.

Er blickte die Strasse hinab, die durch das Licht der untergehenden Sonne in ein unwirkliches Rot getaucht war. Kleine Einfamilienhäuser mit einem davor liegenden Garten reihten sich wie Glieder einer Kette aneinander und verloren sich zu beiden Seiten in der heraneilenden Dunkelheit des Abends.

Kein Mensch war zu sehen und nur wenige Autos quälten sich über die ungeräumten, schneebedeckten Strassen, an deren Seiten sich kleine Berge aus grauem Matsch angehäuft hatten.

Dave war dies sogar Recht, er hatte wenig Lust mit irgendeinem neugierigen Nachbarn zu reden und sich Lügen einfallen zu lassen, was denn alles mit ihm geschehen sei.

Denn er wusste es nicht. Er hatte keine Ahnung, was ihn zu all dem getrieben hatte, was ihm die letzten Stunden geschehen war. Und, was noch viel seltsamer war, er hatte keine Ahnung, was vor alledem passiert war.

Sein Kopf pochte schmerzhaft, als er in dem über ihn hineinbrechenden Zwielicht  seinen Weg die Strasse hinauf antrat.

Er versuchte alle unwichtigen Gedanken aus seinem kopf zu verbannen, als er die Häuser, welche den Gehweg säumten, passierte.

Was nun zählte war ein sicheres Haus, etwas zu Essen, ein warmes Bett und seine Frau.

Schattenhafte Gestalten bewegten sich hinter zugezogenen Vorhängen der golden beleuchteten Fenster der Häuser.

Daves Herz pochte heftig, als er in dem grauen Zwielicht, welches sich nach dem Verschwinden der Sonne über die Stadt gelegt hatte, sein Haus erkannte.

Seine Schritte beschleunigend ging er auf das Haus zu, seine gestohlenen Schuhe traten dabei durch den mit Streusand durchsetzten Schneematsch.

Dann, einige kurze Minuten später, trat er durch das Tor seines Gartens und lenkte seine Schritte über den schneegesäumten Weg auf die Eingangstür seines Hauses zu.

Mit einem Lächeln auf den Lippen klopfte er gegen die Tür. Dann wartete er einige Augenblicke, in denen er sich noch einmal in dem kleinen, schneeverwehten Garten vor dem Haus umsah. Es kam ihm so unendlich lange vor, dass er und seine Frau hier gesessen hatten. Von der warmen Sommersonne beschienen hatten sie zusammen gelegen und von der Zukunft geträumt.

Niemals hätte Dave damals daran gedacht, dass alles einmal zu der Situation führen könnte, in der er sich nun befand.

Weitere Momente vergangen.

Hätte er kein Licht hinter den Fenstervorhängen gesehen, hätte Dave angenommen, dass Carroll, seine Frau, nicht daheim gewesen wäre.

Des weiteren stand ihr kleiner, roter Mitsubishi an der Strasse geparkt.

Wo sollte sie zu so später Stunde ohne Auto hingegangen sein? Zu den Nachbarn hatten sie beide keinen Kontakt.

Sie musste also zu Hause sein. Nur Carroll konnte ihm die Ruhe geben, die er nun brauchte. Und nur sie konnte ihm eventuell Informationen geben. Sie war Reporterin von Beruf, sie konnte einiges gehört haben.

Während Dave sich mit einer Hand den schmerzenden Kopf hielt, horchte er angespannt, ob er Geräusche aus dem Haus vernehmen könnte.

Schritte.

Er hörte Schritte, die sich langsam der Haustür näherten.

Sein Herz schlug schneller, Gedanken blitzten in seinem Geist auf. Er unterdrückte sie.

Die Tür wurde geöffnet und Carroll stand in ihrer ganzen Schönheit vor Dave. Das Licht, welches aus dem Haus schien, hüllte sie in einen goldenen Schimmer.

Ihre Augen weiteten sich bei seinem Anblick. Sie schien unsicher, was sie tun sollte.

Dave stürzte vor und umarmte sie zitternd. Sie erwiderte die Umarmung und schmiegte sich an seine verdreckte und schneebedeckte Gestalt.

„Dave... was...,“ begann Carroll schluchzend, aber ihre Worte gingen in einem Schwall aus Tränen unter.

Dave drückte sich an sie, fühlte ihren zitternden Körper. Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter, roch ihr Haar, murmelte Worte, deren Sinn nicht einmal er verstand.

Erst nach langen Minuten lösten sie sich voneinander. Einige folgende Augenblicke lang sahen sie sich nur in die Augen. Carrolls Lippen zitterten. Sie fror.

Zusammen betraten sie den direkt hinter der Tür liegenden Wohnraum. Carroll schloss die Tür hinter Dave und blickte ihn dann wortlos an.

Dave erwiderte ihren Blick dieses Mal nicht, stattdessen entledigte er sich seiner eisigen Anzugjacke, welche schwer zu Boden sank.

Dann blickte Dave auf, sein Blick traf sich erneut mit dem ihren.

„Dave...,“ begann Carroll mit einer Stimme, die sich für ihn nicht beruhigender hätte anhören können, „was ist nur geschehen?“

Dave spürte langsam eine große Müdigkeit in seinen Körper fahren und er setzte sich auf einen der im Wohnraum stehenden Sessel.

Dann senkte er seinen Blick, besah sich seine nasse Kleidung und atmete keuchend aus.

„Ich... weiß es nicht,“ begann er leise, „irgendwie verstehe ich die Welt um mich herum derzeit überhaupt nicht mehr...“

Er blickte auf, schaute seine Frau an. Carroll stand noch immer nahe der Tür und war in einen dunkelblauen Bademantel gehüllt. Ihre langen blonden Haare hoben sich gegen den dunklen Stoff und ihr besorgt blickendes Gesicht deutlich ab. Ihre Finger spielten nervös mit dem dünnen Gürtel, welcher den Mantel zusammenhielt.

Den Blick aus Carrolls hellblauen Augen kaum erwidernd sprach Dave in einem monotonen Ton weiter: „Irgendwie ist etwas mit mir geschehen in den letzten Wochen... was weißt du alles, Carroll? Was haben sie dir erzählt?“

Carroll setzte sich selbst nun auch in einen der Sessel und legte ihre zitternden Hände in ihren Schoß.

„Es waren anfangs öfters Polizisten hier. Sie stellten mir Fragen, berichteten mir ein wenig von dem, was passiert ist. Dave... 30 Meter!“

Dave nickte kurz.

„Sie erzählten mir von deinem Sturz. Dann verboten sie mir auch noch, dich im Krankenhaus zu besuchen! Sie sagten etwas von ‚unvollendeter Beweisaufnahme’ oder so etwas!“ Carrolls Stimme wurde lauter, sie ärgerte sich. „Nicht einmal mit meinem Presseausweis durfte ich zu dir. Ich durfte also warten und... Dave... wieso bist du nun so plötzlich hier?“

Sie blickte ihn an, aber Dave hatte längst den Boden fixiert und wurde wieder von den Schmerzen  in seinem Kopf gequält.

„Was ist das für Kleidung...? Dave... was ist geschehen?“

Dave legte eine Handfläche auf eine seiner pochenden Schläfen. Die Stimme seiner Frau erreichte ihn nur seltsam verzögert. Ihre Worte machten keinen wirklichen Sinn.

„Ich... ich... gehe duschen, bin gleich... wieder da...,“ brachte Dave zwischen seinen zusammengepressten Lippen hervor, dann stand er zitternd auf.

Carroll hinter sich lassend, taumelte er die Treppe in den ersten Stock hinauf und krallte sich dabei mit seinen kraftlosen Fingern in dem Treppengeländer fest.

„Dave... was...,“ die Stimme Carrolls verstummte in Daves Ohren, als er den Flur im ersten Stock entlang stapfte und die Tür zum Badezimmer aufriss.

Erst als er die Tür hinter sich zufallen lies, sie abschloss und sich dann kraftlos auf den Rand der Duschwanne setzte, lies das Chaos in seinem Geist langsam nach.

Er schloss seine Augen, atmete keuchend.

Was geschah nur mit ihm? Wieso reagierte er, wie er reagierte?

Er musste zur Ruhe kommen, nachdenken. Er musste sich ausruhen und zu Atem kommen.

Mit einem leisen Stöhnen stieg er aus seiner völlig durchnässten Kleidung und trat unter die Dusche.

Augenblicke später ergoss sich der warme Wasserstrom über seinen zitternden Körper und hüllte ihn in einen warmen Dunst ein.

Dave legte den Kopf in den Nacken und schloss seine Augen.

 

 

-6-

 

Das weiche Handtuch um die Taille geknotet stand Dave vor dem noch halb beschlagenen Badezimmerspiegel. Er lies die scharfen Klingen des Rasierers wieder und wieder über die Bartstoppeln in seinem Gesicht fahren. Das Krankenhauspersonal hatte ihn anscheinend ab und an rasiert, aber sie schienen ihren Job in dieser Hinsicht nicht wirklich gut ausgeübt zu haben.

Er spülte sich den vom Rasieren übrig gebliebenen Schaum mit klarem, kalten Wasser aus dem Gesicht.

Sein Gesicht, welches ihm aus dem Spiegel entgegenblickte, lies ihn einige Augenblicke inne halten. Er sah erschöpft aus. Seine vormals hellgrünen Augen blickten ihm stumpf und kraftlos an. Seine durch das Handtuch nur spärlich trockengerubbelten Haare klebten an seinem Kopf, dessen Hautfarbe eher als fahl zu bezeichnen war.

Mit der Fläche einer Hand wischte Dave über den beschlagenen Spiegel und fühlte die Kälte des Glases auf seiner Haut.

Dann blickte er an sich herab. Keine Wunde, keine blaue Stelle. Kein Kratzer. Nichts. Er war vollkommen unverletzt. Gut, nach einer so langen Bewusstlosigkeit konnte einiges verheilt sein, aber nach einem Sturz aus gut 30 Metern mussten sich zumindest irgendwelche Spuren auf seinem Körper finden lassen.

Verdammt, was war nur geschehen? Wieso konnte er sich an nichts mehr erinnern, was mit seinem Sturz zu tun hatte?

Seine Kopfschmerzen meldeten sich wieder mit ihrer gewohnten Intensität und Daves Gesicht verzog sich schmerzerfüllt.

Er musste sich etwas Aspirin besorgen.

Dave blickte sich nach einem Bademantel oder etwas ähnlichem um, fand aber nichts brauchbareres, als ein einsames Handtuch, welches er sich um seine Hüfte knotete.

Mit einem letzten kurzen Blick in den Spiegel verlies er das Badezimmer nur Augenblicke später und ging langsam durch den dunklen Flur.

Der weiche Teppich fühlte sich vertraut unter den nackten Sohlen seiner Füße an.

Dave lies seinen Blick durch den Gang wandern. Er fühlte sich seltsam fremd zwischen all den bekannten Bildern, Pflanzen und Möbeln.

Er blickte auf eines der Bilder, Billard spielende Hunde, und lauschte der Stille.

Aber da war keine Stille. Er hörte unerwartete Geräusche.

Aus dem Wohnraum des Hauses drangen Stimmen an seine Ohren, die auf keinen Fall aus einem Fernseher oder einem Radio stammen konnten.

Dave stand vollkommen still da. Irgendetwas hinderte ihn daran, die Quelle der Geräusche persönlich aufzusuchen.

Er lauschte.

Es vergingen einige Sekunden, bis er sich auf die kaum zu verstehenden Stimmen eingestellt hatte, dann aber konnte er sie über das schmerzhafte Pochen in seinen Schläfen hinweg vernehmen.

„...ist oben. Er duscht.“ Das war die Stimme von Carroll. Sie klang weniger besorgt als mehr verängstigt.

„Wie ist sein Zustand?“ Eine männliche Stimme mit einem seltsamen Akzent sprach nun.

„Seltsam. Irgendwie abwesend.“

„Erschien er ihnen aggressiv? Verwirrt?“

„Er war kaum ansprechbar, hielt sich nur dauernd den Kopf.“

Dave stand vollkommen still in dem dunklen Flur. Die Treppe, welche hinab zu den Stimmen seiner Frau und dem Fremden führte, befand sich nur wenige Meter links von ihm.

„Was werden sie tun?“ Carrolls Stimme klang kalt in Daves Ohren.

„Wir werden ihn in Gewahrsam nehmen.“

Mit einem Keuchen ging Dave in die Knie, das Handtuch rutschte von seiner Hüfte. Das Pochen in seinem Kopf nahm eine neue Dimension an.

„...war das...?“ Die Stimmen drangen plötzlich wieder nur noch dumpf zu ihm hinauf.

Daves Blut rauschte in seinen Ohren.

Carroll hatte ihn verraten. Sie hatte Fremde in das Haus, sein Haus, eingelassen, um ihn, Dave, erneut festzusetzen! Er würde sich nicht wieder einsperren lassen.

Sich mit einer Hand am Boden abstützend drehte Dave seinen Körper nach rechts und hastete dann in Richtung der Tür am Ende des Flurs. Dort lag das Schlafzimmer von ihm und Carroll.

Daves Kopf schien schmerzhaft anzuwachsen, als er die Tür noch im Laufen aufriss und in das dunkle Schlafzimmer stürzte.

Schritte polterten hinter ihm die Treppe in den ersten Stock hinauf.

Während sein Herz schneller und schneller zu schlagen begann, riss Dave einen der nahen Kleiderschränke auf und griff eine Hose sowie ein Hemd. Dann, noch in der selben Bewegung, warf er die Tür zu, schloss sie ab und stellte in einem verzweifelten Versuch einen Stuhl gegen die Türklinke, so wie er es vorher in zu vielen schlechten Filmen gesehen hatte.

Hastige Schritte näherten sich der Tür auf der anderen Seite, dann schlug jemand mit der Faust gegen das weißgestrichene Holz.

„Mr. Simmons! Öffnen sie!“ Es war die Stimme des Mannes, welcher zu Carroll gesprochen hatte. Aber er war nicht allein. Dave hatte mehrere schwere Schritte im Flur gehört.

Ohne zu antworten zog sich Dave die Hose und das Hemd an.

Die Schläge gegen die Tür wurden intensiver, die Türklinke wurde vehement niedergedrückt und wieder nach oben gerissen.

„Mr. Simmons! Wir sind von der Krankenhaus-Sicherheit! Die Polizei ist bereits auf dem Weg! Seien sie vernünftig!“ Die Stimme drang hart und kalt an Daves Ohren, aber er ignorierte die Botschaft und hastete an dem großen Doppelbett vorbei, in welchem er und Carroll viele schöne Stunden verbracht hatten, auf das Schlafzimmerfenster zu.

Keuchend riss er die Vorhänge zur Seite und blickte in die Finsternis der Nacht hinaus.

Wie er sich gedacht hatte, befanden sich in dem Garten vor dem Haus, über welchem das Fenster hing, Gestalten. Zwei Männer waren es, die nahe der Eingangstür standen und gerade anscheinend von einer sich im Haus befindlichen Person Befehle zugerufen bekamen. Anscheinend koordinierte der Mann, welcher soeben noch an der Schlafzimmertür gewesen war, seine Helfershelfer.

Dave hatte keine Zeit zu verlieren.

Mit einem Knurren öffnete er in einer kurzen Bewegung das Fenster und sprang, ohne einen Blick zurück zu werden, in die Tiefe.

Der Fall war kurz und nur einen Augenblick später landete er in dem aufwirbelnden Schnee. Er war sich der Tatsache, dass er sich erneut auf der Flucht befand, dabei sehr wohl bewusst. Diese Tatsache wurde aber von dem Trieb diese Flucht zu überstehen überdeckt.

Einer der an der Haustür stehenden Männer, er trug einen dunkelgrauen Mantel und hatte einen Hut tief in sein Gesicht gezogen, drehte sich erschrocken zu Dave um.

Er wollte seinem nahestehenden und noch immer ins Haus blickenden Kollegen eine Warnung zurufen, aber Dave war schneller.

Ohne einen Gedanken an irgend etwas zu verschwenden sprang er vor, fühlte seine Muskeln wie auf einen instinktiven Befehl reagieren. Sie katapultierten ihn auf den Mantelträger und seinen Kollegen zu.

Noch bevor der Fremde seine Arme hochreißen konnte war Dave schon mit ihm kollidiert und stürzte mit ihm zusammen in den Schnee. Mit einem Knurren schlug Dave dem Mann seine Handfläche in das Gesicht. Er spürte das Nasenbein des Mannes brechen und Blut über seine eigene Handfläche spritzen.

Dave ignorierte sowohl das Blut als auch den panischen Gesichtsausdruck des Mannes, als er wie in einer irreal beschleunigten Bewegung unter den Mantel des Fremden fasste, um etwas zu greifen, was er bei der Kollision mit ihm bereits gespürt hatte.

Daves Finger ergriffen kaltes Metall und er zog die Pistole des Gefallenen aus dessen Gürtelhalfter. Dann sprang er wieder auf seine Beine, wirbelte herum und richtete den Lauf der Waffe auf den Kollegen des nun blutend im Schnee liegenden Mannes.

Die ganze Aktion hatte vielleicht zwei Sekunden gedauert.

Über den Lauf der Waffe hinweg, die Dave in seinen verkrampften Fingern hielt, konnte er den vollkommen erschrockenen Blick des vor der Haustür stehenden Fremden erkennen. Dahinter, in das goldene Licht der Hausinnenbeleuchtung gehüllt, sah er Carroll. Sie stand vollkommen bewegungslos inmitten des Wohnraumes und starrte mit angsterfüllten Augen in Richtung der Haustür. Sie starrte Dave an.

Dave wollte etwas sagen, sie beschwichtigen, ihr mitteilen, dass alles nur ein großer Irrtum sei...

Aber in dieser Sekunde griff der noch stehende Fremde unter seinen Mantel. Dave wusste, was der Mann wollte und reagierte erneut mit einer ihm selbst unverständlichen Geschwindigkeit.

Er stürzte vor und schlug dem Mann mit dem Griff seiner Pistole ins Gesicht. Erneut spürte er Knochen brechen, als sein kraftvoller Schlag sein Ziel erreichte.

Mit einem Keuchen brach der Fremde seitlich zusammen und blieb zuckend und blutend im Schnee liegen.

Dave blickte den Mann nicht an. Sein Herz hämmerte wie wild, unbekannte Geräusche und Gedanken sangen in seinem Kopf. Er stand gebeugt und die Pistole umklammernd vor dem Eingang seines Hauses und starrte auf seine Frau.

Aber er hatte sich niemals so weit entfernt von all dem gefühlt, was ihm einst etwas bedeutet hatte.

Carroll blickte Dave panisch an, ihre Lippen zitterten.

Dave fühlte, dass er seine Zähne wie zu einem Knurren offengelegt hatte und zwang seine Lippen, sich zu entspannen.

Er wollte etwas sagen.

Doch plötzlich hallte das Geräusch von Polizeisirenen durch die Nacht. Die Polizei kam, um ihn einzufangen!

Dave blickte Carroll an. Ihr standen Tränen in den Augen, sie zitterte nun am ganzen Körper.

Dann drehte Dave sich auf der Stelle um und rannte, die Pistole noch immer umkrampft, den Gartenweg entlang. Er lief weg von seinem Haus, weg von seiner Frau.

Als er das Gartentor passiert hatte und barfuss über den schneebedeckten Gehweg hastete, wusste er, dass er nun wirklich alles verloren hatte. Nur wusste er nicht wieso es so weit hatte kommen können.

Das flackernde, abwechselnd rote und blaue Licht der Polizeisirenen zuckte durch die Strasse, als die Cops glücklicherweise aus der entgegengesetzten Richtung zu seinem Haus fuhren, als aus der, in welche er flüchtete.

Daves Atem stand vor seinem Gesicht, Tränen nahmen ihm die Sicht. Er flüchtete vor seinen einstigen Kollegen.

Sein Herz hämmerte in seiner Brust, seine Schläfen pochten. Adrenalin füllte seine Adern mit brennendem Feuer.

Wie von Sinnen rannte Dave den schneeverwehten Gehweg entlang, die Pistole wie ein heiliges Artefakt, wie seine letzte Verbindung zur Menschheit, an sich pressend.

Unverständliche Gedanken, Gefühle und Zwänge fluteten durch Daves Geist. Er fühlte sich schwer und gleichzeitig leicht. Es war, als versinke die Welt im Chaos.

Plötzlich flammte auf der ihm entgegengesetzten Straßenseite ein Paar Scheinwerfer auf und blendete Dave dermaßen, dass er einen Arm vor die Augen reißend stehen bleiben musste, um nicht zu stürzen.

Eine Stimme klang auf: „Mr. Simmons! Hierher! Wir können sie in Sicherheit bringen!“

Dave stand unbewegt auf dem Bürgersteig und starrte auf die gegenüberliegende Straßenseite. Das Auto, welches zu dem Paar Scheinwerfer gehörte, war schmierig schwarz und bot Platz für sicherlich 4 Passagiere. Welche Marke es war, konnte Dave nicht erkennen.

Ein Mann stand neben der geöffneten Fahrertür und winkte Dave zu.

„Mr. Simmons! Dave! Wir wissen, was mit ihnen geschehen ist!“

Noch immer rührte sich Dave nicht. Aber er wusste instinktiv, dass die Cops ihm sehr bald folgen würden. Hatte er eine Wahl?

„Dave!“

Mit einem Blick die Strasse hinab überwand Dave seine Bewegungslosigkeit und hastete über die verschneite Straße auf das Auto zu. Der Fahrer, welcher Dave nun näher kommen sah, stieg in den Wagen ein und lies ihn an.

Eine Tür zum Font des Wagens wurde geöffnet und Dave stieg schnell in das Auto ein. Dann schlug er die Tür hastig zu.

In der selben Sekunde lies der Fahrer sein Fahrzeug aus seiner parkenden Position schnellen, wendete auf der rutschigen Strasse in einem engen Bogen und trat das Gaspedal dann bis zum Anschlag durch.

Der Wagen beschleunigte zuckend und jagte Augenblicke später aus dem Viertel, in welchem Daves Haus lag, heraus und tauchte in das Gewirr von Strassen und Gassen ein, welche die Stadt umgaben.

Keuchend blickte Dave sich um, seine Füße taten ihm weh. Die Hose, die er gerade noch hastig angezogen hatte, klebte nass an seinen Beinen.

Er war nicht allein in dem Auto, wie konnte es anders sein.

Neben dem Fahrer, von dem er nur den Hinterkopf erkennen konnte, saß noch ein Mann auf dem Beifahrersitz. Die junge Frau auf dem zweiten Platz im Font, also neben ihm, musste ihm die Tür geöffnet haben.

Alle Passagiere außer Dave waren offensichtlich Nachkommen der amerikanischen Ureinwohner. Sie alle trugen deutliche indianische Spuren und trugen Kleidung, wie man sie an Menschen ihres Schlages erwarten würde: dicke Jacken und Hosen, die dem Wetter trotzen konnten. Die junge Frau neben Dave trug dazu noch eine beeindruckende Kette, in die die Fratzen von den verschiedensten Tieren eingeflochten waren.

Dave wollte sich gerade bei den Indianern für seine Befreiung bedanken, als ihm die Frau eine seltsam erscheinende Pistole an den Hals drückte.

Dave schluckte und wollte seine eigene Pistole ebenso erheben, aber ein kurzer Satz der Frau, unterstützt durch den Druck ihrer Waffe an seinem Hals, lies ihn inne halten.

„Bewegen sie sich nicht, Mr. Simmons.“

Dave blickte die Frau fragend an. Er fühlte sich hilflos. Sein Kopf schmerzte.

„Es wird ihnen nichts geschehen Dave. Wir werden sie nur zu jemandem bringen, der sich mit ihrem... Zustand auskennt.“ Dieses Mal hatte der Fahrer, ein älterer Mann, gesprochen.

Dave wandte seinen Kopf nach vorn, um etwas zu erwidern.

In diesem Augenblick zog die junge Frau den Abzug ihrer Waffe klickend durch. Ein Betäubungsprojektil bohrte sich in Daves Hals und lies ihn kurz aufzucken.

Dann sank er kraftlos in sich zusammen.

 

 

-7-

 

Dave schwebte durch eine Traumwelt, die sich seinem bewusstlosen Geist als eine Sphäre des Chaos präsentierte.

Längst hatte er akzeptiert, dass er sehr wohl wusste, dass er bewusstlos war. Er hatte keine Wahl. Er war vollkommen unfähig den Verlauf seines Traumes zu beeinflussen, also was sollte er sich ihm auch noch entgegen stellen?

Daves Traumkörper schwebte vorbei an Bildern, die ihm seine letzten wachen Stunden zeigten. Er sah sich den Mann in der Gasse niederschlagen. Er sah sich in den Kleidern des Fremden. Er sah das Taxi, seine Strasse. Sein Haus. Er sah Carroll.

Carroll... schöne, intelligente Carroll. Wie sehr er sich gefreut hatte, sie zu sehen.

Wie sehr sich alles geändert hatte, nur Augenblicke, nachdem er sie in die Arme geschlossen hatte. Sie musste die Fremden gerufen haben, die Dave gefangen zu nehmen versucht hatten.

Dave schwebte an all den gewalttätigen, nun aufblitzenden Bildern vorbei und fühlte keine Reue, keinen Schmerz.

Allerdings fühlte er etwas anderes in sich.

Er war sich nicht sicher, ob es ein Gefühl oder ein Gedanke war. Es verbarg sich vor seinen Versuchen, es aufzuspüren. Es war schnell. Es war stark.

Dave versuchte es aus seinem Versteck zu locken, aber je mehr er suchte, desto mehr verbarg es sich.

Dave spürte das Pochen in seinen Schläfen.

Was war nur los mit ihm?

Er fühlte den Traum aus seinen kraftlosen Fingern gleiten. Er sah die Visionen verschwimmen und einem kalten Schwarz weichen.

Er hörte sich atmen.

Er hatte seine Augen geschlossen.

Er war erwacht.

Stimmen drangen an seine Ohren. Er war erschöpft, konnte sie kaum auseinander halten, aber er konnte ihren Sinn verstehen

„...ohne Probleme geklärt.“

„Wie kam es, dass er so einfach aus dem Krankenhaus entkommen konnte?“

„Unser Späher  konnte ihn nicht aufhalten, aber er unterrichtete uns über jede seiner Bewegungen. So konnten wir ihn auf der Flucht vor der Polizei abfangen.“

„Gut.“

„Wir konnten erfahren, dass er durch ungewöhnliches Verhalten auffiel. Er schien aggressiv und gewaltbereit zu sein.“

„Könnte dies nicht ein normaler Wesenszug an ihm sein?“

„Wir haben versucht mehr über ihn herauszufinden, aber die Polizei verwahrte ihre Akten recht sicher. Sie scheinen nicht so nachlässig zu sein wie die Mitarbeiter des Krankenhauses, von denen wir problemlos alle Informationen bekamen, die wir benötigten. Trotzdem nehmen wir an, dass er zu diesem Verhalten animiert wurde.“

„Es könnte also ein Zeichen des Prozesses sein?“

Dave lag vollkommen still auf etwas, was er als eine harte Unterlage einordnete und hörte auf die Stimmen. Nach und nach konnte er sie auseinander halten. Sie klangen nun auch nicht mehr derart verzerrt in seinem Kopf, so dass er sie nicht verstehen konnte.

Dave atmete langsam. Worüber unterhielten sich diese Menschen?

Offensichtlich wohl über ihn. Aber sie sagten Dinge, die für Dave einfach keinen Sinn ergaben.

„Wenn es Teil des Prozesses ist, dann scheint unsere Vermutung richtig gewesen zu sein und dieser Mann ist der, welchen wir gesucht haben?“

Daves Schläfen pochten.

„Es scheint in der Tat so zu sein. Wir werden es bald wissen. Der Schamane wird bald hier eintreffen und das Licht in seiner Seele sondieren.“

Daves Blut schien zu kochen. Ein Schamane? Über was für ein Licht sprachen die Fremden?

„Was können wir tun, wenn der Schamane unsere Vermutungen bestätigt?“

Daves Herz schlug schneller und schneller. Er spürte etwas in sich aufsteigen, was er in den letzten Stunden allzu oft gespürt hatte. Er verlor die Kontrolle über sich.

„Wir zwingen ihn unter unseren Willen, kontrollieren ihn,“ die Worte drangen wie feurige Dolche in Daves Geist, „oder wir töten ihn.“

Mit einem Brüllen katapultierte sich Dave in die Höhe. Lederne Riemen, welche ihn an den Untersuchungstisch, auf welchem er gelegen hatte, hatten fesseln sollten, rissen unter der unglaublich schnellen und kraftvollen Bewegung einfach auseinander.

Noch während Dave in die Höhe schnellte, ohne dabei auch nur eine der Bewegungen willentlich selbst zu steuern, blickte er sich in dem Raum um, in dem er gefangen war.

Es war ein kleiner Raum, ein Kellerraum eventuell. Bis auf den Untersuchungstisch, einige Schränke und die zwei Indianer, welche erschrocken zurück taumelten, erregte nur eine nach Oben führende Treppe Daves Aufmerksamkeit.

Mit einem wütenden Knurren ging Dave auf dem Tisch in die Hocke. Noch in der Bewegung hatte er bemerkt, dass er noch immer die selbe Kleidung trug, wie zu dem Zeitpunkt, zu dem man ihn betäubt hatte.

Die beiden Indianer starrten Dave erschrocken an, aber es würde nicht lange dauern, bis sie ihre Fassung gewonnen haben würden. Einer der beiden Männer war der recht alt erscheinende Fahrer des Wagens, in dem Dave überwältigt worden war. Der andere Indianer, er war weitaus jünger als der andere, war Dave nicht bekannt.

Er spürte einen unglaublichen Hass auf Beide.

Der ältere Indianer riss seinen Mund auf, als wollte er etwas sagen oder schreien. Dave lies ihn nicht dazu kommen und sprang, die Hände wie Krallen nach vorn gestreckt, auf den Mann zu. Er riss ihn um und landete rutschend mit ihm auf dem harten Kellerboden.

Während Dave den Alten niederdrückte, suchte der jüngere Indianer sein Heil in der Flucht und rannte die Treppenstufen hinauf. Er stank nach Furcht.

Dave drückte die Schultern des alten Indianers kraftvoll zu Boden. Seine Schläfen pochten. Er bemerkte, dass ein dünner Faden aus Spucke aus einem seiner Mundwinkel floss und auf der Kleidung des alten Mannes versickerte.

„Was...,“ knurrte Dave, seine eigene Stimme klang für ihm vollkommen fremd, „was geschieht hier?“

Als der alte Indianer nicht zu antworten schien, drückte Dave die Schultern noch heftiger zu Boden. Er spürte die morschen Knochen nachgeben. Er fühlte keine Reue.

„Was geschieht hier?“ Dave brüllte den Mann knurrend an. Er bleckte seine Zähne. Sein Atem ging schnell, sein Kopf schien von Innen heraus zu zerplatzen.

Der Indianer bewegte zitternd seine Lippen. Er stank nach Furcht.

„Wir... wir...,“ begann er langsam und kaum verständlich.

Dave riss den Mann ein kleines Stück nach Oben, dann hämmerte er ihn wieder zu Boden und brüllte ihn erneut an: „Was ist hier los? Was geschieht mit mir?“

Irgendetwas tief in Daves Seele schrie auf. Es musste ein Stück seiner alten Persönlichkeit gewesen sein, welches sich gegen die Gewalt zu wehren versuchte, die Dave gerade ausübte. Ein Bild seiner Frau, sie lächelte, blitze in seinem Geist auf. Aber die schwächliche Gegenwehr Daves wurde von einer weitaus stärkeren Macht gebrochen und zerschmettert.

„Indianer! Was... geschieht... hier?“ Er knurrte mehr, als dass er sprach.

Der alte Mann starrte ihn verzweifelt und verschreckt an, aber er schien sich langsam zu fassen.

„Sie verändern sich...,“ sagte er. „Etwas ist in ihnen, dass sie von Innen heraus verändert. Es ist wie eine Krankheit. Aber ich... wir... haben ein Heilmittel...“

Weiter konnte der Mann nicht sprechen, denn plötzlich brüllte Dave vor Schmerzen auf, als sein Rücken zu zerplatzen schien, kurz nachdem ein ohrenbetäubender Knall durch den Kellerraum gehallt war.

Er wurde nach Vorn, über den alten Indianer hinweg, geschleudert und landete knurrend an einer nahen Wand. Sein Rücken war ein einziger Schmerz. Seine Schläfen hämmerten.

Mit einer schnellen Bewegung kam er wieder auf die Füße, ungeachtet des Schmerzes.

Am Fuß der Treppe konnte Dave den Verursacher seines Leids erkennen. Es war der junge Indianer. In seinen Händen hielt er eine Schrotflinte. Nach dem Schuss in Daves Rücken musste er die noch rauchende Waffe nun allerdings nachladen.

Daves Geist und seine Persönlichkeit blendeten sich aus, als er brüllend nach Vorn sprang, direkt auf den Jungen zu.

Es schien fast als wenn sein Körper zerfließen würde. Es war als veränderte sich Daves Erscheinungsbild. Ein blaues Licht flackerte plötzlich und nur für einen Augenblick in dem Kellerraum auf und vertrieb alle Schatten.

Der alte Indianer schrie auf. Es war als hätte er diese Reaktion für dem Jungen übernommen, denn dieser konnte einen Augenblick später keinen Ton mehr herausbringen. Dave raste auf ihn zu. Sein Blut kochte in seinen Adern. Unfassbarer Hass durchfloss ihn. Dann erreichte er den Feind, klammerte sich knurrend an seinen Körper und brach ihm in einer schnellen Bewegung das Genick.

Noch während der Körper des Jungen kraftlos zu Boden sackte, hastete Dave die Treppe hinauf und lies den anderen Indianer hinter sich zurück.

Lief er auf allen Vieren? Was geschah hier?

Daves denkender und fühlender Geist verschloss sich und überlies der unbekannten Macht in ihm das Kommando, welche ihn zu einem Zuschauer degradierte.

Keuchend hastete er die Treppe hinauf. Sein Rücken brannte wie Feuer, aber er ignorierte den Schmerz.

Als er die Treppe passiert hatte, blickte er sich um, versuchte die Szenerie in sich aufzunehmen, um flüchten zu können. Er knurrte.

Ohne weiter auf die Architektur des Gebäudes zu achten, in dem er sich befand, hastete Dave voran, jagte an Schränken, Stühlen und Tischen vorbei. Er hastete auf ein Fenster zu. Er dachte nicht an eventuelle Verfolger oder wo er selbst sich überhaupt befand.

Nur die Flucht zählte.

Schneller als es ihm vormals je möglich gewesen wäre, näherte sich Dave dem Fenster und stieß sich vom Boden ab.

Eine Sekunde lang hing er gestreckt in der Luft, dann durchbrach er das Fenster.

Erneut funkelten Glassplitter neben ihm in der Luft, als kalter Wind auf Dave einströmte.

Da er sich augenscheinlich im Erdgeschoss befunden hatte, brauchte er keinen tiefen Fall zu überstehen. Der Erdboden befand sich schon wenige Meter unterhalb des Fensters und auch der überall liegende Schneematsch dämpfte Daves Fall ab.

Noch im Aufstehen begriffen versuchte er sich zu orientieren.

Er befand sich in einem vollkommen chaotisch wirkenden Garten vor einem kleinen Holzhaus. Bäume ragten über ihm auf und tauchten die Umgebung in noch tiefere Schatten, als es die Nacht eh schon tat. Der Himmel war nur teilweise wolkenbedeckt, so dass die Sterne und der volle Mond ihr Licht fahl über den Ort warfen, wo auch immer dieser sich befinden mochte.

Dave hockte keuchend im Schnee unter dem Fenster, in dem das zersplitterte Fensterglas funkelte. Er vernahm laute Stimmen aus dem Haus. Der alte Indianer war nicht allein.

Schritte hallten in Daves Ohren wider.

Er musste fliehen.

Mit einem großen Satz hechtete er aus seiner ruhenden Position in die Höhe und hastete durch das Dunkel des verwahrlosten Gartens.

Eine Tür wurde hinter ihm aufgerissen. Licht flutete in die Nacht hinaus.

Mit einer hastigen Seitwärtsbewegung tauchte Dave tiefer in die Schatten und duckte sich unter den herabhängenden Ästen eines Baumes hindurch. Seine Schritte trugen ihn schneller als er es jemals erwartet hätte durch den Schnee.

Schreie in einer unbekannten Sprache gellten durch den Garten. Schwere Schuhe liefen durch den Schneematsch. Irgendwo klickte eine Pistole, die entsichert wurde.

Dave hastete an einem blattlosen Gebüsch vorbei, welches seinem denkenden Geist ansatzweise wie ein verkrüppeltes Skelett erschien. Sein Körper störte sich allerdings nicht einen Augenblick daran, ignorierte das Gestrüpp und hastete längst weiter.

Den das Haus umgebenden Holzzaun fixierend rannte Dave weiter durch den Schnee, sein Atem ging stoßweise, sein Herz und seine Schläfen hämmerten, sangen Schmerzlieder. Sein Rücken brannte wie Feuer.

Die Schreie hinter ihm verstummten nicht, sie nahmen eher an Intensität zu.

Der Holzzaun näherte sich stetig, Daves Bewegungen waren nur noch darauf fixiert.

Deshalb übersah er den Indianer, welcher sich aus der Dunkelheit hinter dem Zaun schälte, eine Pistole hob und mit einem erschrockenen, aber zu Allem bereiten Blick auf Dave zielte.

Ein Schuss löste sich und das Projektil bohrte sich flammend in Daves Schulter, riss ihn herum, lies ihn taumeln und nahe dem Zaun zu Boden stürzen.

Einen Jubelschrei ausstoßend bewegte der Indianer seinen Abzugsfinger ein weiteres Mal.

Wieder löste sich ein Schuss, dieses Mal hatte sich Dave allerdings zur Seite gerollt und war in der selben Bewegung auf die Füße gesprungen. Die Pistolenkugel bohrte sich in den Schnee, welcher in einer kleinen Fontäne aufspritzte.

Ein hasserfülltes Knurren ausstoßend fixierte er den Indianer mit seinem brennenden Blick. Der Mann konnte nicht anders, als Daves Blick zu erwidern und schien plötzlich eine große Panik zu verspüren. Seine Hände begannen zu zittern, sein Blick wurde glasig, seine Lippen versuchten Worte zu formen, versagten aber hoffnungslos.

Mit einem ohrenbetäubenden Heulen setzte Dave über den Zaun hinweg, ignorierte jeden Schmerz in seinem Körper, und sprang den nahestehenden Indianer an.

Seine Fingernägel in den Hals des Mannes bohrend, riss er ihn um und biss noch in der selben Bewegung tief und fest in seinen Hals. Warmes Blut sprudelte in Daves Rachen. Er schluckte gierig.

Mit seinen Zähnen die Wunde aufreißend trank Dave das Blut des unter ihm zuckenden Indianers. Dann, als er durch das rote Chaos in seinem Kopf hindurch erneut die Stimmen der Verfolger vernahm, brach er mit einer schnellen Bewegung das Genick seines Opfers.

Er setzte über den leblos zusammensackenden Körper hinweg und rannte erneut durch die Nacht.

Wieder war er auf der Flucht.

Nur dieses Mal hatte er etwas verloren, was ihm vorher immer sehr viel bedeutet hatte: seine Menschlichkeit.

 

 

-8-

 

Durch die Bewegungen der grauen Wolken vor dem Mond schienen faserige Flecken aus milchigem Licht über die, noch immer in die Finsternis der Nacht gehüllte, Stadt zu ziehen.

Dort, wo die Lichtflecken durch die Finsternis zuckten, erschufen sie lange Schattenbilder, die sich von dem überall liegenden Schneematsch bizarr abhoben.

In den wenigen Parks der Stadt waren die Schatten am längsten, die Bewegungen des unstetigen Lichts noch unvorhersehbarer. Keine Neon-Leuchtreklame und keine weihnachtliche Lichterkette durchbrach neben dem Mondlicht die Dunkelheit.

Kein Lebewesen rührte sich. Es schien, als wenn sich ein Leichentuch über die Stadt gesenkt und alles Leben aus ihr gesaugt hatte.

Dave hatte sich nach seiner kopflosen Flucht inmitten eines der Parks wiedergefunden.

Er wusste nicht welcher Wochentag war, wie spät es war... er wusste nicht einmal, in welchem Park er sich überhaupt befand. Zwar fühlte er, dass die Sonne bald aufgehen müsste, jedoch konnte Dave sich nicht erklären, woher dieses Gefühl stammte.

Was er aber nun wusste, war die Tatsache, dass irgendetwas mit ihm geschah. Irgend eine Macht korrumpierte ihn.

Dave war müde. Er fror... seltsamerweise aber nicht an seinen unbekleideten Füßen, was ihm in seiner derzeitigen Situation aber nicht weiter auffiel.

Er erinnerte sich nur in Bruchstücken an seine Flucht. Dave war sich nicht einmal sicher, ob er in den Park geschlichen oder über die auch nachts noch stark bevölkerten Gehwege der Stadt gehastet war.

Alles verlor sich in dem Chaos in seinem Kopf, welches erst in den letzten Minuten begonnen hatte langsam abzuklingen.

Als wenn es vorerst gesättigt wäre, zog sich das unbekannte Etwas, die dunkle Macht in ihm in eine dunkle Ecke seiner Seele zurück und überließ Dave vorerst wieder seinem Schicksal.

Sein Atem ging mehr oder minder gleichmäßig.

Er hockte inmitten einer Ansammlung aus Bäumen und Büschen. Der weiche Schnee lag hier nicht so dicht wie auf offeneren Flächen und auch der Boden war fester und nicht so durchgeweicht.

Daves Kleidung war an vielen Stellen zerrissen und durchnässt.

Erst jetzt, wo sein Körper wieder seinen Befehlen zu gehorchen begann, konnte Dave seine erlittenen Schusswunden abtasten.

Er lies seine Hand langsam über seinen Oberkörper fahren, fand sehr bald die Stelle, an der die Pistolenkugel in seine Schulter gefahren war.

Seine Auge weiteten sich einen Augenblick lang.

Hastig versuchte er mit der Hand auch seinen Rücken abzutasten.

Mit einem erschrockenen Keuchen hielt Dave inne.

Die selben Stellen mit seiner anderen Hand so gut wie möglich befühlend, begann Daves Herz wieder schneller zu schlagen.

Die Wunden... sie waren verschwunden. Anstatt einem Einschuss in seiner Schulter und einem vollkommen zerfetzten Rücken, hervorgerufen durch den Schrotflinten-Volltreffer, konnte Dave nur seltsam raue Haut und etwas Anderes fühlen, dass sich wie ein leichter Flaum aus Haar anfühlte. Oder wie Fell.

Dave lies seine Hand sinken und starrte verwirrt in die von den Lichtfetzen durchzuckte Dunkelheit.

Was geschah nur mit ihm?

Wieso geschah es?

Sein Atem ging wieder rascher, er zitterte. Nun zitterte er aber nicht mehr nur aus Unterkühlung, sondern auch aus Furcht. Aus Furcht vor sich selbst.

Noch etwas anderes hatte sich verändert, Dave fühlte es nun. Es hätte ihm weitaus früher auffallen müssen, schon als er sich in den Park geflüchtet hatte. Aber erst jetzt war er anscheinend bereit, die Veränderung ohne in Panik zu geraten hinzunehmen.

Ein dunkles und kaltes Gefühl, welches ihn nun plötzlich und unerwartet durchwaberte, schien ihm die Gewissheit geben zu wollen, dass jedwede Gegenwehr gegen den bereits begonnenen Prozess vollkommen nutzlos sei. Es war, als würde eine Stimme tief in seiner Seele zu Dave sprechen.

Etwas war in ihm. Etwas dunkles und böses.

Dann blickte er an seinen Beinen herab und erstarrte trotz dem fremden Gefühl, welches ihm jede Furcht vor den anstehenden Veränderungen nehmen wollte.

Daves Füße, welche unten aus der durchnässten und zerrissenen Hose herauslugten, hatten sich verformt. Aus den normalen menschlichen Füßen waren knotige, fellbedeckte und krallenbewehrte Wolfspfoten in einer zu seiner Körpergröße passenden Proportion geworden. Dave war sich sicher, dass es Wolfspfoten waren, wenn er auch nicht wusste, woher er dies wissen konnte.

Auf seine Pfoten starrend streckte Dave seine Hände aus und befühlte seine veränderten Gliedmaßen, als wenn er es nicht glauben könnte, wenn er sie nicht berührt hatte.

Er spürte seine Finger durch das dichte Fell und die raue Haut seiner Pfoten. Es war keine Illusion, kein Wahn. Dave atmete keuchend.

Seine Augen schlossen sich, als er die Zehen seiner Pfoten mit einem simplen Gedankenbefehl dazu brachte, sich zu spreizen und zu bewegen.

Sein Atem raste, sein Herz schlug wie wild. Seine Schläfen pochten jedoch nur gemächlich vor sich hin.

Was auch immer mit Dave vorging, die Ursache hatte sich gemütlich zurückgelehnt. Sie wusste, dass alles, was Dave nun geschah, unabdingbar wäre.

Daves Augen öffneten sich wieder und sein Blick legte sich erneut auf seine Pfoten. Dann tastete er seinen Körper ab, um eventuell weitere Stellen zu finden, die sich in Folge der letzten Stunden verändert haben könnten. Er fand keine. Bis auf die Pfoten und das Fell an den unglaublicherweise verheilten Schusswunden war er noch immer der Mensch, der er auch früher gewesen war.

Es war eine Lüge und das wusste Dave. Er war nicht mehr der selbe Mensch. Zu viel hatte sich in den letzten Stunden verändert. Er war sich nicht einmal mehr sicher, noch ein Mensch zu sein.

Er musste etwas tun. Er musste dies zu Ende bringen und erfahren, was mit ihm geschah.

Die Indianer hatten es gewusst, aber sie hatten Dinge mit ihm anstellen wollen, die das, was die Veränderung in Daves Körper ausgelöst hatte, nicht mit sich hatte machen lassen wollen. Sich erneut an die Indianer zu wenden wäre also ein Fehler. Weitere Tote wären die Konsequenz, dass wusste Dave.

Was konnte er tun? Wohin konnte er gehen?

Geistig ging Dave einige Orte durch, zu denen er gegangen wäre, wenn die Unstände normal gewesen wären. Aber dies waren sie nicht, so endete sein Gedankengang jedes Mal wieder an ein und der selben Stelle. Jedes mal wenn er diese Zuflucht jedoch aus seinem Geist strich, da der Ort nicht mehr sicher war, schälte sich der Gedanke erneut aus seinem Unterbewusstsein hervor und legte sich vor sein inneres Auge.

Immer wieder musste er an Carroll denken, an sein Zuhause.

Würde er nicht, wenn er seiner Frau alles Geschehene in Ruhe erklären könnte, genau dort, in seinem Heim, Ruhe finden?

Würde er nicht den größten Fehler überhaupt begehen, wenn er sich erneut in ihre Nähe wagte? Er war von ihr verraten worden und hatte danach zwei Männer vor ihren Augen schwer verletzt.

Verdammt. Seine Aussichten standen schlecht. Dies war jedoch anscheinend genau die Gemütseinstellung, die das Unbekannte in Dave wachsen und gedeihen zu lassen schien.

Er musste etwas tun, um den unerklärlichen Prozess seiner körperlichen und geistigen Verwandlung zu verlangsamen.

Carroll. Immer wieder sah Dave ihr Gesicht vor seinem inneren Auge. Meist blickte sie ihn beruhigend an, aber immer wieder verzerrte sich ihr Blick zu einer wütenden Fratze, als das Etwas in Dave seine Gedanken korrumpierte.

Dave hatte Hunger. Er war müde und erschöpft.

Er musste eine Entscheidung treffen.

Aber im Grunde hatte er die Entscheidung längst getroffen. Dave wusste, dass er die derzeitige Inaktivität der fremden Macht in sich ausnutzen musste.

Also musste er schnell handeln.

Carroll würde alles, wenn Dave nur die Zeit hätte, ihr alles zu erklären, verstehen. Trotzdem war er sich nicht sicher, ob er sich dies einredete, oder ob er es wirklich glaubte.

Als die Sonne langsam und blutig rot hinter der Skyline der Stadt aufging hatte Dave den Park längst verlassen und sich auf den Weg nach Hause gemacht.

 

 

-9-

 

Die Sonne hing mittlerweile in der Form einer hinter den Wolken kaum zu entdeckenden Kugel kraftlos am Himmel.

Ihre schwachen Strahlen reichten gerade dazu aus, aus dem weichen Schneematsch eine noch unförmigere Substanz zu machen. Ein kühler Wind fegte durch die Strassen der Stadt und trug einen undefinierbaren, irgendwie verwesungsartigen Geruch mit sich.

Wie sich herausgestellte hatte, lag der Park, in dem Dave sich morgens befunden hatte, in einem völlig anderen Viertel als sein Haus und er hatte mehrere Stunden gebraucht, sich durch das Wirrwarr von dunklen Gassen, Parks und Hinterhöfen zu bewegen.

Um nicht von irgendwelchen Passanten mit unnötigen Fragen behelligt zu werden, hatte er sich aus einer Mülltonne gekramte Stoffbahnen um die Pfoten gebunden.

Dave stand erneut auf dem Gehweg, welcher in einigen hundert Metern sein Haus passieren würde. Dieses Mal jedoch ging es ihm noch schlechter als das Mal zuvor, auch wenn dieser Besuch noch nicht einmal 12 Stunden hinter ihm liegen konnte.

Was war in dieser kurzen Zeit nur alles geschehen?

Dave hatte schrecklichen Hunger, sein Magen zog sich bei jedem seiner Atemzüge schmerzhaft zusammen. Des weiteren war er müde und kraftlos.

Aber er wusste auch, dass all diese Gefühle wahrscheinlich schnell aggressiv unterdrückt sein würden, wenn die fremde Kraft in ihm wieder aktiv werden würde. Er war in den letzten Stunden zu oft der Gefangene in seinem eigenen Körper gewesen, als dass er solche Gedanken nicht hegen konnte.

In den Schatten einer Reihe von Bäumen geduckt starrte Dave die Strasse hinauf und zuckte jedes Mal zusammen, wenn ein Auto auf der Strasse seine Position passierte.

Er erinnerte sich noch genau an seine Flucht vor einigen Stunden, die in seiner Gefangenname durch die Indianer ein jähes Ende fand. Würden sich Polizisten in oder um das Haus aufhalten? Hatte man Carroll eventuell unter Schutz gestellt?

Dave war sich sicher, dass sie sicherlich nicht ohne Überwachung zurückgelassen worden war, nachdem er selbst in der Nacht verschwunden war.

Also würde er dieses Mal nicht einfach durch die Fronttür seines Hauses treten können, er würde sich wie ein Einbrecher von hinten hineinschleichen.

Da ihm diese Herangehensweise derzeit sowieso mehr zusagte, stahl sich Dave im Schatten der Bäume in eine Gasse, die sich zwischen zwei Häuserreihen befand und nach einigen hundert Metern hinter seinem Haus vorbeiführen würde.

Während er halbwegs schnellen Schrittes und immer in die Schatten der Gasse geduckt über den groben Kiesweg lief, sog Dave die Gerüche der Umgebung ein. Sein Geist verarbeitete all die verschiedensten Aromen in einer unglaublichen Geschwindigkeit und lieferte ihm ein genaues Geruchsbild der in der Umgebung lebenden Wesen.

Er roch die in den Häusern wohnenden Menschen, die Reviermarkierungen der unterschiedlichsten Hunde. Er witterte Müll. Er nahm Ratten und anderes Ungeziefer wahr.

Er versuchte diese neue und gnadenlos auf ihn einstürmende Sinnesstärke geistig zu verdrängen, aber die Gerüche waren nicht abzublocken. Mit jedem Atemzug lernte Dave seine Umgebung besser kennen.

Er roch sich selbst... er duftete nach einem Cocktail aus Schweiß, Blut und Straßenstaub. Des weiteren hang ihm ein weiterer, unbekannter und geheimnisvoller Geruch an.

Dave keuchte und taumelte auf seinem Lauf durch die in dreckiges Zwielicht getauchte Gasse.

Von einen Augenblick auf den nächsten wollte er nur noch zu Boden stürzen und am Boden liegen bleiben.

Aber es gelang ihm nicht. Sein Körper handelte wieder entgegen seines verzweifelten Willens und lies ihn gnadenlos weiterstapfen.

Dave fühlte seine Pfoten unter den Tüchern, welche er um sie gewickelt hatte. Er fühlte die Muskeln in ihnen. Wie natürlich sich die Pfoten anfühlten... als wären sie schon immer ein Teil seines Körpers gewesen.

Daves entkräfteter Geist versuchte sich gegen die fremde Macht in sich zu wehren, aber er war erfolglos.

Er taumelte weiter, teilweise auf allen Vieren, immer voran durch die Gasse.

Dave spürte, dass seine gesamte Kraft verbraucht war. Er war niemals zuvor so kraftlos gewesen. Nicht einmal mehr das unbekannte Etwas in ihm konnte noch von irgendwelchen Reserven schöpfen.

Dann, plötzlich und unerwartet, überlies die Macht Dave wieder die Kontrolle.

Dave zuckte kurz, dann brach er auf seine Knie und keuchte, als ob er gerade einen Tausendmeterlauf hinter sich gebracht hatte.

Es dauerte einige Augenblicke, bis er aufblickte und hinter einem nahen Holzzaun verschwommen die Hinterseite seines Hauses erkennen konnte.

Ob es Glück oder Zufall war, dass niemand die Rückseite des Hauses bewachte, konnte Dave nicht sagen. Es interessierte ihn in dieser Sekunde auch nicht wirklich.

Dave rappelte sich keuchend und dumpf knurrend auf. Dann öffnete er das quietschende Tor im Zaun, welches sich nahe seiner Position befunden hatte. Ein mit Kieseln gedeckter Weg führte zur Hintertür, die wie in ein Leuchtfeuer getaucht in der Mitte von Daves Blickfeld lag.

Wankend schritt er den Weg entlang. Seine Augen halb geschlossen, schien die Welt um ihn zu verwischen und sich zu drehen.

Stimmen, Geräusche und undefinierbare Laute hallten in seinen Ohren wider. Unzählige Gerüche drangen in seine unwillig witternde Nase. Sein Kopf schmerzte wieder.

Seine Hand umfasste die Klinke. Zuerst verfehlte die Bewegung das Ziel, dann umfasste er den Metallgriff. Er rüttelte daran. Keine Reaktion, die Tür war verschlossen.

Gedankenfetzen jagten durch Daves Kopf.

Mit einer zitternden Hand suchte er die auf einem nahen Fenstersims stehenden Blumenvasen nach dem Schlüssel für die Hintertür ab. Dave bekam nicht einmal mit, dass er diese vollkommen automatische Bewegung ausführte.

Vielmehr trat er langsam in eine Art Trance ein, die seinen Körper und seinen Geist in eine warme Decke aus Vergessen hüllen wollte.

Wie in einen Wall aus Watte gehüllt spürte Dave, wie sich die Tür vor ihm öffnete.

Hatte er sie geöffnet? War sie geöffnet worden?

Er fühlte, wie er einen Schritt nach vorn tun wollte, wie er kraftlos stolperte und dann hart auf dem Boden aufschlug.

Er hatte nicht einmal die Kraft darüber erschrocken oder erbost zu sein.

 

 

-10-

 

Zum ersten Mal seit einer ihm schier unendlich lang erschienen Zeit erwachte Dave nicht aus einem verworrenen Alptraum oder in Gefangenschaft.

Er fühlte die frischen Laken und die weiche Matratze unter seinem Rücken.

Als er die Augen aufschlug, umfing ihn aber abermals die Dunkelheit der Nacht.

Dave brauchte dennoch nicht lang, bis er sich in dem dunklen Zimmer orientiert hatte. Die Nacht schien seinen Augen kein Hindernis mehr zu sein, offenbarte ihm seine Umgebung in einem gräulichen Zwielicht.

„Du bist wach.“ Es war die Stimme Carrolls.

Dave drehte seinen Kopf auf die andere Seite und erblickte seine Frau, welche auf einem Stuhl in einer entfernten Ecke des Schlafzimmers Platz genommen hatte und ihn anblickte. Ihre Hände waren in ihrem Schoß gefaltet, ihr Blick war nahezu ausdruckslos. Eine Photokamera lag auf einem kleinen Tisch neben ihr.

Mit zitternden Lippen wollte Dave sich aufrichten und etwas sagen, aber er wurde unerwartet zurück ins Bett geworfen, als sich ihm seine Bewegungsfähigkeit stark eingeschränkt präsentierte.

Dave war mit Handschellen an den massiven Metallrahmen des Bettes gefesselt, je eine Schelle für jedes seiner Glieder. Carroll musste es getan haben, als er erneut bewusstlos gewesen war, er witterte keine anderen Gerüche neben dem seinen und dem ihren im Raum.

Die Handschellen mussten aus dem Schrank stammen, in welchem Dave seine für seinen Job als Cop nötigen Utensilien aufbewahrte.

Also war er wieder gefangen. Die Handschellen waren fest zugezogen und drückten schmerzhaft in das Fleisch seiner Hand- und Pfotengelenke.

Dave spürte etwas aus den Tiefen seiner Seele in sich aufsteigen. Erneut wollte die Macht in ihm die Kontrolle über seinen Körper erlangen, aber dieses Mal war Dave einigermaßen ausgeruht und setzte sich zur Wehr. Er versuchte seinen Geist abzuschotten und die fremde Kraft aus seinem Körper auszusperren. Die geistige Anstrengung dauerte nur wenige Sekunden, aber bald rann ihm ein Schweißfaden über die Stirn.

Dennoch hatte er das Unbekannte in sich für den Moment scheinbar zurückgetrieben, auch wenn er es in seiner Seele lauern spürte, wo es nur auf einen Fehler von ihm wartete.

„Ich musste dich fesseln Dave,“ sagte Carroll mit einer leisen und nahezu emotionslosen Stimme, „ich habe gesehen, zu was du fähig bist.“

Ihr Geruch strafte ihre neutrale Stimme Lügen, denn Dave roch definitiv Sorge und Furcht aus ihrer Richtung.

„Ich weiß nicht, wie du auf die Idee kommen konntest, hierher zurück zu kommen, nach all dem, was geschehen ist.“

Daves Augen schlossen sich für einen Moment. Dann, als er Carroll wieder ansah, sah er eine einzelne Träne über die Wange seiner Frau laufen.

„Dave... was ist geschehen?“ Ein leichtes Zittern hatte sich in ihre Stimme eingewoben.

„Ich... ich...,“ begann Dave mit dieser für ihn so fremden, knurrenden Stimme, „ich weiß es nicht. Irgendetwas geschieht mit mir. Etwas ist in mir. Etwas... etwas...“

Plötzlich stand Carroll auf und riss in einer schnellen Bewegung die Bettecke von Daves Körper und lies sie dann flatternd und unbeachtet zu Boden sinken.

„Etwas, das so etwas getan hat?“ Sie schrie, ihre Stimme überschlug sich vor Angst, sie starrte auf seinen Körper.

Dave blickte an sich herab und bemerkte, dass er nackt war. Seine Augen weiteten sich... aber aus einem anderen Grund, als dem Fehlen seiner Kleidung.

Er hatte sich weiter verändert. Wenn vormals nur seine Füße von der schrecklichen Verwandlung betroffen gewesen waren, hatte die Veränderung nun auch seine Beine erfasst. Muskeln und Knochen hatten sich verzogen. Grau-schwarzes Fell war überall auf der nun rauen Haut gesprossen und hatte sich zu einem dichten Pelz verdichtet. Seine Beine waren die eines Wolfs, nur in den Proportionen und der Ausrichtung, dass sie seinen menschlichen Oberkörper tragen konnten.

Daves Atem ging schnell.

„Verdammt Dave! Was ist das?“ Carroll stand noch immer neben dem Bett und konnte ihren Blick nicht von seinen verwandelten Beinen nehmen.

„Ich... ich habe gesehen, wie es geschah. Kurz nachdem ich dich an der Hintertür gefunden hatte. Ich wollte die Polizei rufen, da hörte ich es... ein Knacken und Brechen... ich sah, wie deine Hose auseinander riss...“

Carroll trat einen Schritt zurück, ihre Lippen zitterten.

„Ich sah, wie deine Beine zu Läufen wurden. Dave...,“ sie verstummte und starrte ihm in die Augen.

„Was...,“ hob Dave an, aber er wurde unterbrochen, als Carroll eine kleine Leselampe neben dem Bett einschaltete und ihm im plötzlich aufflammenden Licht einen handflächengroßen Schminkspiegel vor das Gesicht hielt.

Eine eisige Kralle schloss sich um Daves zusammenkrampfendes Herz, als er weitere Veränderungen an sich erkannte, die ihm vormals nicht aufgefallen waren, weil er sein eigenes Gesicht lange nicht mehr in einem Spiegel gesehen hatte.

Seine Gesichtszüge waren gespannt und zu einem leichten Knurren verzogen. Seine Zähne schienen spitzer und schärfer zu sein, als es die Zähne eines menschlichen Allesfressers sein sollten. Seine Ohren hatten sich leicht zugespitzt. Seine Nase schien ein wenig breiter geworden zu sein und sog die Luft wieder und wieder nahezu tierhaft witternd ein. Aber das schrecklichste an allem waren seine Augen, die nicht mehr die seinen waren. In einem Meer aus lichtreflektierendem Grün und Gelb schwamm jeweils eine ovale schwarze Pupille. Es waren die Augen eines Jägers. Es waren wölfische Augen.

Langsam senke Carroll den Spiegel und setzte sich erneut auf den Stuhl, blieb also in einer mehr oder minder sicheren Distanz zu dem Bett, auf welchem Dave angekettet lag.

„Dave,“ sagte sie mit ihrer zitternden Stimme, „erklär es mir. Die Polizei und der Krankenhaus-Sicherheitsdienst erzählten mir, dass du aus dem Krankenhaus geflohen bist. Sie... sie legten mir nahe sie zu kontaktieren, solltest du hier auftauchen. Auch nach deiner nächtlichen Flucht von hier sagten sie mir, ich sollte sie rufen, wenn ich meinte, dich wieder zu sehen. Bisher habe ich sie nicht gerufen, frag mich nicht warum.“

Sie schwieg für einen Augenblick und starrte mit leeren Augen auf Daves Läufe.

„Wieso hast du die beiden Männer vor dem Haus so schwer verletzt? Was treibt dich dazu, eine so brutale Flucht durchzuziehen? Was geschieht mit dir?“

Dave schloss seine Augen. Gedanken rasten durch seinen Geist, Bilder blitzen vor seinem inneren Auge auf. Sie fragte ihn all die Fragen, die er sich seit Stunden immer wieder selbst gestellt hatte und auf die er keine Antworten wusste.

Also begann er bei dem, was er wusste: „Vor meiner Bewusstlosigkeit im Krankenhaus habe ich auf einem Dach in der 5. Strasse irgendetwas erlebt. Ich habe ein Licht gesehen, Carroll. Irgendetwas ist auf diesem Dach geschehen. Vielleicht habe ich irgend etwas gesehen, vielleicht habe ich irgend etwas erschossen... ich weiß es nicht.“

Für einen Moment schwieg er, denn er sah weitere Tränen  über Carrolls Wangen rinnen, als sie seine veränderte Stimme mehrere Sätze lang vernahm.

„Dave... deine Stimme...,“ hob sie an, aber ein kurzer Weinkrampf unterbrach sie plötzlich.

Dave wehrte sich gegen die Handschellen. Er wollte ihr helfen, sie umarmen und ihr das Gefühl geben, für sie da zu sein. Aber das unnachgiebige Metall lies ihm keine Bewegungsfreiheit und fesselte ihn auch weiterhin an das Bett.

Also blieb Dave keine andere Wahl, als weiterzureden.

„Meine Stimme verändert sich zusammen mit meinem Körper wie es scheint, ich kann nichts dagegen tun. Man sagte mir, ich sei an die 30 Meter in die Tiefe gestürzt und hätte dabei keine Verletzungen erlitten. Ich habe heute Nacht zwei Schusswunden erlitten und, Carroll, sie sind verschwunden. Was auch in mir steckt scheint meinen Körper immer wieder zu heilen!“

Carroll blickte Dave durch einen Schleier aus Tränen an, ihr Brustkorb hob und senkte sich ungleichmäßig.

„Schusswunden? Etwas in dir? Was ist in dir Dave?“ Ihre Stimme war nun kaum noch zu verstehen.

„Ich weiß es nicht,“ antwortete Dave, „ich kann es nicht erklären, aber ich spüre eine... fremde und bösartige Kraft in mir. Sie... kontrolliert mich, wenn es ihr gefällt und diese Verschmelzung mit meinem Körper scheint mein Aussehen und mein Wesen zu verändern. Allein in den letzten 12 Stunden hat die Kraft all dies mit meinem Körper angestellt. Ich glaube, ich habe nicht mehr viel Zeit.“

Dave blickte an seinem Körper hinab und sah seine Läufe nervös zucken.

„Was auch immer geschehen wird, wenn das Unbekannte meinen Körper vollkommen in seine Gewalt gebracht hat... ich spüre, dass all das, was mich als Menschen einmal ausgemacht hat, dann ausgelöscht sein wird. Ich habe Angst Carroll.“

Seine Frau blickte ihn zitternd an.

„Was denkst du, was ich habe,“ murmelte sie, dann festigte sich ihre Stimme langsam. „Ich sehe dich vor mir, verändert wie du bist. Ich habe aber auch nicht vergessen, wie du vor meinen Augen zwei Menschen schwer verletzt hast. Dave... ich habe bei deinen Angriffen gegen die Sicherheitsleute deine Augen gesehen. Sie hatten nichts menschliches an sich, sie waren kalt und berechnend wie die eines Tieres!“

Dave wusste, was Carroll sagen wollte. Denn all dies hatte er selbst auch immer gefühlt, wenn die unbekannte Macht die Kontrolle über sein Denken und Handeln übernommen hatte.

„Dave,“ sagte Carroll, die ihre Stimme nun nahezu von dem ängstlichen Zittern befreit hatte,

„wir müssen etwas tun.“

Dave hielt den Atem an. Hatte sie es wirklich gesagt? Wollte sie ihm helfen?

„Ich kann und will dich nicht verlieren, aber ich habe keine Ahnung, wie wir dir helfen können,“ sagte sie abschließend.

Daves Atem ging schnell, er war vollkommen überrascht, dass sie ihm wirklich helfen wollte. In ihm spürte er jedoch die fremde Macht an seiner Seele nagen. Die Veränderungen würden sich nicht lang aufhalten lassen, denn schon spürte er seine mentale Blockade schwinden und von der schieren Kraft des Unbekannten niedergerissen werden.

„Als ich von hier flüchtete, wurde ich von Indianern gefangen genommen,“ sagte Dave langsam.

Carrolls Augen weiteten sich, aber sie sagte nichts. Noch immer saß sie auf dem von dem Bett entfernten Stuhl.

„Indianer, ja. Sie betäubten mich und schleppten mich in einen Keller auf der anderen Seite der Stadt. Sie schienen auf einen Schamanen zu warten, der etwas wie ein Licht in mir ausloten sollte. So in der Art drückten sie sich aus.“

„Ein Licht in dir,“ murmelte Carroll, dann schwieg sie plötzlich, als wenn ihr eine Idee gekommen wäre.

Dave lag noch immer rücklings auf das Bett gefesselt und blickte, den Kopf auf die Seite gelegt, auf seine Frau.

„Ich floh auch von dort, wurde mehrfach angeschossen. All diese Wunden sind verheilt und nun von einem Fell überzogen, wie es mir scheint. Nach der anschließenden Flucht habe ich mich dann entschieden, hierher zurück zu kehren,“ sagte Dave, während seine Frau vollkommen in Gedanken versunken schien.

Dann sprang Carroll plötzlich auf und verlies das Zimmer hastig. Dave meinte, ein kurzes, „Sekunde,“ von ihr zu vernommen zu haben.

Minuten vergingen, in denen Daves verbesserte Ohren versuchten, die Geräusche im Haus zu identifizieren und ihnen einen Sinn zu geben.

Aber er war zu verwirrt. Zu viel seltsames geschah in den letzten Tagen. Sein gesamtes Weltbild hatte sich auf den Kopf gestellt. Wo vorher nur sein Job und seine Frau sein Weltbild bestimmt hatten, hatte sich nun der Faktor der Übersinnlichkeit drohend über allem, was ihm einmal wichtig gewesen war, erhoben. Wenn er nicht bald eine rettende Lösung finden konnte, mit oder ohne Carroll, dann würden die kommenden Stunden seine letzten sein. Dave spürte genau, dass die fremde Macht seine Menschlichkeit und seine Persönlichkeit vollkommen auslöschen würde.

Nur was würde dann aus ihm werden? Was für eine Macht war es, die seinen Körper zu ihrem Sinne umgestaltete?

Daves Gedankengänge wurden unterbrochen, als Carroll mit einem Stapel Papier in den Händen in das Zimmer gestürzt kam.

Daves Blick richtete sich verwirrt auf seine Frau. Der Stapel Papier war offensichtlich ein Berg Notizen, welcher sich bei ihren Reportagen angesammelt haben musste.

„Ein Licht in dir haben die Indianer gesucht, sagst du,“ sagte Carroll schnell, als sie den Stapel Papier neben dem Bett zu Boden warf und ihn, auf die Knie sinkend, durchwühlte.

„Ein Schamane sollte mich untersuchen, ja. Ein Schamane... ich denke, es ist eine Art Zauberer oder so,“ frage Dave seine nervös am Boden hockende Frau.

Sie war nun weitaus näher, als wenn sie auf dem Stuhl gesessen hätte. Er sog ihren wundervollen Geruch ein und versuchte zu sehen, was sie in dem Papierstapel suchte. Aber das Bett verbaute ihm die Sicht.

Erst nach einigen schweigenden Augenblicken lies Carroll ein kurzes, erfreutes Geräusch von sich hören und stand dann, einige mit Kugelschreiber vollgeschriebene Zettel in der Hand haltend, auf.

„Vor einigen Monaten habe ich ein Interview mit einem in der Innenstadt lebenden Photographen gemacht. Es war Ende Oktober und unsere Zeitung brauchte noch interessante Artikel für die Halloween Sparte. Im Grunde war das Interview aber kaum zu etwas zu gebrauchen, aber das interessiert uns jetzt gerade nicht.“

Dave blickte seine Frau nur verwirrt an, als sie voller Elan weiterredete. Er war glücklich darüber, hierher gekommen zu sein. Für einen kurzen Augenblick vergaß er sogar die fremde Macht in sich. Das dies ein Fehler gewesen war, spürte er nur einen Sekundenbruchteil später, als das Unbekannte sich wieder ein weiteres Stück in seine Seele fraß.

Dave versuchte sich nichts anmerken zu lassen und versuchte seine Aufmerksamkeit auf Carroll zu fixieren.

„Was wichtig ist, ist die Tatsache, was der Mann, den ich interviewte, photographierte.“

Sie blickte Dave lächelnd an. Für eine Sekunde hing nichts als Schweigen in dem Raum, dann sanken ihre Mundwinkel wieder herab, als sie bemerkte, in welcher Situation sie beide sich befanden.

„Er photographierte Auren.“

Sie wartete einige Augenblicke, aber als Dave kein Anzeichen von Verständnis zeigte, erzählte sie ihm, was sie wusste.

„Er war ein komischer alter Kauz, im Grunde die moderne Version eines Spitzhut-tragenden Zauberers aus den alten Märchen und Sagen. In seinem Labor hatte er allerlei seltsame Geräte und Vorrichtungen, die man bei einem normalen Photographen nicht erwarten würde.“

Langsam erkannte Dave, was seine Frau ihm versuchte zu erklären.

„Er erzählte mir,“ fuhr sie fort, „dass man durch die Aura eines Menschen in seine Seele blicken könne. Er wollte sogar ein solches Aura-Photo mit mir machen, aber ich lehnte aus Zeitdruck ab. Vielleicht hatte ich auch Angst, ich weiß nicht mehr.“

Für einen Augenblick schwieg sie, dann kam sie zum Schluss ihrer Idee.

„Dave... wenn wir deine Aura photographieren könnten, dann wäre es uns vielleicht möglich zu erkennen, was in dir vorgeht. Damals glaubte ich dem Mann nicht, aber der heutige Tag offenbart uns allen auf eine schreckliche Art und Weise, was in dieser Welt möglich sein kann.“

„Carroll,“ sagte Dave dumpf, „wenn es möglich ist, dann sollten wir es auf jeden Fall versuchen.“

„Wir müssten zu dem Labor des Photographen fahren. Nur kann ich dir vertauen, Dave? Was ist, wenn die fremde Macht in dir wieder die Kontrolle an sich reißt und...,“ Carroll verstummte und blickte Dave nur an.

„Derzeit kann ich das Unbekannte zurückhalten,“ log Dave. Er spürte, wie sich das Wesen in ihm wand und seine korrumpierenden Fänge wieder und wieder in seine Seele schlug, um ihn seiner Menschlichkeit zu berauben.

„Wenn wir uns beeilen, können wir vielleicht eine Lösung oder zumindest einige Antworten finden,“ sagte er dann, während sich erneut das tierische Knurren in seine Stimme wob.

Carroll seufzte.

„Vielleicht war all dies ein Fehler. Vielleicht hätte ich sofort die Polizei rufen sollen, als du an der Hintertür zusammengebrochen bist.“

Sie schwieg. Eine unangenehme Stille breitete sich in dem Raum aus und ein unheilvolles Gefühl überkam Dave.

„Aber ich will verflucht sein, wenn ich meinem Mann nicht helfe.“

Dave atmete auf, als Carroll aufstand und einen Schlüssel aus ihrer Hosentasche beförderte. Mit einem leisen Klicken öffnete sie eine Handschelle nach der anderen, bis Dave ungefesselt vor ihr auf dem Bett lag.

Langsam erhob er sich, massierte seine schmerzenden Hand- und Pfotengelenke und sah seine Frau sichtlich erleichtert an.

„Ich danke dir,“ sagte er leise, „ich weiß, dass all dies schrecklich für dich sein muss. Aber ich verstehe die Welt um mich herum auch nicht mehr... nicht einmal mehr mich selbst.“

„Lass uns diesen Horror beenden. Oder es uns zumindest versuchen,“ erwiderte Carroll und legte Dave eine Hand auf die Schulter. Ihre Finger fuhren dabei kurz durch das Fell, welches seine Pistolenschusswunde ersetzt hatte.

„Fell,“ murmelte sie. Dann blickte sie ihrem Mann in die Augen.

Dave erwiderte den Blick. Er sah seine eigenen tierhaften Augen in den ihren gespiegelt und kam sich wie ein Fremder in seinem veränderten Körper vor.

Dann, unerwartet, senkte Carroll ihren Mund auf Daves und küsste ihn.

Wie lange die beiden ihre Lippen aufeinander pressten, konnte Dave nicht sagen.

Er genoss das unglaublich schöne Gefühl der Nähe zu seiner Frau, legte seine Arme sanft um sie und versank für einige Augenblicke in einer warmen, sicheren Welt.

Das Glück hielt nicht lange an, denn urplötzlich jagte das übernatürliche Wesen aus den Tiefen seiner Seele an die Oberfläche seiner Wahrnehmung und überflutete Daves Geist mit erschreckenden Bildern.

Plötzlich flammte wilder Hass in ihm auf. Zerfetzte Gesichter und aufgeschlitzte Körper zuckten in ekstatischen Todeskrämpfen vor seinem inneren Auge. Wildes Geschrei und schmerzerfülltes Stöhnen betäubte seine Ohren.

Fremde Symbole, Gesichter und Stimmen drangen von überall auf ihn ein, irritierten ihn. Indianer. Immer wieder Indianer. Der Hass in ihm loderte immer stärker.

Ein wildes Heulen legte sich über die grausige Szenerie.

Dann, so plötzlich, wie die Visionen sich seines Geistes bemächtigt hatten, so schnell zogen sie sich auch wieder knurrend in ihn zurück.

Dave schlug die Augen auf.

Er lag zitternd und in sich zusammengesunken in einer Ecke des Schlafzimmers. Seine Lippen schienen aufeinander zu kleben, überall fühlte er Schweiß auf seiner nicht von dem Fell bedeckten Haut.

Verwirrt sah er sich um und erblickte Carroll, welche noch immer neben dem Bett stand, von wo aus sie ihn geküsst hatte. Sie starrte ihn an, zitterte ebenso wie er.

„Dave... was...,“ fragte sie verängstigt.

„Was... ist geschehen?“ Seine eigene Stimme klang ihm nun vollkommen fremd, war von einem stetigen Knurren unterlegt und weitaus tiefer geworden. Es fiel ihm sogar schwer, einzelne Worte zu formen. Verlor er seine Fähigkeit zum Sprechen?

„Du bist plötzlich Schreiend und Knurrend vom Bett gesprungen...,“ antwortete Carroll langsam, „Es schien... als ob sich dein Körper vor meiner Berührung fürchten würde. Dave... was ist nur los?“

Das Wesen in ihm wollte ihm kein Glück gönnen. Dave wusste es. Glück würde die Ausbreitung des Unbekannten in seiner Seele verlangsamen und das würde Es nicht zulassen. Alles war noch weitaus schlimmer, als er gedacht hatte. Er hatte nicht mehr viel Zeit.

„Ich bin... in Ordnung...,“ sagte Dave mühevoll. Er verlor seine Sprachfähigkeit, es war nicht zu leugnen.

„Es... tut mir leid. Ich... habe keine Zeit mehr...“ Weiter kam er nicht, da sich ein gutturales Knurren über die Worte legte, die er aussprechen wollte. Er verstummte und blickte Carroll an.

Seine Frau hatte sich ein wenig bewegt. Glücklicherweise war sie eher näher gekommen, als sich von ihm abzuwenden und zu flüchten. Sie vertraute ihm auch weiterhin, wenn auch zögernd.

Dann öffnete sie einige Schränke und durchsuchte sie nach Kleidung für Dave.

Dave selbst kam langsam und zitternd auf seine Pfoten. Für einen Augenblick war es ein seltsam ungewohntes Gefühl, auf seinen zu Läufen verformten Beinen zu stehen, da die Knochen vollkommen anders angewinkelt waren. Aber schon nach einigen Atemzügen kam es ihm normal vor und er konnte sich anderen Dingen zuwenden, die mehr Aufmerksamkeit bedurften.

Carroll gab Dave einen langen, grauen Mantel, der ihm, wenn er ihn erst einmal angezogen hatte, bis über die Pfoten reichen würde. Eine Verkleidung, die nötig war, wenn er das Haus bald verlassen würde.

Dann reichte ihm Carroll einen breitkrempigen Hut, welcher sich durch seine braune Farbe etwas von dem Grau des Mantels abhob. Daves Gedanken drehen sich derzeit jedoch nicht um Modeangelegenheiten, so setzte er den Hut auf und zog ihn tief in sein Gesicht, um seine veränderten Ohren, Augen und das Gesicht im Allgemeinen zu verdecken.

Nachdem Dave seinen veränderten Körper unter dem schweren Stoff des Mantels verborgen hatte, blickte er Carroll fragend an. Er traute sich nicht, eine Frage an sie zu stellen, da er fürchtete, seine Stimme vollkommen verloren zu haben.

„Es ist okay, Dave...,“ sagte Carroll auf seinen Blick hin.

Dann wandte sie sich von ihm ab und verlies das Schlafzimmer.

Ohne einen weiteren Blick zurück zu werfen folgte ihr Dave und lenkte seine Schritte durch den Flur, durch welchen er noch vor wenigen Stunden auf der Fluch vor der Krankenhaussicherheit gelaufen war.

Wenige Minuten später, Carroll hatte sich selbst noch einen Mantel übergestreift, standen die Beiden zusammen an der Straße neben dem kleinen, roten Mitsubishi.

Für einen kurzen Moment fragte sich Dave, was mit seinem Auto geschehen sein mochte, dass er vor Wochen wie immer vor Schichtbeginn an dem Polizeirevier abgestellt hatte.
Der Gedanke verschwand schnell wieder, als Carroll Dave die Beifahrertür öffnete und er sich auf den Sitz fallen lies.

Es fühlte sich seltsam an, mit seinen Läufen in das Auto einzusteigen, aber er hatte weitaus schlimmere Probleme.

„Hoffen wir, dass wir Glück haben und einige Antworten finden,“ murmelte Carroll mehr zu sich selbst als zu ihrem Mann, drehte den Zündschlüssel um und steuerte den Kleinwagen in die Nacht hinaus.

 

 

-11-

 

Den Wagen hinter sich in einer engen Gasse zurücklassend gingen Carroll und Dave über die menschenleeren Gehwege des Viertels, in welches sie ihr Weg geführt hatte.

Der  abnehmende und trotzdem noch ziemlich kugelrunde Mond schien fahl durch die am Himmel vorbeieilenden Wolken. Dampf stieg aus rostigen Gullydeckeln in die kühle Nachtluft auf.

Dave spürte den harten Asphalt des Weges unter den ledernen Sohlen seiner Pfoten. Immer wieder verursachten seine gebogenen Krallen klickende Geräusche auf dem Stein.

Carroll schien zu frieren, was anhand des kühlen Windes, welcher Schnee und Laubwerk durch die Strassen pustete, kein Wunder war. Sie hatte ihren Mantel fest zugeknöpft und ihr Atem stand in grau-weißen Wolken vor ihrem Gesicht.

Dave sah seine Frau an und war sehr stolz auf sie. Wie sie all die schrecklichen Ereignisse verarbeitete hatte, konnte er jetzt noch immer nicht verstehen. Vielleicht lag es an ihrem Job, der ihr, wie auch ihm, schon zu viele schreckliche Facetten der Welt offenbart hatte.

Dave hatte seit er das Haus verlassen hatte, kein Wort mehr gesagt. Er spürte tief in sich die Gewissheit heranreifen, dass er seine Sprachfähigkeit verloren hatte oder sehr bald einbüssen würde.

Die Beiden passierten auf ihrem Weg durch die Nacht viele aneinandergereihte Mehrfamilien-Häuserblocks, die in der Finsternis wie grob beschlagene Steinquader erschienen. In fast keinem Fenster brannte Licht, was anhand der nachtschlafenden Zeit nicht weiter verwunderlich erschien.

Carroll führte Dave zu einem der schäbigeren Wohnblocks, in dessen unterer Hälfte anscheinend einige Geschäfte tagsüber ihre Waren anboten. Carroll passierte die dreckigen Schaufenster der Geschäfte jedoch und deutete nach einigen Metern auf eine Holztür, welche durch die überall an den Wänden des Hauses geklebten Plakaten kaum zu erkennen war.

„Hier ist es,“ bestätigte sie die Vermutung Daves, dass sie das Ziel ihrer kurzen Reise erreicht hatten.

Dave besah sich die Tür und blickte dann Carroll an. Sie hatten etwas vergessen. Wie konnte ihnen geholfen werden, wenn niemand im Labor war?

„Ich weiß, das der Photograph derzeit nicht da sein wird. Er arbeitet ungern nachts, sagte er mir in dem Interview. Ich dachte mir, dass wir lieber etwas Ruhe haben wollen und das es nicht in deinem Interesse liegt ihm zu erklären, wieso du so aussiehst, wie du aussiehst, oder?“

Für einen langen Moment stand nicht Carroll vor Dave, sondern Mrs. Simmons, die Reporterin. Daves Atem stockte, als er erkannte, wie viele Gedanken sie sich gemacht hatte, um ihm zu helfen.

Dann nickte er kurz und versuchte zu lächeln. Durch seine geschärften Zähne gelang ihm aber nur ein missgestaltetes blecken seiner Reißer.

Carroll verstand trotzdem und blickte dann zu der Tür.

„Was meinst du,“ fragte sie, „kannst du sie öffnen?“

Etwas tief in Daves Geist wollte revoltieren, aber dann erkannte er, dass dieses Photolabor eventuell seine einzige Chance auf einige Antworten darstellte und er besah sich das Schloss.

Es war eine alte Tür und das Schloss schien rostig und ausgeleiert zu sein. Er roch das verschlissene Metall.

Er nickte kurz.

Dann, mit einem dumpfen Knurren, begann er an dem Griff der Tür zu rütteln. Vorsichtig zuerst, dann stärker und heftiger.

Carroll blickte sich in der Gasse um, suchte nach eventuellen Verfolgern oder Beobachtern. Alles schien menschenleer zu sein.

Dave knurrte dumpf und angespannt, als seine Hände sich um den Türgriff legten. Seine Muskeln spielten unter dem Stoff des grauen Mantels. Schweiß stand auf seiner Stirn.

Erneut blitzten kurze Bilder vor Daves Augen auf, als er die Kraft des unbekannten Wesens in seiner Seele nutzte, um die Tür aufzubrechen.

Mit einem metallischen Seufzen gab das Schloss nach und die Tür schwang fast geräuschlos nach Innen auf.

Dave atmete keuchend und versuchte die Bilder in seinem Kopf zu verscheuchen.

„Sehr gut,“ lobte Carroll ihn lächelnd, dann hob sie eine Taschenlampe aus einer ihrer Manteltaschen und leuchtete in den Gang hinter der Tür.

Daves der Nachtsicht fähigen Augen hatten den Gang schon durchsucht, bevor der zitternde Lichtkegel aus Carrolls Taschenlampe die Finsternis flackernd zerschnitt.

Der kurze und mit Schränken zugestellte Gang führte in einen größeren Raum, von dem mehrere Türen abgingen.

Der Raum, in den Carroll nun trat, während Dave ihr langsam folgte, nachdem er die Tür hinter sich so gut wie möglich geschlossen hatte, schien die Funktion eines Verkaufsraumes zu besitzen.

„Hier habe ich den Photographen interviewt,“ erklärte Carroll leise, „die Türen führen in Dunkelkammern und Vorratsräume.“

Dave sah sich langsam um. Er sah einen Verkaufstresen, mehrere Holzstühle und mit Bilderrahmen zugehangene Wände. Es stank nach Entwicklerflüssigkeiten und anderer Chemie, welche schmerzhaft in Daves Nase stach.

Carroll durchschritt den kleinen Raum schnell, öffnete einige der Türen und spähte in die angrenzenden Kammern.

„Der Photograph war sehr begeistert von seiner Kunst und hat mich sehr lang und detailreich über seine Art der Bilderstellung aufgeklärt.“

Carroll sprach erklärend zu Dave, während sie anscheinend auf der Such nach etwas war.

„Damals erschien mir sein Vortrag langweilig und uninteressant, aber nun muss ich doch sagen, dass ich froh bin, ihn über seine Kunst und nicht die örtliche Kinderspielgruppe über ihr Halloween-Schauspiel zu interviewen.“

Sie hielt eine Sekunde inne, dann drehte sie sich zu dem verloren inmitten des Verkaufsraums stehenden Dave um.

„Dave, ich denke, ich habe gefunden, nach was ich gesucht habe.“

Carroll winkte ihm kurz zu und Dave schritt durch den Raum und um den Verkaufstresen herum zu ihr. Seine Frau war inzwischen durch die letzte Tür, welche sie geöffnet hatte, getreten und aus seinem Blickfeld verschwunden.

Mit einem dumpfen Knurren verlies Dave den Verkaufsraum und betrat ein recht großes und vollkommen chaotisches Photolabor, die Tür hinter sich schließend.

Überall standen Kisten übereinander gestapelt. Kameras, Filme und zerfledderte Bücher lagen auf dem Boden, auf verstaubten Tischen und den unzähligen Schränken.

Das Unbekannte in Dave regte sich wieder und bereitete ihm eisiges Unbehagen, als seine Pfoten durch das Chaos stapften.

Inmitten der Unordnung stand Carroll und blickte auf ihre Aufzeichnungen, die sie von zu Hause mitgenommen hatte.

Ihr Gesicht erschien Dave fahl und blutleer, aber dies konnte auch an dem schummerigen Licht der Taschenlampe oder seiner Nachtsicht liegen.

„Ich habe mir einiges notiert, was der alte Mann mir zu sagen hatte,“ sagte Carroll, „und ich denke, ich kann den Prozess nachvollziehen.“

Bei dem Wort ‚Prozess’ zuckte Dave kurz zusammen, denn er fühlte sich plötzlich an die Indianer erinnert, welche ihn gefangen genommen hatten. Sie hatten von einem Prozess gesprochen, welcher in Dave eventuell vonstatten gehen würde. Das dem so war, erlebte er nun am eigenen Körper. Nur was war der Grund und was das Ende dieses Prozesses?

„Dave?“

Carroll blickte ihn voll Sorge an. Eventuell vermutete sie, dass die fremde Macht erneut Besitz von ihrem Mann übernommen hatte, nachdem er ihren Worten nicht gefolgt zu haben schien und plötzlich so abwesend aussah.

Dave schüttelte den Kopf und winkte dann beschwichtigend ab.

Carroll lächelte besorgt und fuhr dann mit ihren Erläuterungen fort, während sie ihre Hand deutend durch den Raum fahren lies.

„Eine Auren-Photographie,“ las sie von ihren Notizen ab, „ist eine Mischung aus normaler Photographie und der sensorischen Abtastung des Bio-Feedbacks der Hände des Photographierten.“

Dave atmete ungleichmäßig.

„Gemessen wird das magnetische Feld, welches sich um jeden Menschen herum befindet. Zusammen mit dem Photo ergibt sich dadurch ein Abbild der Seele des Photographierten.“

Carroll hielt kurz in ihrer Erklärung inne und las einige weitere Notizen im Stillen.

„Diese Ansicht des alten Mannes scheint sich nicht ganz mit der Ansicht der esoterischen Gemeinschaft zu decken, welche schon seit vielen Jahren Aura-Photographien als Mittel zur persönlichen Selbstfindung verwendet. Aber ich denke, es deckt sich mit dem, nach was wir suchen.“

Carroll blickte ihren Mann an, welcher gerade dabei war, seinen Mantel und den breitkrempigen Hut abzulegen.

Dave blickte wieder einmal an sich herab, als er den schweren Mantel über einen nahestehenden Stuhl legte.

Seine fellbedeckten Läufe beschworen noch immer ein unangenehmes Gefühl in ihm herauf, auch wenn sie sich so natürlich wie seine alten, menschlichen Beine anfühlten. Er war sich sicher, dass es sich auch sehr natürlich anfühlen würde, wenn seine Persönlichkeit erst einmal von der unbekannten Macht ausgelöscht sein würde.

Dave blickte wieder auf Carroll. Sie hatte inzwischen einige Kartons zur Seite geräumt und war auf der Suche nach etwas, was sich anscheinend um einen seltsam aussehenden Stuhl herum befinden musste.

„Der Photograph zeigte mir, was man tun muss, um ein Aura-Photo zu schießen,“ sagte sie, „und auch, welche Geräte man dazu verwendet.“

Carroll räumte einige zerfledderte Zettel von dem seltsamen Stuhl und deutete auf einige Kabel, die um die Stuhllehnen gewickelt waren.

„Nachdem was der Mann mir sagte ist es sehr einfach, ein Aura-Abbild einer Person zu erstellen.“

Carroll deutete Dave, sich auf den Stuhl zu setzen.

Dave wollte ihrer Aufforderung folgen, aber das Etwas in ihm widersetzte sich seinem Willen, wollte nicht, dass er mehr über die Vorgänge in sich erfuhr.

„Dave, was...,“ hob Carroll an, aber Dave bekam es nicht mit, da in seinem Kopf plötzlich eine erneute Schlacht um seinen Geist entbrannte.

Blitzende und durch seine Nerven schneidende Bilder jagten durch Daves Kopf. Brüllende, heulende und kreischende Geräusche bombardierten seine Ohren.

Taumelnd drückte Dave seine Handflächen auf seine Ohren, um wenigstens die Geräusche abzublocken. Es war nutzlos, denn wie auch die Bilder hatten die Geräusche ihren Ursprung nur in Daves Kopf, wurden von dem grauenhaften Wesen, welches sich um seine Seele geschlungen hatte, erschaffen.

Dave wollte etwas sagen, aber das einzige, was er hervorhusten konnte, war ein erneutes Knurren.

Er fiel vorn über, stützte sich mit einer Handfläche vom Boden ab. Ein dünner Sabberfaden rann glänzend aus seinem Mundwinkel zu Boden.

Dave atmete keuchend. Seine Augen schlossen und öffneten sich in einer ungesunden Geschwindigkeit.

Dann hatte er den Anfall überstanden und war wieder der Herr über seinen Körper.

Sein Kopf ruckte nach Oben und er blickte auf Carroll, die hinter dem seltsamen Stuhl in Deckung gegangen war.

„Dave...,“ flüsterte sie mit zitternder Stimme, „Dave, deine Ohren!“

Ihre Augen waren geweitet, sie roch nach gerade so unterdrückter Furch.

Er selbst kam langsam wieder auf die Beine und riss sich zusammen, wenigstens einige kurze Worte hervorzupressen: „Alles... in... Ordnung.“

In der selben Sekunde berührte er mit zitternden Fingern sein linkes Ohr und zuckte zusammen, als er fühlte, dass es sich verändert hatte. Es war bei seinem anderen Ohr nicht anders, dass bemerkte er, als er es auch abtastete.

Daves Ohren hatten sich weiter zugespitzt. Fell war auf ihnen gewachsen, er konnte es unter seinen tastenden Fingerspitzen fühlen. Ebenso waren sie größer geworden und standen nun nach hinten von seinem Kopf ab. Eines der Ohren zuckte und bewegte sich leicht, als er es berührte.

Die fremde Macht hatte ihn mit Wolfsohren beschenkt. Dave fühlte sich von Allem verlassen.

„Gib nicht auf,“ versuchte Carroll ihm Mut zuzureden, „wir können noch Antworten finden. Noch hat das Wesen in dir nicht gesiegt!“

Langsam nickte Dave und lies von seinen verwandelten Ohren ab.

Er bahnte sich einen Weg an den Kartons vorbei und nahm in dem Stuhl platz, positionierte seine Arme auf den massiven Lehnen.

Carroll wickelte inzwischen die verworrenen Kabel von den Lehnen ab und entwirrte sie.

„Nachdem, was ich meinen Notizen entnehmen kann,“ sagte sie, ihren Blick besorgt auf Dave gelegt, „muss ich lediglich deine Fingerspitzen an diese Kontakte anschließen und mit einer speziellen Polaroidkamera ein Photo von dir schießen.“

Dave versuchte sich soweit zu entspannen, wie es ihm möglich war, ohne die mentale Barriere gegen das korrumpierende Wesen zu vernachlässigen.

Sein Kopf schmerzte, seine Schläfen pochten. Die Kreatur wehrte sich.

Carroll schloss die metallischen Kontakte an Daves Fingerspitzen an, je ein Kabel an jeden seiner Finger.

Dann suchte sie in einem nahestehenden Regal nach etwas, was sich nach einigen Augenblicken als eine vollkommen normal erscheinende Polaroidkamera entpuppte.

„Es dauert keine paar Sekunden und könnte eventuell leicht in deinen Fingerspitzen brennen,“ sagte Carroll leise, dann drehte sie sich um und ging einige Schritte von Dave weg. Dann drehte sie sich wieder um und Dave konnte erkennen, dass von der Kamera ein Kabel ausging, welches sie mit seinem Stuhl und einer nahestehenden Apparatur verband.

„Gleich, Dave,“ murmelte Carroll, „hoffentlich straft mich mein Gedächtnis nicht Lügen und wir haben alles Richtig gemacht.“

Sie legte einen kleinen Kippschalter an der Kamera um, der anscheinend irgendwann mehr oder minder professionell an ihr befestigt worden war.

Ein Brennen schoss plötzlich, wie Carroll es vorhergesagt hatte, durch Daves Fingerspitzen. Kleine, blaue Funken blitzten zwischen den Kontakten und seiner Haut.

Dave verzog jedoch keine Miene, er hatte in den letzten Stunden schon zu viel Schmerz erfahren, als sich von so etwas aus dem Konzept bringen zu lassen.

Ein gleißender Blitz nahm ihm die Sicht und lies sofort danach verschwommene, weiße Schemen vor seiner Netzhaut tanzen. Seine Nachtsicht schien sehr stark auf unerwartetes Licht zu reagieren. Verdammt.

Er konnte immer noch nicht wieder klar sehen, als er Carroll die Kontakte von seinen Fingern entfernen spürte.

Durch die Schemen vor seinen Augen abgelenkt, bemerkte er etwas nicht, was ihm ansonsten sofort aufgefallen wäre.

Schritte hallten durch die Räume hinter dem Photolabor. Gerüche drangen an Daves Nase. Er vernahm das metallische Klicken einer Waffe, die entsichert wurde.

Zu spät. Alles zu spät.

Die Tür des Labors wurde aufgetreten, Schreie hallten urplötzlich durch den Raum. Dave hielt erschrocken den Atem an und sprang auf. Er versuchte durch das Flimmern vor seinen Augen zu blicken, aber es war ihm unmöglich.

Sie waren verfolgt worden, wie hatte Dave es nicht bemerken können?

„Was... verdammt,“ schrie Carroll verdutzt, dann hallte ein Schuss durch das Labor.

Dave hörte wie das abgefeuerte Projektil sein Ziel fand und sich platschend in einen menschlichen Körper bohrte.

Carroll wimmerte auf, sackte neben ihm zu Boden.

Dave schrie knurrend auf, ein stählernes Netz aus Wut schien sein Herz zu zerquetschen, schnürte ihm die Luftzufuhr ab.

Die Schreie nah der Labortür verebbten. Es war Dave egal, ob sie über seine Gestalt erschrocken waren, oder über seine plötzliche Bewegung.

Er hastete vor, lies Kisten und Stühle unter sich zurück und prallte genau mit den unerwarteten Angreifern zusammen. Als ob er sehend gewesen wäre, kollidierte er mit ihnen, denn ihr Geruch und die von ihnen verursachten Geräusche waren für Dave wie ein Leuchtfeuer. Es waren zwei Gestalten, mehr witterte Dave nicht.

Die flimmernden Schemen vor seinen Augen ignorierend, hieb er nach der Person, die seiner Meinung nach die Waffe abgefeuert hatte, welche Carroll verwundet zu Boden geschickt hatte. Sein Schlag war mit einer unglaublichen Wucht geführt und er spürte Knochen unter seiner Faust brechen und zersplittern. Ohne eine Sekunde zu verlieren setzte er einen weiteren Schlag nach und verbiss sich dann mit seinen scharfen Zähnen in dem ungeschützten Hals des Angreifers. Blut spritzte in Daves Kehle.

Er roch die ängstlichen Ausdünstungen des zweiten Angreifers. Der Fremde unter Dave rührte sich kaum noch, er zuckte nur noch und wimmerte vor Schmerz. Dave genoss diese Geräusche, trank gierig das Blut.

Mit einem Mal lichteten sich die blendenden Schemen vor seinen Augen und er erkannte die Angreifer als das, was sie waren.

Indianer!

Einer der Fremden, ein Mann, lag mit gebrochenem Kiefer und einer halb aufgerissenen Kehle unter Dave, der zweite Angreifer war eine junge Frau.

Mit einem animalischen Lächeln erhob sich Dave von dem zuckenden Indianer und blickte die vor Angst zitternde Frau an. Sein Gesicht war voll von indianischen Blut.

Die Frau hatte sich in eine Raumecke nahe der Tür geflüchtet, eine Pistole in den verkrampften Händen und auf Dave gerichtet haltend.

Dave ignorierte die Waffe. Sein raubtierhafter Blick hatte sich auf die Frau fixiert, die er nur zu gut kannte. Sie hatte in dem Auto der Indianer neben ihm gesessen. Sie hatte ihm vor einigen Stunden mit einer seltsamen Waffe betäubt.

Mit zitternden Lippen brachte die panische Frau einige Worte heraus: „Zurück! Zurück, böser Geist!“

Dave ignorierte ihre Worte und stapfte, getragen von den ledernen Sohlen seiner Pfoten, durch das warme Blut des am Boden liegenden Indianers auf die Frau zu. Es waren nur wenige Meter, es würde nur wenige Augenblicke dauern.

Mit einem Keuchen feuerte die Frau ihre Pistole ab. Ein Mal. Zwei Mal. Drei Mal.

Dave spürte die Kugeln flammend in seinen Brustkorb einschlagen, aber es kümmerte ihn nicht. Knurrend schritt er weiter auf die Frau zu und hob seine zu Krallen gekrümmten Finger.

Die Indianerin schrie vor Angst, ihre Augen weiteten sich. Die Pistole entglitt ihren zitternden Fingern und polterte zu Boden.

Seine gerade erlittenen Schusswunden schlossen sich und Fell wuchs über ihnen, Dave spürte es. Er knurrte.

Er legte eine seiner gekrümmten Hände auf ihre Schulter, drückte gnadenlos zu. Die andere Hand drückte er gegen einen ihrer Arme und presste diesen gegen die kalte Wand des Raums.

Er schob seinen Kopf vor, sog den panischen Geruch der Frau ein und lächelte sie animalisch an.

Er würde sie nun töten... und er würde es genießen.

In der Sekunde, in der sein Kopf vorzucken wollte, um ihr mit seinen scharfen Zähnen die Kehle herauszureißen, drang ein leises Geräusch an Daves Ohren und lies ihn Inne halten.

Er spürte eine schreckliche Kälte in seinen Adern.

Dann, plötzlich und unerwartet, lies er die Indianerin los, so dass sie zitternd zu Boden fiel.

Was hatte er getan?

Von sich selbst angewidert taumelte Dave von der nun zu seinen Pfoten liegenden Frau davon und versuchte wieder zu Sinnen zu kommen.

Das fremde Wesen in ihm hatte die Kontrolle über sein Denken und sein Handeln übernommen gehabt und er hatte es genossen! Er war dabei seine Menschlichkeit zu verlieren und es würde noch weniger Zeit dauern, als er befürchtet hatte.

Er kämpfte einen Kampf, den er auf jeden Fall verlieren würde, dass begriff er nun.

Erneut nahmen seine zuckenden Ohren das leise Geräusch auf, welches ihn wieder zur Vernunft gebracht hatte. Es war ein schmerzerfülltes Stöhnen. Es war Carroll.

Dave stürzte durch das Chaos aus Stühlen, Schränken und Kartons und fand Carroll nur Augenblicke später blutend neben dem verkabelten Stuhl am Boden liegend. Sie hatte sich zusammengekrümmt und ein stetiger Blutsstrom sickerte aus einem glatten Durchschuss in ihrer Schulter.

Mit einem kurzen Keuchen drehte Dave seine Frau sanft auf den Rücken und besah sich die Wunde. Es war nicht zu schlimm, aber sie würde sterben, wen ihr nicht bald geholfen werden würde.

Das seine Fingernägel sich inzwischen zu gebogenen Krallen verwandelt hatten und Fell auf der nun rauen Haut seiner Hände gewachsen war, bemerkte Dave nur am Rande. Ebenso die Tatsache, dass sich nun lederartige Sohlen auf seinen Handflächen befanden.

Mit einer kurzen Bewegung riss Dave ein Stück Stoff aus Carrolls Kleidung und verband die blutende Wunde so gut es ihm irgend möglich war.

Er bemerkte nicht einmal, wie sich ihre Augen flimmernd öffneten und sich ihr Blick auf ihn legte.

„Dave...,“ flüsterte sie, „es wird alles gut... alles gut.“

Dave legte eine seiner fellbedeckten Hände sanft auf ihren Mund um ihr zu verstehen zu geben, dass sie schweigen und sich ihre Kräfte sparen sollte.

Carroll ignorierte seine Sorge und sprach leise und stockend weiter.

„Geh, Dave. Ich... ich habe ein... Handy... werde... einen Krankenwagen rufen. Alles... wird gut, Dave.“

Er knurrte dumpf und legte seinen Mantel, den er von dem nahestehenden Stuhl gezogen hatte, als Kissenersatz unter ihren Kopf.

„Ich liebe dich Dave,“ brachte sie keuchend heraus, ihre Lippen zitterten.

Einem der letzten Impulse seiner Menschlichkeit folgend senkte Dave seinen Kopf und küsste seine Frau.

Es war kein langer Kuss, aber Dave wusste innerlich, dass es ihr Beider letzter sein würde.

Als er den Kuss langsam brach, sah er eine Bewegung an einer der Hände Carrolls. Sie hielt ein Photo und lies es nun langsam los.

Dave nahm das Polaroid aus ihren kraftlosen Fingern und blickte sie ein letztes Mal an.

„Ich...,“ zwang er sich zu sagen, „liebe dich.“

Dann stand er langsam auf und blickte dabei auf Carroll, die mit einem schmerzverzerrten Gesicht dabei war, ein Mobiltelefon aus ihrem Mantel zu ziehen.

Sie war stark. Sie würde überleben.

Knurrend stapfte Dave durch das Labor zurück zu der Ecke neben der Tür, in welcher die indianische Frau noch immer zitternd hockte und panisch zu ihm aufblickte.

Dave beachtete sie noch nicht wirklich, sein Blick hatte sich auf das Aura-Photo fixiert, welches er Carroll soeben abgenommen hatte.

Er sah seinen verwandelten Körper auf dem Stuhl sitzen, die metallischen Kontakte an seinen Fingern. Winzige Blitze waren als kleine Sonnen nahe den Kontakten auf dem Photo zu erkennen.

 Er sah einen Schimmer aus Farben, welcher seinen Körper umwabern zu schien.

Und er sah das, was er erwartet hatte: eine weitere Aura. Eine Aura, die sich sowohl farblich als auch in ihrer Form von Daves eigenem magnetischen Energiefeld abhob.

Es war eine grauenhafte Kreatur. Sie war ein Hybrid aus Wolf und Mensch und sie hatte sich in einer Art ekstatischer Umarmung um Daves Körper gelegt. Ihre Klauen und Zähne waren in seine Aura geschlagen.

Was Dave aber schlucken lies war ihr Blick. Die flackernde Gestalt blickte direkt in die Kamera, als wenn sie wüsste, dass sie photographiert werden würde. Ihre Wolfsfratze war zu einem bösartigen Knurren verzogen.

Dies war das Wesen in Dave. Dies war die Kreatur, die Daves Körper und Geist veränderte.

Nun kannte er seinen Feind.

Alles was ihm nun fehlte, war ein Mittel, all dies zu beenden.

Mit einem Knurren begab sich Dave vor der Indianerin in die Hocke. Er roch ihre Furcht und spürte einen kaum zu beschreibenden Hass gegen sie in den Tiefen seiner Seele. Hätte er dem Verlangen, welches in ihm aufwallte, nachgegeben, hätte er sie sofort getötet.

Ihr Begleiter, welcher hinter Dave am Boden lag, rührte sich nicht mehr.

Dann zwang er sich zu ihr zu sprechen.

„Bring mich zu dem unter euch... welcher mir sagen kann.... was mit mir geschieht,“ brachte er knurrend hervor.

Erst nach wenigen Sekunden nickte die Frau kaum merklich.

 

 

-12-

 

Das schwarze Auto hielt im grauen Schneematsch des Straßenrandes.

Es war das selbe Auto, in welchem Dave auch betäubt worden war.

Dave hatte die Indianerin nicht einmal mit einer Waffe bedrohen müssen, dass sie ihn zu ihrem Anführer fuhr. Ihre Furcht vor ihm und um ihr Leben war so gewaltig, dass sie es nicht einmal gewagt hatte, ihn zu einem falschen Ort oder in eine Falle zu fahren.

Dave roch es, jede noch so kleine Veränderung ihrer Geruchsnuancen wäre ihm sofort aufgefallen.

„Hier... hier... ist es,“ stammelte die verängstigte Frau.

Dave blickte aus der verdreckten Windschutzscheibe des Wagens in das graue Zwielicht des langsam heranbrechenden Morgens.

Die Indianerin hatte ihn in eines der heruntergekommenen Viertel der Stadt gefahren. Zwar standen auch hier vereinzelt kleinere Häuser, aber ghettoartige Wohnblocks dominierten das Landschaftsbild. Penner und Drogenabhängige schliefen auf Treppenstufen und beschmierten Bänken. Kein Baum war zu sehen. Die wenigen Laternen, die in dem vorherrschenden Zwielicht flackernd schienen, konnten der Dunkelheit keine Gegenwehr bieten und erschufen so nur kleine Inseln aus unstetigem Licht.

Dave stieg langsam aus dem Auto aus und bedeutete der Frau, es ihm gleich zu tun.

Er hatte sich nicht mehr verkleidet. Es war nun alles eh zu spät, also was sollte er sich noch darum kümmern, verdeckt und unerkannt zu bleiben?

„Wo ist es?“, fragte er knurrend. Sogar dieser kurze Satz hatte ihm Mühe bereitet.

Mit einem zitternden Finger deutete die indianische Frau auf eine kleine Hütte, die scheinbar aus Holz zusammengeschustert worden war und sich kaum merklich zwischen zwei monolithische Wohnblocks duckte.

Dave bedeutete der Frau vorzugehen, so dass er ihr folgen konnte.

Mit langsamen Schritten umrundete die Frau das Auto und schritt langsam auf das Haus zu.

Niemand interessierte sich für die Beiden. Kein Fenster öffnete sich, niemand nahm Notiz.

Dave folgte der Indianerin und vernahm wieder das Klicken seiner Krallen auf dem Asphalt der Strasse und den steingedeckten Gehwegen.

Kannte er dieses Haus? War es das selbe, in dem er nach seiner Gefangennahme durch die Indianer aufgewacht war? Im Grunde war es Dave nun egal.

Als die Beiden den das Haus umgebenden Zaun erreichten, fühlte Dave plötzlich Blicke auf sich gerichtet. Er knurrte und legte seine krallenbewehrten Finger an den Hals der Frau.

„Keine Waffen... oder... du stirbst,“ knurrte er ihr ins Ohr.

Langsam hob die Frau ihre rechte Hand und machte eine abwehrende Handbewegung.

„Keine Schüsse, bitte, oder er... er wird mich töten,“ rief sie in Richtung des Hauses, hinter dessen Fenstern nun Bewegungen auszumachen waren.

„Bitte lasst uns ein,“ wimmerte sie dann.

Die schattenhaften Schemen hinter den dumpf beleuchteten Fenstern des Hauses verschwanden zwar nicht, aber sie schienen auch keine Anstalten zu machen, mit irgendwelchen Waffen auf Dave zu zielen.

Die Indianerin öffnete das Zauntor und wurde dann von Dave über den halb mit Unkraut zugewucherten Weg auf die Haustür zugetrieben.

Kurz bevor sie die Tür erreicht hatten, wurde sie von Innen geöffnet und ein fahler Schein legte sich über Dave und seine Gefangene.

Gerüche wehten ihm entgegen. Seine witternde Nase roch mehrere Menschen und den starken Duft von Räucherwerk.

Dave stieß die Frau durch in den Raum hinter der Tür und folgte ihr, seine Krallen noch immer leicht in die weiche Haut ihres Halses bohrend, so dass sie fast durch sie schnitten.

Die Tür wurde hinter Dave geschlossen und er fand sich in einem einzigen großen  Raum wieder, von dem einige wenige Türen abgingen. Eine Treppe führte in einer der hinteren Ecken in den ersten Stock des Hauses, wo die Fenster lagen, aus denen seine Ankunft beobachtet worden war.

Überall in dem Raum standen Kerzen und Behälter mit dampfenden Ölen und Kräutern. Felle der unterschiedlichsten Tiere hingen an den Wänden. Ein Deckenlicht gab es nicht, die Kerzen und ein Feuer in einem steinernen Kamin waren die einzigen flackernden Lichtquellen.

Gestalten waren ebenso in dem Raum verteilt, Dave zählte sechs von ihnen, ihn und seine Gefangene nicht mitgerechnet. Alle waren sie offensichtlich indianischer Abstammung.

Drei junge Männer standen an den Wänden des Raumes. Sie hatten Gewehre im Anschlag, deren Läufe auf Dave gerichtet waren.

Zwei Gestalten, ein Mann und eine Frau, beide weitaus älter als die Männer mit den Gewehren, standen nahe der Mitte des Raums. Der Mann war jener Indianer, der das Auto gefahren war, in dem man Dave betäubt hatte und dem er begegnet war, als er in dem Keller in Gefangenschaft aufgewacht war.

Die Frau neben dem alten Indianer kannte Dave nicht.

Ein sehr alt erscheinender Mann saß auf einem mit Fellen ausgelegten Stuhl inmitten des Zimmers und war von Kerzen und Duftspendern umgeben.

Die Bewaffneten trugen normale Straßenkleidung, die beiden alten Indianer Stoffe und Ketten, wie Dave es in vielen Filmen und Dokumentationen gesehen hatte, als sein Leben noch in normalen Bahnen verlaufen war.

Der Greis auf dem Stuhl in der Mitte des Raumes trug keine wirkliche Kleidung, sondern war in Felle gehüllt, die Dave einwandfrei als wölfisch identifizierte. Der ausgehöhlte Schädel eines Wolfes lag dem Mann, dessen Gesicht scheinbar nur aus Falten und seinem unergründlich dunklen Augenpaar bestand, wie eine Kapuze auf dem Kopf.

Hass brodelte in Dave auf, kaum dass er den Raum betreten hatte.

Sein Geist drohe zu schwinden. Wellen um Wellen aus purem Hass rasten durch seinen plötzlich zuckenden Körper.

Er musste diese Indianer töten! Er musste sie alle zerreißen und ihr Blut...

„Nein!“ Dave schrie das Wort knurrend heraus und krümmte sich für den Augenblick, den er brauchte, um das Wolfswesen in sich zurückzudrängen, zusammen.

Diese Möglichkeit ausnutzend riss sich seine Gefangene von ihm los und hastete durch den Raum auf die drei alten Gestalten zu.

Dave richtete sich langsam wieder auf. Er keuchte. Seine Schläfen hämmerten. Die Wesenheit in ihm würde sich nicht mehr lange zurückdrängen lassen. Es war, als ob sie nun am Ziel ihrer Reise angelangt war und in dem Tod all der anwesenden Indianer ihre Erfüllung erfahren könnte.

Die junge Frau schwang ihre Arme kurz um den alten Indianer, den Dave als den Fahrer des schwarzen Wagens kannte.

„Großvater,“ schluchzte sie, dann lies sie ihn los uns blickte zu Dave.

Von allen anwesenden Indianern angestarrt trat Dave einen Schritt vor. Sofort umfassten die bewaffneten jungen Männer ihre Gewehre fester und zielten auf ihn.

Obwohl er wusste, dass die Waffen ihm wahrscheinlich nichts anhaben würden können, stoppte Dave seinen Weg in die Mitte des Raumes und blickte knurrend auf die dort stehenden Gestalten.

„Es ist dein Glück, dass du meine Enkelin nicht getötet hast, Kreatur,“ sagte der Großvater der jungen Indianerin, „ansonsten hätten wir dich längst getötet. Nur weil sie lebt bist du nun hier.“

Dave hörte die Worte, aber sie ergaben kaum einen Sinn in seinem sich rapid abbauenden Geist. Sein Blick war auf den in Wolfsfelle gehüllten Greis fixiert.

Einige Augenblicke lang passierte gar nichts, dann flüsterte der Greis zu Dave.

„Der Wolf ist mächtig in dir. Er frisst deine Seele. Er verformt deinen Körper. Wir wollten dich zu uns schaffen, aber nun bist du von selbst zu uns gekommen. Das ist gut.“

Die Stimme des alten Mannes war kaum zu verstehen, aber es war das einzige, was Dave in seinem immer schlimmer werdenden geistigen Zustand noch wahrnehmen konnte.

Er fühlte sich matt.

Was geschah mit ihm?

„Vor sehr vielen Jahren eroberte mein Stamm dieses Land von den Einwanderern aus dem Westen zurück. Es war eine blutige Schlacht und viele unserer tapferen Kämpfer fielen den mächtigen Waffen der Fremden zum Opfer. Aber wir siegten, denn wir hatten keine Gnade mit ihnen. Nicht mit ihren Kämpfern, nicht mit ihren Frauen, nicht mit ihren Kindern. Wir eroberten das Land, welches uns genommen worden war, zurück.“

Dave fühlte sich schwer. Mit jedem Atemzug schien er schlaffer zu werden.

„Aber die Einwanderer waren zu zahlenmäßig und bald zerschlugen und vertrieben sie uns mit ihren Kanonen und Gewehren. Aber damit nicht genug. Ihre dunklen Zauberer verfluchten uns. Sie beschworen ein Wesen, welches uns in der fernen Zukunft jagen und auslöschen sollte. So feige waren sie, dass sie das Wesen unseres Schutzgeistes korrumpierten und mit Hass gegen unser Volk anfüllten.“

Dave spürte den Boden unter seinen Pfoten nicht mehr.

„In den unzähligen Jahren, die auf diesen feigen Fluch hin folgten, warteten wir auf die Kreatur. Wir bereiteten uns auf sie vor. Jede Generation meines Stammes lernte alles, was wir über das Wesen des zukünftigen Feindes wissen mussten, welcher irgendwo in unserer Nähe heranreifte, um uns, wenn er schlüpfte und einen Wirtskörper gefunden hatte, vernichten wollte. So konnten wir dich auch so schnell aufspüren... wir wussten, wonach wir suchen mussten. Und nun, wo wir dich da haben, wo wir dich haben wollen, werden wir dich unserer Magie unterwerfen und dich gegen dein altes Volk schicken. Oh, wie es uns eine Genugtuung sein wird, die Kehlen der Westlichen von den Zähnen ihrer eigenen Kreatur zerfetzt werden zu sehen. Es ist sehr einfach. Füge dich.“

Die Worte des Greises klangen in Daves Ohren tausendfach nach.

Er fühlte sich, als wenn er fallen würde. Jedes Gefühl wich aus seinem Körper, jeder Atemzug stach in seinen Lungen.

Doch plötzlich und unerwartet öffnete sich sein Geist und überspülte Dave mit dem Wissen, nach dem er so lange gesucht hatte.

 

 

-13-

 

Plötzlich sah Dave die Welt aus einem anderen Blickwinkel.

Sofort war ihm klar, was hier geschah und dieses Wissen legte sich wie Hohn auf sein Gemüt.

Er war in eine simple und dennoch sehr wirkungsvolle Falle getappt.

Die Indianer hatten ihn mit einer für Menschen ungefährlichen Droge niedergerungen. Vielleicht war es etwas in den Kerzen oder den Ölen und Kräutern gewesen. Er wusste es nicht.

Was sie nun mit ihm anstellen würden, konnte er ebenso wenig sagen.

Allerdings schien die Droge eine positive Wirkung auf sein vormals durch die Macht des Wolfsgeistes verschlossenes Gedächtnis gehabt zu haben. Eventuell war es der Kreatur nun, wo Dave ihr kaum noch Widerstand entgegensetzen konnte, auch egal und sie offenbarte ihm die Antworten auf all seine Fragen.

Dave befand sich auf dem Hausdach, auf welchem die ganze Geschichte ihren Anfang genommen hatte. Um genau zu sein schwebte er einige Meter über dem Dach und hatte deshalb ein recht gutes Sichtfeld.

Durch den Wind hindurch konnte Dave einen schwarzgekleideten Mann auf dem Dach herumstapfen sehen.

Der Mann fluchte und wischte sich alle paar Sekunden Schneematsch und dreckigen Regen aus dem Gesicht, welchen der einskalte Wind ihm gnadenlos entgegen schleuderte.

Dave sah, wie der Mann sich an einigen Schornsteinen zu schaffen machte. Dieser Fremde war augenscheinlich ein Schornsteinfeger oder etwas in der Art.

Dave spürte, dass er selbst jetzt unten auf dem Gehweg unter dem Haus in diesem Augenblick mit einem als Weihnachtsmann verkleideten Mann zusammenstieß.

Der Schornsteinfeger blickte sich auf dem Dach um. Irgendetwas schien ihm nicht zu behagen.

Dave erkannte, dass hinter dem Mann ein blaues Licht aufzuflackern begann.

Instinktiv wusste er, dass der Wolfsgeist, der nun nach all den Jahren des stillen Wachstums zu schlüpfen begann, unendlich mächtig war. Er musste über unzählige Jahre hinweg gewachsen sein und war fähig, diese gesamte Macht in einem einzigen Augenblick auf einen Wirtskörper zu übertragen.

Der Schornsteinfeger drehte sich plötzlich um und Dave erkannte, wie sich das Gesicht des Mannes zu einer Fratze der Furcht verzog.

Das blaue Licht jagte auf den Schornsteinfeger zu, der sich einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort befunden hatte, und drang Funken schlagend in ihn ein.

Der schwarzgekleidete Mann zuckte wie vom Schlag getroffen auf und brüllte seinen plötzlichen Schmerz in die sturmdurchwehte Nacht hinaus.

Eine Welle aus purer Energie bildete sich und breitete sich kreisförmig und kreischend um die zuckende Gestalt aus. Schornsteine zerbarsten. Schutt und Steine regneten überall um das Haus herum in die Tiefe.

Der Schornsteinfeger zuckte und taumelte, sein Körper von den ersten Stadien der Verwandlung in den wölfischen Rachegeist erfasst.

Der Geist war stark und die Verwandlung der menschlichen Hülle in einen ihm angemessenen Körper würde nur wenige Minuten in Anspruch nehmen.

Dave spürte den Hass des Geistes wie eine Flamme lodern. Er kannte diesen Hass.

Fell wuchs auf der Haut des unglücklichen Opfers des Rachegeistes. Seine Zähne wuchsen zu Reißern. Krallen ersetzten seine Finger- und Fußnägel.

Dave sah sich selbst aus dem Augenwinkel die Feuerleitern des Gebäudes heraufklettern. Sein Gesicht schien verbissen und doch voller Sorge.

Der über dem Dach schwebende Dave war erschrocken, wie sehr er sich inzwischen verändert hatte.

Der Schornsteinfeger taumelte und zuckte auch weiterhin, als Welle um Welle der unheilvollen Verwandlung durch seinen Körper zuckte. Blaues Feuer loderte um seine Gestalt.

Während dieser unglaublich schnellen Verwandlung war der Geist verwundbar und konnte mit seinen heilenden Kräften nicht auf den Körper seiner Hülle einwirken, dass wusste der beobachtende Dave plötzlich.

Weitere Ringe aus purer Energie lösten sich aus dem Körper des Mannes und zerfetzten weitere Schornsteine und Mauern.

Dave sah sich zu, wie er das Dach erklomm und in die Deckung der Schornsteine geduckt auf den sich verwandelnden Schornsteinfeger zueilte, ohne zu wissen, was ihn erwartete.

Die Umformung des Mannes war fast vollkommen, als er sich aus der Deckung heraus Worte in Richtung des blauen Lichts brüllen sah.

Wie an einem Gummiseil wurde der über dem Dach schwebende Geist Daves plötzlich in seinen über das Dach hastenden Körper gezogen. Er verband sich mit ihm, erlebte, was der Körper erlebte. Er wurde wieder Teil der Erinnerung...

„Verdammt, dann halt auf die harte Tour,“ murmelte Dave. Er sprang um die Ecke seiner Deckung und sprintete, die Pistole im Anschlag, auf das blaue Glühen zu.

Er passierte eine Mauer, dann eine weitere, dann die letzte.

Er erblickte die Szenerie vor sich.

Mit einem vor Angst verzerrten Gesicht riss er seine Waffe nach Oben und starrte auf die schreckliche Kreatur, welche vor ihm auf dem Dach stand. Der Schnee um sie herum war geschmolzen und sie blickte Dave hasserfüllt an.

Es war eine Kreatur, die halb Mensch und halb Wolf war. Daves zerbrechender Geist erkannte Fell, Klauen und scharfe Zähne.

Seine Lippen zitterten und er feuerte einen Schuss auf die widernatürliche Kreatur ab.

Das Projektil bohrte sich klatschend in die Stirn des Monsters und warf es zurück.

Es schien, als sei es wirklich verwundet, denn es riss kreischend und heulend seine klauenähnlichen Hände an die Stirn und begann zu taumeln.

Dave wollte einen weiteren Schuss abgeben, aber sein verwirrter und verängstigter Geist versagte ihm den Dienst.

Eine weitere und letzte Welle aus Energie verließ den sich auflösenden und dadurch schrecklich anzusehenden Körper der Kreatur und jagte auf Dave zu.

Er wollte schreien, sich abwenden, ausweichen oder seine Hände vor das Gesicht reißen, aber es war alles zu spät.

Etwas traf auf Daves Körper und drang in ihn ein, bohrte sich geschwächt in seine Seele, während der vorherige Wirtskörper in einer lodernden blauen Flamme verging.

Dann traf die Energiewelle auf Daves Körper und schleuderte ihn über die Mauern des Daches in die Tiefe.

Dave spürte den Aufprall seines Körpers auf dem Boden nicht... und so entging ihm auch der Heilungsprozess, den der geschwächte Wolfsgeist in Daves Körper auslöste. Der Geist hatte zwar nun eine neue Hülle gefunden, war aber nicht mehr mächtig genug, irgend etwas anderes zu tun, als für das Wohl von Daves Körper zu sorgen.

Der Geist würde warten müssen, um seine Kräfte zu sammeln. Erst dann könnte er diesen neuen Wirtskörper zu seinem Zwecke umformen.

Dave fiel in eine lange Bewusstlosigkeit und erwachte erst 23 Tage später in einem Krankenhauszimmer wieder.

 

 

-14-

 

Dave riss seine Augen auf.

Brüllend kam er wieder auf die Beine und blickte sich um.

Seine Reise in seine Erinnerungen konnte nicht lange gedauert haben, denn nichts hatte sich um ihn herum verändert.

Die Augen der anwesenden Indianer weiteten sich angsterfüllt. Einer von ihnen schrie etwas wie: „Es wirkt nicht!“

Dave hob seine Klauenhände und erkannte, dass die Verwandlung nun auch seine Arme und seinen Brustkorb erreicht hatte. Überall sah er das schwarz-graue Fell.

Ein buschiger Schwanz zuckte hinter ihm erregt hin und her.

Der Gestank von Furcht wallte in dem Raum auf und legte sich stechend über den Geruch der Kräuter und Öle.

Dave knurrte hasserfüllt.

Der Mensch in Dave war kaum noch existent. Seine schwächliche Stimme reichte nicht mehr aus, um das rasende Wesen des Wolfsgeistes zu zähmen.

Während sich sein Gesicht zu einer Wolfsschnauze streckte und seine Zähne unter den schwarzen Lefzen blitzten, stapfte Dave brüllend auf die Mitte des Zimmers zu.

Schüsse hallten auf und die Gewehrkugeln schlugen hart in dem Körper der Wolfskreatur ein, zu der Dave nun letztendlich geworden war.

Schreie klangen auf, die Indianer brachen in Panik aus.

Eine unvorsichtige Bewegung einer der plötzlich wild durcheinander laufenden Gestalten lies eine der Ölpfannen schwanken und letztendlich scheppernd umfallen.

Als Dave mit seiner Klaue nach dem noch immer ruhig vor ihm sitzenden Greis hieb, wallte überall um ihn herum Feuer auf, nachdem sich das über den Boden schwappende Öl an Kerzen und dem Kamin entzündet hatte.

Den Greis mit einer Klaue aus seinem fellbedeckten Sitz hebend, knurrte ihn Dave hasserfüllt an.

„Töte mich, Kreatur. Töte uns alle. Dann wirst du für immer und ewig eine Kreatur des Hasses sein. Unterwirf dich uns und wir werden dir helfen,“ keuchte ihm der uralte Mann entgegen. Dave spürte, dass er selbst sehr wohl eine Kreatur des Hasses sein würde, aber auch, dass die Indianer ihn zu dem selben Zweck, dem Tod anderer, kontrollieren wollten.

Niemand konnte ihm helfen, verzweifelte er in den Tiefen seiner Seele, welche vollkommen mit der Substanz des Rachegeistes durchtränkt war.

Mit einem unter dem Tosen des um ihn herum aufwallenden Feuerinfernos kaum zu vernehmenden Knacken brach Dave das Genick des alten Mannes. Er wehrte sich nicht.

Stühle, Wandschmuck und der Boden... alles ging in lodernde Flammen auf.

Die in Panik geratenen Indianer rannten kopflos durcheinander, einige von ihnen brannten bereits lichterloh.

Dave stand inmitten der Flammen und wandte sich auf die Haustür zu, hinter der sich die rettende Außenwelt befand.

Er trat einen Schritt auf die Tür zu.

Ein Indianer rette sich mit einem gewagten Sprung durch eines der vorderen Fenster.

Schreie umgaben Dave ebenso wie das Brüllen des Feuers.

Er ging einen weiteren Schritt auf die Haustür zu, sein Fell hatte inzwischen Feuer gefangen. Er spürte, wie sich seine Haut unter dem Biss der Flammen zu kräuseln begann und die Heilkraft des Rachegeistes sie nur sehr langsam und unter Mühen heilen konnte.

Feuer. War Feuer die Lösung?

Ein weiterer Schritt, dann der nächste. Die rettende Tür näherte sich immer mehr.

Dann, plötzlich, blieb Dave stehen.

Der Wolf in ihm brüllte auf und wollte den Körper zwingen, weiter auf die Tür zuzugehen, aber Daves Menschlichkeit stellte sich in einem verzweifelten letzten Aufbäumen dagegen.

Würde der Rachegeist überleben, würde er nur noch weiteren Tod verursachen.

Dave kämpfte seinen größten Kampf, während das Haus um ihn herum in dem Inferno zu vergehen begann. Seine Haut löste sich in Fetzen von seinem brennenden Fleisch. Es stank nach verbranntem Fell.

Dave brüllte vor Schmerzen auf, aber er gab der nahezu übermächtigen Kraft des Wolf nicht nach und zwang sich selbst in die Knie zu gehen.

Holz splitterte überall. Flammen schlossen sich um Dave herum wie eine glühende und alles zerfressende Faust.

Dann stürzte der erste Stock des Hauses krachend in das Erdgeschoss und beendete das Leben Daves mit einem Rauschen und Bersten.

In seinem letzten Augenblick erfüllte Dave ein letztes Mal die Gewissheit, etwas Gutes getan zu haben.

 

 

-Epilog-

 

Carroll lag ruhig in ihrem weichen Bett.

Die Schwester hatte das Zimmer gerade vor sich hin summend verlassen und Carrolls Essen auf einem kleinen Tisch stehen gelassen.

Carroll hatte sich schlafend gestellt, da ihr derzeit nicht nach Reden zu Mute war.

Inzwischen war sie gute zwei Wochen in diesem Zimmer. Sie hatte das Krankenhaus die ganze Zeit über nicht verlassen.

Carroll war sich sicher, dass Dave tot war. Sie hatte es sofort gespürt, als sie aus ihrer künstlichen Bewusstlosigkeit erwacht war, in die man sie versetzt hatte, um die Schusswunde  in ihrer Schulter verarzten zu können.

Seitdem bestand Carrolls Tag aus nicht viel mehr als Schlafen.

In den wenigen Momenten, in denen sie wach war, dachte sie über die Geschehnisse nach, die so plötzlich über sie hereingebrochen waren und ihr Leben von einem Tag auf den anderen so nachhaltig verändert hatten.

Und sie dachte an den letzten Kuss mit Dave.

Wie er hatte auch sie hatte gespürt, dass er der letzte Kuss gewesen war, den sie mit Dave austauschen würde. Genau aus diesem Grund hatte sich der Moment, in dem sie sich zum letzten Mal nahe gewesen waren, so sehr in ihren Geist eingeprägt.

Carroll hob zum ersten Mal seit einer langen Zeit ihren Kopf und atmete tief durch.

Seit einigen Tagen hatte sie sich seltsam gefühlt, aber sie hatte keiner Schwester und keinem Arzt davon erzählt. Irgendwie wollte sie es nicht ansprechen, auch wenn sie sich nicht erklären konnte, wieso.

Carroll setzte sich auf und kratzte sich gedankenverloren hinter einem Ohr.

Wie würde es erst werden, wenn sie wieder daheim sein würde? Würde sie die plötzliche Einsamkeit durchstehen? Könnte sie einfach so in ihrem Job weitermachen, nun, wo Dave nicht mehr da war?

Carroll gähne und blickte auf ihre Hand, die sie auf der weißen Bettdecke ausruhte.

Ihre Augen weiteten sich.

Fell. Grau-weißes Fell war in einem dichten Flaum auf ihrem Handrücken gewachsen.

Sie schluckte, ihre Lippen begannen zu zittern.

War es nur ein Kuss gewesen?

 

ENDE.

 

 

Anmerkungen des Autors: Diese Geschichte beinhaltet erneut mehrere Elemente, die sich in vielen meiner Erzählungen wiederfinden lassen. Erneut ist die Flucht ein recht zentrales Thema, ebenso wie meine liebste Tierart, der Wolf. Im Grunde lassen sich sehr viele Details sowohl in dieser Geschichte, wie auch in ‚Die Jagd’ wiederfinden.  Namentliche Ähnlichkeiten mit anderen von mir erschaffenen Figuren, also der Name ‚Dave’ für den Hauptcharakter der Geschichte (verglichen mit dem Charakter ‚David’ in meiner Geschichte ‚Die Jagd’), sind mehr oder minder beabsichtigt.

All meine Geschichten, welche sich um das Thema der Flucht drehen, können dem geneigten Leser aufzeigen, wie sehr sich ein grundlegendes Thema in verschiedensten Arten wiedergeben lässt.

Alles in allem hoffe ich, dass Sie beim Lesen dieser Geschichte ebenso viel Spaß hatten, wie ich beim Schreiben.

Wenn sie Anmerkungen, Lob oder Tadel haben, so würde ich mich über eine E-Mail sehr freuen.

Meine Mailadresse lässt sich über dem Anfang der Geschichte finden.

Vielen Dank fürs Lesen, Sebastian „Rash_Ktah“ Grawan.