Dies ist meine bisher längste Geschichte (und ich denke auch meine beste). Sie ist das Ergebnis von Gedanken, die ich immer schon einmal zu Papier (oder auf einen Monitor, *g*) bringen wollte und wohl das Ende einer Reihe von Stories, die sich um das Thema Flucht drehen. Mal sehen.
Ich bin wie immer für Kritik (und auch für Lob) zu haben. Die gesamte Storyline und die Charaktere sind (C) Rash_Ktah 2000.
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Meine E-Mail Adresse: rash_ktah@tigress.com



Die Jagd

-1-

Das Leben offenbart sich dem fühlenden und denkenden Wesen als Schmerz.
Schmerz...
David öffnete seine Augen. Graue Schleier tanzten vor ihnen und verhüllten ihm die Szenerie, in der er sich befand.
War es dunkel? War es hell? Lichter tanzten auf seiner Netzhaut.
Sein Kopf tat so weh...
David versuchte seinen Kopf zu heben. Ein seinen gesamten Körper durchzuckender Schmerz war die direkte Konsequenz. Der Schmerz zog sich beißend von seinem Kopf hinab durch sein Rückgrad bis in seine Fußspitzen.
David jaulte leise auf. Er atmete langsam.
Er roch Blut. Sein eigenes Blut.
Die wirren Schemen vor seinen Augen verzogen sich langsam, er konnte nach und nach besser erkennen, wo er sich befand.
Aber er sah nicht so, wie er es gewohnt sein sollte.
Die ihn umgebenden Mauern waren dunkel und dreckig, an einigen rotetten uralte Plakate vor sich hin. Sie besaßen eine dunkle Färbung, aber er war sich sicher nicht erkennen zu können, welche es war.
Langsam hob er erneut seinen Kopf.
Die Mauern um ihn herum gehörten gigantischen Häusern und sie bildeten eine enge und dreckige Gasse. Mülltonnen und -säcke verstopften den eh schon engen Weg zwischen den Häusern und versperrten die Sicht an ein mögliches Ende der Gasse.
Alles war so farblos...
Langsam sah David sich um, versuchte sich ein Bild von der Szene zu machen und zu verstehen, was ihn hier her verschlagen hatte.
Blut klebte an einer der Mauern. Es roch warm und frisch. Es war sein Blut. Weiteres Blut klebte auf dem dreckigen Boden, an der Position, von der er eben gerade noch seinen Kopf erhoben hatte. Alte Zeitungen, brackige Pfützen und Müll aus zerrissenen Beuteln verdreckte die Gasse und erfüllten sie mit einem würzigen Geruch. Des weiteren stank es nach Fisch.
Wo war er? Warum war er hier?
Von irgendwo her hallten Stimmen durch die ... David blickte zum Himmel ... Nacht.
Sein Herz begann aufgeregt zu schlagen. Diese Stimmen bedeuteten Gefahr!
Ohne eine weitere Sekunde nachzudenken sprang David auf. Der Schmerz wollte ihn wieder zu Boden treiben doch er widerstand ihm.
Dann hechtete er von den sich nähernden Stimmen davon, wirbelte Zeitungen und öliges Wasser auf.

*

Einer der Männer betrachtete das Blut unter sich. Er ließ einen schwarz behandschuhten Finger durch die dickflüssige, rote Flüssigkeit fahren und lächelte dabei kalt.
Der zweite Mann blickte zu ihm und zog eine Pistole unter seinem dunklen Mantel hervor. Sein Gesicht war hart. Dann sprach er in ein kleines Funkgerät, welches durch einen dünnen Bügel vor seinen Mund gerichtet war. Das andere Ende des Bügels steckte in seinem Ohr und fungierte als Empfangsstation.
"Agent Johnson hier."
Er nickte kurz, blickte dabei auf seinen Partner, welcher gerade im Begriff war aufzustehen.
"Wir sind auf der Spur, ja."
Er wartete kurz, schob dabei einen Munitionsstreifen klickend in seine Waffe.
"Die Kreatur ist verletzt."
Sein Kollege blickte angewidert durch die Gasse und deutete in die entgegengesetzte Richtung, aus der die beiden Agenten den Weg zwischen den Häusern betreten hatten.
"Keine Gnade, ja. Verstanden. Wenn es sich nicht ergibt, wird es ausgeschaltet werden. Agent Johnson out."
Er nickte seinem Kollegen zu. Ein eisiges Lächeln lag in seinem Gesicht. Dann blickte er in die Richtung, die ihm der andere Agent wies. Ein weiteres Nicken.
Dann liefen die beiden Männer los.

*

David lief.
Sein Körper schmerzte mit jeder Bewegung, die sein Körper wie automatisch durchführte. David war in diese Sekunden nicht mehr als ein Gast in seinem eigenen, laufenden Körper.
Er spürte keinerlei Erschöpfung, nur den Schmerz, der von seinem Kopf ausging.
Aber es war nicht die Zeit für lange Überlegungen, Flucht war sein einziges Ziel.
Eine Flucht vor was oder wem auch immer.
David hatte die Gasse schon vor Minuten hinter sich gelassen und war in ein Labyrinth aus weiteren Gassen und kleineren offenen Plätzen eingetreten. Er hielt sich im Dunkeln, rannte was sein Körper hergab.
Alles um ihn herum trug die Farbe der Nacht, hielt sich für seine Blicke grau in grau und erschien ihm irgendwie ungewohnt unscharf.
Auf einmal blieb er stehen.
Er befand sich inmitten einer nicht allzu breiten Strasse, die ihren Ursprung in der Dunkelheit hatte und dort auch wieder enden musste. Die einzige Lichtquelle war eine flackernde Laterne. Ihr unstetes Licht warf flackernde Schatten an die Wände der abbruchreifen Häuser, die die Strasse säumten. Dünner Rauch stieg aus verrosteten Gullydeckeln auf. Es war still. Der Geruch von Asphalt, Laub, Fisch und Autoabgasen lag in der Luft.
David sah sich langsam um. Wo war er? Warum war er hier? Diese Häuser wirkten so anders, alles um ihn herum war ... verändert.
Plötzlich dröhnte ein geller Schrei in seinen Ohren und er warf sich herum. Zwei gigantische Sonnen rasten mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf ihn zu, ein Röhren und Brüllen begleitete sie.
David jaulte erschreckt auf und warf sich zur Seite. Er kam rollend an einem Bordstein zum Liegen und blickte dem Ungetüm erschreckt nach, als es sich mit hoher Geschwindigkeit von ihm entfernte und in der Dunkelheit der Nacht verschwand.
Ein Auto. Nicht mehr als ein Auto. Aber wie groß es gewesen war...
Schritte in der Nacht. Sie näherten sich. Er blickte sich um. Wohin sollte er sich zur Flucht wenden?
Flucht ... vor wem eigentlich? Wer waren seine Verfolger?
Seine Augen erblickten einen grasbedeckten Abhang auf der anderen Seite der Strasse. Dahinter konnte er in der Dunkelheit Blätter rascheln und Äste sich wiegen hören. Ein Park.
David rannte wieder los, ließ die Straße hinter sich.

*

Agent Frederikson blickte auf den Asphalt vor sich. Er deutete nach unten. Blutflecken glänzten rötlich auf dem Schwarz der Strasse.
Sein Kollege, Agent Johnson, blickte ihn nicht einmal an.
Er fühlte den Flüchtling. Er kannte seine Fluchtroute. Es war so einfach ein so dummes Ziel zu verfolgen.
Johnson deutete mit seiner Pistole auf die andere Seite der Strasse, wo diese in einen steilen Abhang überging.
"Es wird nicht weit kommen," seine Stimme klang emotionslos.
Er blickte mit kalten grünen Augen in die Dunkelheit. Dann schraubte er ein längliches Gerät auf die Oberseite der Waffe.
Frederikson blickte ihn fragend an.
Johnson nickte. Dann setzten sich die beiden Agenten wieder in Bewegung und liefen den mit Gras bedeckten Abhang hinab.

*

David rannte über feuchtes Gras und verwelkendes Laub.
Er spürte die feuchte Erde unter seinen Füssen, roch das frische Gras und das welke Blattwerk.
Die grauen Wolken am Himmel über ihm rissen teilweise auf und erlaubten es dem Mond seine milchigen Strahlen auf die Welt unter sich zu werfen.
David passierte Bäume und Sträucher, ließ steingedeckte Wege und verwelkende Blumenarrangements hinter sich.
Ein in Lumpen gehüllter Mann murmelte ihm unverständliche Worte hinterher. Oder hatte der Mann geschrieen?
David war nicht erschöpft.
Sein Atem stand ihm trotzdem in kurzen Wolken vor dem Gesicht. Es war kalt. Aber er fror nicht..
Plötzlich blieb er erschreckt stehen, die Augen weit aufgerissen.
Sein Gesicht...
Er kam zu keinem weiteren Gedanken als ein Geschoss jaulend an seinem rechten Ohr vorbeisauste, dumpf in einem Baum neben ihm einschlug und große Stücke der Rinde nach Außen explodieren lies.
David wandte sich um und blickte in die Dunkelheit, die nur teilweise von Mondschein durchbrochen wurde. Inseln aus dumpfer Helligkeit durchwanderten den nächtlichen Park unstetig und ließen die Illusion eines gigantischen Schachspiels aufkommen.
Er versuchte die Dunkelheit mit seinen Augen zu durchstoßen und seine Verfolger, wer immer sie waren, zu erkennen. Einen Augenblick lang konnte er ihren Geruch aufnehmen. Ein falscher, verwirrender und todbringender Gestank.
Plötzlich wurde er geblendet, als sich eine rote Miniatursonne in sein Auge fraß.
Mit der Geschwindigkeit eines Herzschlages duckte er sich und jaulte erschrocken auf.
Ein weiteres Geschoss schlug neben ihm ein und ließ Dreck und Gras hoch aufspritzen. Nun war auch der zischende Nachhall einer schallgedämpften Waffe zu vernehmen gewesen.
David warf sich herum um begann loszulaufen, wollte so viel Distanz wie möglich zwischen sich und die offensichtlichen Feinde bringen.
Zwei rote Lichtpunkte durchzitterten die Nacht.
Er hastete an einigen Sträuchern vorbei und setzte über einen mit scharfen Steinen bedeckten Weg hinweg, versuchte sich in der Dunkelheit der Bäume zu verbergen.
Aber sie waren noch immer hinter ihm - wer immer sie auch sein mochten.
Er setzte seine Flucht tief geduckt fort, rannte wie von Sinnen.
Er kam nicht sehr weit. Ein glühendes Stechen durchzuckte sein rechtes Bein und ließ ihn keuchend zu Boden gehen. Wieder das Zischen der schallgedämpften Waffe, dazu der Geruch von angesengter Haut und von noch etwas...
Das Bein zuckte scherzerfüllt. War es nur ein Streifschuss gewesen?
Er lag nur wenige Sekunden am Boden, atmete stoßweise und versuchte sich zu konzentrieren.
Wieso war er hier und wurde von zwei völlig Unbekannten verfolgt? Wieso?
Er hörte sie sich nähern, dachte einen Herzschlag darüber nach Aufzugeben.
Nein! Er knurrte kurz, das Geräusch erschreckte ihn selbst.
Mit dem Willen des Verfolgten erhob er sich, schleppte sich voran.
Er musste fliehen, fort von diesen Feinden, die sein Leben beenden wollten!
Immer schneller lief er, verwendete sein Bein nun so gut wie gar nicht mehr. Er verschwendete keinen Gedanken daran, wie dies funktionieren könnte, er tat es einfach.
Er lief. Er rannte. Er flüchtete.
Schemenhafte Sträucher verschwanden hinter ihm in der Dunkelheit, er lies sie ohne einen weiteren Gedanken an sie zu verschwenden hinter sich. Nur die Flucht war jetzt wichtig.
Der Park lichtete sich vor ihm, blinkende Lichter erfüllten sein schmerzgetrübtes Blickfeld.
Er fühlte erneut Asphalt unter seinen Füßen und hastete voran.
Eine unglaubliche Vielfalt an Gerüchen, Bewegungen und blitzenden Lichtern drang plötzlich auf ihn ein und hätte seine Flucht durch ihre unerwartete Heftigkeit nahezu gebremst, aber er trieb sich weiter.
Erschreckte und verzerrte Gesichter blickten ihn an, Frauen schrieen, sprangen aus seinem Weg. Er roch ihre Furcht.
Furcht vor ihm?
Er blickte sich nicht um, rannte nur so schnell es ihm möglich war vorwärts. Sein Bein schmerzte. Sein Geist drohte vor plötzlicher Erschöpfung zu verlöschen.
Er lief. Dann erkannte sein schwindender Geist einen Ausweg.
Ein Versteck!
Mit einem kurzen und sehr schmerzvollen Sprung hechtete er auf die breite Ladefläche eines wartenden Autos. Decken und Planen. Es roch nach Hund und Exkrementen.
David kroch zitternd unter den sich ihm bietenden Schutz. Er konnte die Feinde sich nähern hören.
Dann erbebte das Gefährt unter ihm und setzte sich brummend in Bewegung. Es roch nach Benzin und geschmolzenem Gummi.
David zitterte.
Er war nicht einmal fähig die Sekunden zu zählen, die er vor Furcht den Atem anhielt.
Die Laken und Planen über ihm drückten auf seinen Körper, der sich so seltsam anders anfühlte.
Anders?
Seine Augen schlossen sich langsam, sein Atem ging stoßweise. Er verlor Blut. Viel Blut.
Dann fiel er in einen tiefen Schlaf, während sich eine dünne Blutlache unter ihm bildete.

*

Agent Johnson stand am Rand des Stadtparks und blickte auf die Straße.
Er blickte auf die vorbeifahrenden Autos und die Ampeln. Menschen passierten ihn ohne auf ihn zu achten. Er blickte keinem von ihnen nach.
Sein Kollege verstaute unterdessen eine Mikrokamera in einer seiner Manteltaschen.
"Wir werden die Kreatur finden," sagte Johnson leise.
Seine Hände hatten sich zu Fäusten geballt.
Dann bedeutete er seinem Kollegen ihm wieder in den Park zu folgen.
Heute würde noch einiges an Arbeit auf sie warten.

-2-

Das Unterbewusstsein ist ein dunkler und einsamer Ort mit nur einem Bewohner ... sich selbst.
Dumpfe Stimmen hallten in der dunklen Welt von Davids Unterbewusstsein wider.
Bilder blitzten vor seinem inneren Auge auf. Sie flimmerten so schnell an seinem Geist vorbei, dass er sie nicht einmal richtig fassen konnte, bevor sie wieder in den Tiefen seines Unterbewusstseins verschwanden.
Graue Räume rasten an ihm vorbei, beleuchtet von farblosen Lichtern. Gestalten bewegten sich zuckend durch die engen Zimmer. Mechanische Geräusche. Stahl blitzte auf. Blut. Blut! Ein Gesicht schob sich durch das Blut in sein Blickfeld. Ein Gesicht. Was für ein Gesicht?
Mit einem Schlag verstummte sein Gedächtnis und sein Körper wurde wieder in die Realität geschleudert.

*

David lag mit geschlossenen Augen auf einer harten und kalten Oberfläche.
Kalter Tisch! Kalter Tisch! Nein! Nein!
Er war schwach, konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Wortfetzen drangen an seine Ohren, er verstand sie nur zum Teil.
"... sind sie sicher?" Die Stimme einer Frau. Jung.
"...keinen Zweifel..." Ein Mann, älter, gewohnt der Frau zu befehlen.
"...melden..." Die Stimme der Frau klang zu gleichen Stücken verwirrt, besorgt und ... ängstlich.
"...zuerst werden wir uns um ihn sorgen...dann...zu viel Blut..." Die Stimme des Mannes flackerte unstetig in Davids Geist. Er konnte die Worte nicht wirklich fassen, sie nicht völlig verstehen.
"...aber es ist..." Die Frau klang nun nur noch ängstlich.
"...weiß, wir werden uns...kümmern...Behörden..." Die Stimmen versiegten als Davids Geist wieder zu verlöschen begann.
Sein letzter Sinneseindruck war sein unnatürlich langgezogener Körper auf der kalten Unterlage.
Dann verlöschte sein Geist.

*

Ein erneutes Erwachen.
Die Schmerzen in Davids Körper waren zu einem stetigen, aber sanfteren Leid geworden, welches er mehr oder minder leicht verdrängen konnte.
Davids Augen waren geschlossen. Er fürchtete sich davor, sie zu öffnen.
Sein Herz klopfte aufgeregt und ängstlich.
Starke Gerüche drangen auf ihn ein. Tiere. So viele Tiere! Hunde vor allem, aber auch Katzen, Vögel und weiteres Kleintier. Er konnte jedes von ihnen aus der Masse herauswittern und genau bestimmen. Er kannte ihr Geschlecht, ihr Alter und ihren sozialen Status in ihrer jeweiligen Meute.
Was war nur geschehen? Was war mit ihm los?
Seine Flucht, seine Wunden, die unheimlichen Verfolger, seine veränderten Sinne...
Er musste Gewissheit haben. Er musste erfahren, was mit ihm geschehen war.
Langsam öffnete er die Augen.
Und erschrak.
Nicht einmal einen Meter vor sich erkannte er leicht verschwommen dicke Metallgitter. Nein, nicht nur vor ihm: Sie erstreckten sich überall um ihn herum und hielten ihn in einer kleinen, nicht einmal 2 Meter durchmessenden Zelle aus Stahlstäben gefangen. Der Boden war betoniert, mit einer leichten Erdschicht bedeckt und mit staubigem Stroh ausgelegt. Anderthalb Meter über ihm erstreckte sich eine mit Metallstreben verstärkte Holzdecke.
Ein Zwinger? War dies ein Hundezwinger?
Das Stroh und die Schicht rote Erde unter ihm rochen nach Hund, ja. Auch die Metallgitter, die die Wände seiner Zelle darstellten. Und es roch noch nach etwas anderem ... ihm selbst.
David wollte die Augen schon wieder schliessen, sich von dem, was sich ihm nun eröffnen würde, abwenden, aber er hinderte sich selbst daran. Nein, er musste es wissen.
Er blickte nach hinten auf seinen Körper und jaulte erschrocken auf.
Ein gedrungener, fellbedeckter Körper. Grau-schwarzes Fell. Ein buschiger Schwanz. Vier Beine, die in menschenhandgrossen Pfoten endeten. Krallen.
Er war ein Wolf.
David wimmerte. Nein, das konnte nicht sein, es fühlte sich falsch an!
Er ... Nein ... sein Körper, lag am Boden seiner Zelle in dem trockenen Stroh, die Hinterbeine von sich gestreckt. Der Schwanz zuckte verschrocken von einer zur anderen Seite. Sein Fell war kurz und am Rücken dunkler als an seinen Seiten und der Bauchpartie. Zwischen seinen Hinterbeinen ... er war ein vollkommener Wolf. Er versuchte nach vorn zu blicken. Eine lange Schnauze. Die nasse Nase eines Caniden. Er spürte seine Ohren zucken, sich nach den ihn umgebenden Geräuschen ausrichten.
Ein Wolf. Ein Tier. Was war nur geschehen?
David wusste, er konnte kein Tier sein. Er wusste nicht, weshalb er sich dieser Tatsache so sicher sein konnte, aber es war falsch ... er war kein Wolf, gehörte nicht in diesen Körper. Er erschrak, als um ihn herum plötzlich ein durch Mark und Bein gehendes Bell- und Heulkonzert begann. Er blickte sich verschreckt um, versuchte zitternd auf die Beine zu kommen. Er blickte in die Zwinger, die an den seinen gereiht standen, roch und sah unzählige weitere Tiere, meist Hunde, die ihn aggressiv anbellten und einzuschüchtern versuchten. Davids Schwanz zuckte. Sein Herz pochte vor Furcht.
Er stolperte durch seine Zelle, so weit es ihm möglich war. Seine Gedanken rasten in seinem Kopf. Er wollte weinen, konnte es aber nicht.
Was war geschehen? Was?!??
Er konnte sich nicht erinnern, seine Gedanken waren wie ausgelöscht! Er wollte schreien.
David knurrte. Bellte. Heulte. Er schlug mit seinem Körper gegen die Metallstäbe, biss in sie. Geifer flog spritzend aus seinem Maul. Sein Kopf schmerzte.
Nein, all dies durfte nicht Wahr sein! Nein!
Er schrie sein Unverständnis in den Zwinger hinaus, schlug sich blaue Flecken an den Gittern. Die anderen Tiere verstummten nach und nach, viele von den Hunden zogen ihre Schwänze zwischen ihre Hinterbeine. David raste. Er heulte seine Wut heraus.
Es dauerte einige Minuten, bis ein nach Medikamenten stinkender, männlicher Mensch den weitangelegten Zwinger betrat und sich vor Davids Zelle aufbaute. David konnte ihn nicht erkennen, seine Form war bis auf den von ihm getragenen weißen Kittel verzerrt und unscharf, aber sein Geruch sagte alles über ihn aus. Dieser Mensch war es gewohnt, mit Tieren zusammen zu sein und sie zu dominieren. Er brüllte David an, dieser verstand die Worte nicht, brüllte wölfisch zurück.
David sprang mit der Schnauze voran an die Gitter vor ihm, hinter denen der Mann stand. Er war kein Tier! Verstand der Mensch nicht?
Der Geruch des Mannes schlug rapide um, wurde ebenso aggressiv, wie der Davids. Er beförderte etwas unter seinem Kittel hervor und hielt es in Davids Richtung.
Dessen benebelter Geist erkannte die Waffe zu spät. Ein Stechen drang von seiner rechten Schulter aus an sein Hirn, dann ging sein Körper zitternd zu Boden. Seine Hinterläufe zuckten noch kurz, dann überkam ihn eine unvorstellbare Schwäche. Sein Geist wurde von einem Hammer aus Beruhigungsmitteln zerschmettert. Alle Geräusche und Gerüche verebbten. Schwärze umfing ihn erneut.

*

Er konnte sich nicht bewegen.
Davids Augen suchten rastlos in dem Raum, aber er konnte nicht einmal seinen Kopf heben.
Er befand sich in einem anscheinend recht kleinen Untersuchungszimmer. Schränke und Regale, die allesamt nach Medikamenten und ähnlichem Arztmaterial rochen, füllten die Wände in Davids Sichtfeld nahezu vollkommen aus. Eine gleißend helle Lampe strahlte den Raum antiseptisch aus und sorgte für eine äußerst kalte Atmosphäre. Alles erschien seltsam farblos - zweifellos eine Eigenart seiner wölfischen Augen, die eher auf Bewegungen ausgelegt zu sein schienen, als auf Farben und Formen.
Es roch nach Tier und nach altem Blut.
David war auf einen kalten Untersuchungstisch geschnallt, der Geruch eines unbekannten Mannes haftete noch an seinem Fell. Er war getragen worden.
Wieso erfüllte ihn der Gedanke, auf einem Metalltisch zu liegen, festgeschnallt noch dazu, mit einem solchen Unbehangen? Wieso hatte er Angst davor?
David fühlte sich schwach und ausgelaugt. Die fortwährenden Phasen der Bewusstlosigkeit hatten ihn seiner Stärke beraubt. Des weiteren fühlte er einen unwahrscheinlich starken Hunger, der seine scharfen Krallen um seinen Magen legte. Er versuchte irgend etwas zu hören, seine Ohren sondierten den Raum. Dumpf konnte er das Bellen von Hunden vernehmen, ansonsten umgab ihn Stille.
David hatte Angst. Fürchterliche Angst.
Er versuchte seine Gedanken zu ordnen, durch das Dickicht von Unwissenheit sehen zu können. Er versuchte sich an die Ereignisse vor seinem Erwachen in der dunklen Gasse zu erinnern, aber nur seelenlose Schwärze präsentierte sich seinem Unterbewusstsein. Er konnte sich nicht an den Grund erinnern, aus dem ihn die zwei dunklen Gestalten verfolgt und beschossen hatten. Er konnte sich nicht daran erinnern, warum ihm ihr Geruch so feindselig und boshaft erschienen war. Er konnte sich nicht erinnern, warum er ein Wolf war und all die Vorteile dieses Körpers nutzen konnte, obwohl es ihm so falsch erschien. Warum besaß er den Geist eines Menschen in einem tierischen Körper?
Er kam zu keinem weiteren Gedanken, da sich eine Tür außerhalb seines Sichtfeldes öffnete und die Gerüche und Geräusche von zwei Menschen in den Raum fluteten.
Ein Mann, eine Frau. Er kannte sie beide. Sie hatten ihn noch vor seinem Erwachen in der Gitterzelle versorgt und untersucht. Was hatten sie nun mit ihm vor?
Er roch eine leichte Aura der Furcht an der Frau, sie blieb in weiterem Abstand zu ihm stehen, als es der Mann, sicherlich ihr Vorgesetzter, tat.
David wollte sie grüßen, ihnen auf irgendeine Weise klar machen, wer und was er war, aber er konnte sich nicht rühren. Fest angezogene Lederstriemen hielten ihn in einer halbschrägen Lage auf dem Untersuchungstisch und seinen Kopf leicht nach hinten gebeugt und von dem Körper abgewandt. Sogar sein Maul war durch einen Maulkorb und einen Lederstriemen unfähig sich zu bewegen.
Was hätte er ihnen auch sagen können? Wie hätte er sich ihnen verständlich machen sollen? Was hätte er ihnen erzählen können, wenn er nicht einmal mehr wusste, wer er wirklich war? Er kannte ja selbst nur seinen eigenen Namen.
Plötzlich eine Berührung. David zuckte leicht zusammen, als eine durch einen Glacéhandschuh geschützte Hand ihm zwischen die Hinterbeine fasste, während die andere seinen Schwanz hoch hielt.
"Männchen," sagte der Arzt kurz und trocken.
"Ja, Doktor," antwortete seine Helferin, während David das Kratzen eines Stiftes auf Papier vernehmen konnte.
Der Doktor begann Davids Körper zu vermessen. Er arbeitete sich langsam von seinem Hinterteil zu seinem Kopf voran und teilte der Frau immer wieder Daten und für David unverständliche Fachausdrücke zum Aufschreiben mit. Die Berührungen des Arztes waren schnell und präzise, er war es gewohnt, Tiere wie David zu untersuchen.
Tiere wie David? Was für Gedanken entsann sein Geist jetzt?!??
Die Gerüche der Frau normalisierten sich langsam, sie gewöhnte sich an den Anblick Davids und trat sogar ein wenig näher an ihn heran.
"Er war wohl nicht vorbereitet auf den Zwinger," fragte die Frau den Mann nebenbei und mit einem besorgten Unterton.
"Hm. Nein, scheinbar nicht. Vielleicht hätten wir ihn in einer abgeschotteten Zelle unterbringen sollen, wenn unser Budget dies zugelassen hätte," antwortete der Mann, der durch ihre Frage sichtlich genervt war.
Die Frau schrieb etwas auf ihrem Papier auf und näherte sich noch ein kleines Stück. David konnte das Geräusch ihrer Schuhe auf dem glatten PVC-Laminatboden vernehmen.
Der Doktor vermaß nun seinen Kopf und betrat somit Davids Blickfeld. Der Mann war hochgewachsen und trug wie scheinbar alle Angestellten dieser Institution einen langen weißen Kittel. Sein Gesicht war wie alles um David herum leicht unscharf, aber er erkannte dennoch die lichten grau-schwarzen Haare und die schroffen Gesichtszüge, die sich im unteren Teil des Gesichtes unter einem kurzen Bart versteckten.
"Ließ der Mann, der ihn hier ablieferte, seine Adresse und seinen Namen zurück?" Die Frage des Arztes stand einige Sekunden unbeantwortet im Raum, während seine Helferin in ihren Notizen blätterte.
"Nein, es tut mir leid, unsere Rezeption hat nichts dergleichen vermerkt. Er brachte den bewusstlosen Körper in die Untersuchungsräume und verschwand dann zu schnell wieder, wie es scheint." Die Antwort der Frau klang sachlich aber besorgt. "Er hatte Glück. Der Wolf hätte ihn angreifen und verletzen können, verwundet und verwirrt wie er war."
"Ja," der Arzt untersuchte Davids Schnauze, tastete durch die Maschen des Maulkorbs und blickte David kurz in die Augen. David tat das selbe. Die Augen des Mannes waren blass-blau und sprachen von Weisheit. Der Funke des Lebens war noch nicht aus ihnen gewichen. Der Arzt blickte tief in Davids Pupillen. Erkannte er etwas? Konnte er durch die Hülle von Davids Körper sehen?
Plötzlich zuckte der Mann zurück und trat einen Schritt nach hinten. Seine Augen lösten sich von denen Davids. Sein Geruch sprach von Überraschung und leichter Furcht.
"Was ist," fragte die Frau erschrocken, die plötzliche Bewegung des Mannes hatte auch sie erschreckt.
"Seine Augen," hob der Arzt kurz an, dann verstummte er. "Lassen sie ihn uns wieder betäuben, damit er in seine Zelle gebracht werden kann. Geben sie ihm aber nur die unbedingt notwendige Dosis, er hatte schon zuviel in den letzten Tagen.
Sekunden verstrichen ungenutzt, dann verspürte David ein sanftes Stechen in seinem Hinterteil.
Als die Welt sich um ihn herum zu verdunkeln begann, spürte er eine Hand der Frau auf seinem Fell. Sie streichelte ihn sanft.
Dann umfing David erneut die Stille der Bewusstlosigkeit.

*

Als sich die Tür des Untersuchungsraumes hinter seiner Arzthelferin schloss und das Schloss sanft einklickte, setzte sich Doktor Denton auf einen der an einem Schreibtisch stehenden Stühle.
Der Wolf war bereits wieder in seine Zelle gebracht worden, trotzdem hang sein Geruch noch leicht in dem Raum.
Der Doktor durchsuchte seine Kitteltaschen nach einer halbzerdrückten roten Schachtel Zigaretten, förderte einen Glimmstängel hervor und zündete ihn, sobald er ihn sich in den Mund gesteckt hatte, an. Er sog den Rauch in seine Lunge und versuchte sich zu entspannen.
Stille umgab ihn, als er den würzigen Rauch aus seiner Lunge blies und dem Rauch zusah, während dieser sich langsam in der Luft zersetzte.
Der Doktor blickte sich in dem Untersuchungsraum um, versuchte einen Grund für das seltsame Gefühl zu entdecken, welches sich in seinem Brustkorb eingenistet hatte.
Er fand keinen, alles schien in Ordnung zu sein. Alle Medikamente standen an ihrem Platz, nichts erweckte den Anschein von Unordnung oder Fremdbenutzung.
Er gestand sich ein, dass es nichts sein konnte was sich in diesem Raum befand, was dieses seltsame Gefühl in ihm hatte aufkommen lassen.
Es war der Wolf gewesen.
Nicht die Tatsche, dass es ein Wolf war. Nein, er war schon so lange Tierarzt, dass es ihm recht egal geworden war, was er versorgte. Ob Pferd, Hund, Katze oder Meerschweinchen, alle Tiere waren schon von ihm verarztet worden. Auch einige Wölfe des städtischen Zoos.
Es waren die Augen des Wolfes gewesen, die so tief in die seinen geblickt hatten. Es war die Stimme, die ihm aus den dunklen Pupillen angeschrieen hatte.
Er nahm einen weiteren Zug seiner Zigarette, blies den Rauch in den Raum.
Der Wolf...
Plötzlich klingelte ein Telefon. Ein Nebenapparat, wie so viele andere, die überall in dem Tierheim angebracht waren. Trotzdem zuckte Doktor Denton zusammen, stand nur zögernd von dem Stuhl auf.
Was war nur mit ihm los? So kannte er sich gar nicht...
Er nahm den Hörer von dem Wandapparat und hielt ihn sich an das Ohr, die Zigarette verweilte in seiner linken Hand, die leicht zitternd herabhing.
"Ja?" Seine Stimme hallte in dem stillen Raum seltsam nach.
Sekunden verstrichen, als ihm die Frau von der Rezeption etwas mitteilte und einen Anrufer zu ihm durchstellte.
"Doktor Denton hier," der Anrufer hatte sich der Rezeption nicht vorgestellt und hatte sich sofort zum Chefarzt durchstellen lassen, also gab Doktor Denton seinen Namen noch vor dem Anrufer durch. Hatte seine Stimme gezittert?
Eine seltsam kalte und weibliche Stimme teilte ihm etwas mit, er nickte kurz mit dem Kopf.
"Ja, ist hier eingeliefert worden. Vor vier Tagen. Verletzungen am Kopf und dem rechten Hinterlauf."
Wieder sagte die unbekannte Stimme etwas.
"Meist in Narkose, wir haben das Tier mehrfach untersucht. Es scheint langsam zu genesen."
Die Stimme blieb weiterhin kalt, aber es schlich sich ein leicht dominierender Unterton in sie, als sie dem Doktor Instruktionen mitteilte.
"Welche Behörde..." Der Doktor konnte seinen Satz nicht zuende stellen, da hatte sein Gegenüber schon aufgelegt.
Doktor Denton starrte auf den Hörer in seiner Hand. Sie zitterte.
Er bemerkte erst Minuten später, dass er sich nicht von der Stelle gerührt hatte, als die Glut der Zigarette nahezu die Finger seiner linken Hand verbrannte.

*

Lichter zuckten in immer gleichen Abständen über ihm an der Decke vorbei. Die Wände bestanden aus immer den gleichen Mustern. Räder quietschten. Irgend jemand atmete.
War er es, der atmete? War es ein Anderer?
Er hatte all dies schon einmal erlebt...

*

David schwebte in der See seiner Erinnerungen.
Bilder seiner Flucht tanzten vor seinem inneren Auge vorbei. Er sah sich auf allen Vieren über Strassen, durch Gassen und den taunassen Park laufen. Er sah seine eigenen Pfoten, wie sie ihn geschwind über das Gras trieben. Er roch die Gerüche, spürte seine gesichts- und körperlosen Verfolger. Er spürte das Projektil, welches seinen Hinterlauf streifte. Er sah sich durch die mit Menschen bevölkerte Strasse laufen, verstand nun ihre Angst vor ihm.
Seine Erinnerung endete mit seinem Sprung auf die Ladefläche des Autos, welches ihn in Sicherheit gebracht hatte.
In Sicherheit? Der Fahrer hatte ihn scheinbar hier in diesem Tierheim abgeliefert und ihn von einer unsicheren Lage in die nächste befördert. Nun war David nicht mehr auf der Flucht, sondern ein Gefangener.
Er versuchte sich an die Ereignisse vor der dunklen Gasse zu erinnern, aber wie jedes Mal zuvor erkannte er nichts als nichtssagende Schwärze.
Die Bilder in seinem Kopf verschwanden in einem Nebel, der sich zu festen Eindrücken verwandelte.
Er erwachte aus der Narkose.
Es dauerte noch einige Minuten, bis er die Nachwirkungen der Medikamente aus seinem Geist vertrieben hatte, dann konnte er wieder halbwegs klar denken.
Er sah sich um.
Wieder befand er sich in der Zelle, in der er vor unbestimmter Zeit betäubt worden war. Das Stroh unter ihm roch nun etwas frischer als beim ersten Erwachen, es war anscheinend gewechselt worden. Des weiteren rochen die Gitterstäbe vor ihm leicht nach der Helferin des Arztes, sie musste noch vor einigen Minuten hier gewesen sein. Vielleicht hatte sie das Schloss seiner Zelle gesichert, die Stäbe vor ihm stellten zugleich den Ausgang aus seinem Gefängnis dar, sie waren wie eine Tür schwenkbar.
David sah sich langsam um, blieb aber noch liegen.
Der unübersichtlich große Raum war voller kleinerer Zwinger wie dem seinen, es mussten über 50 einzelne Gefängnisse sein, 25 auf jeder Seite des länglichen Raumes. Sie alle waren anscheinend belegt, der Geruch nach Hunden war bedrückend. Die Räume der Katzen, Vögel und der anderen Tiere mussten sich ebenso in der Nähe befinden, ihr Geruch war nahezu so stark wie der der Hunde.
In den Zwingern links und rechts neben David hatten ein Dobermann und ein Dackel Quartier bezogen. Der Dackel lag zusammengerollt im Stroh am Boden seiner Zelle und schlief, der Dobermann stand und hatte seine Augen auf David gerichtet. Sein Geruch war feindselig, seine Augen blitzten. Trotzdem ging kein Geräusch von dem Tier aus. Es musste sich nicht einmal rühren, sein Geruch sagte David alles. Es sah ihn als Konkurrenten an, schien den Zwinger als sein Revier zu betrachten. Der Hund konnte nicht wissen, dass er nur ein weiterer Gefangener in einem Tierheim war. David beachtete ihn nicht weiter.
Er war nun also hier. Er war also ein Wolf.
Er musste entkommen. Er musste sein Gedächtnis wiedererlangen.
David legte seinen Kopf zwischen seine Vorderpfoten und blickte auf die Gitterstäbe vor sich.

-3-

In einer Welt des Unwissens ist der eigene Körper das Gefängnis der Seele.
Davids Gedanken waren wirr. Er träumte, wurde von einem Erinnerungsfetzen zum nächsten geschleudert. Er konnte keinen Einzigen von ihnen wirklich fassen, sie entzogen sich seinem Geist noch bevor er sie wirklich sehen konnte.
Bilder von grauen Räumen blitzten in seinem Geist auf. Es roch antiseptisch, es war kalt.
Rollwagen kratzten mit metallischen Rädern über glatte Böden.
Menschen bewegten sich geordnet durch unendlich lang erscheinende Gänge, in denen gleißend helle Lampen kaltes Licht abgaben.
Messer blitzten auf. Messer und Blut. Spritzen.
Gesichter tanzten vor seinem inneren Auge. Er kannte sie alle, kannte sie alle nicht. Sie verhöhnten ihn, lachten über seinen fellbedeckten Körper. Sie trieben unwirklich erscheinende Geräte in sein Fleisch, er brüllte, sie lachten. Bohrer heulten auf. Nadeln wurden in seinen Kopf getrieben.
Ein Gesicht schob sich durch den Schmerz. Eine Frau, er hatte sie schon in einem anderen Traum gesehen. Lange blonde Haare, ein lasziv geöffneter Mund. Sie küsste seine Schnauze, in ihren Augen lag eine perverse Lust. Er wollte sie fassen, sie an sich ziehen und sie fragen, was sie ihm angetan hatte, aber sie entzog sich seinen kraftlosen Pfoten. Sie lachte ihn aus, ihre Zähne verformten sich zu Reißern, Fell wucherte in ihrem Gesicht. Ihre Augen zwinkerten, nahmen die Erscheinung von wölfischen Raubtieruagen an. Sie heulte tierhaft.
David schrie vor Angst.
Metall schlug auf Metall, Funken stoben. Blut.
David erwachte jaulend.

*

David lebte mehrere Tage in der ereignislosen Welt des Tierheims. Die Hunde um ihn herum verloren nach und nach das Interesse an dem meist im Stroh liegenden Wolf, widmeten sich anderen Dingen.
David aß und trank. Er schlang trockenes Hundefutter herab und leckte Wasser aus einer Schale wie ein Hund. Er tat dies, als ob er es schon sein ganzes Leben lang getan hätte. Seine Wunden waren anscheinend gut verheilt, nur sein Kopf schmerzte bei schnellen Bewegungen, die David auch meist unterließ.
Er hatte die Pfleger bei der Arbeit beobachtet, betrachtete sie beim Versorgen und Säubern der Tiere. Es schien, als wären es insgesamt 6 Pfleger, davon 4 Männer und 2 Frauen, welche gleichzeitig als Arzthelfer und -helferinnen dienten. Dazu kamen zwei Ärzte, von denen einer derjenige war, der David versorgt hatte.
Sogar zwei der Hunde des Zwingers wurden in der Zeit anscheinend von einer neuen Familie adoptiert und erlangten ihre Freiheit zurück.
David hatte jeden angeknurrt, der seinem Gefängnis zu nahe gekommen war.
Jeden bis auf die menschliche Frau, die auch bei seinen Untersuchungen anwesend gewesen war. Sie war jeden Tag mehrere Male an seinem Zwinger gewesen und hatte sanft mit ihm geredet. Sie hatte meist unzusammenhängend gesprochen und er hatte niemals alles verstanden, aber sie schien ihn zu mögen. Sie lächelte, wenn sie vor seinem Zwinger stand und warf jedes Mal neugierige Blicke zu ihm, wenn sie die anderen Tiere versorgte. Einmal hatte sie seine Pfote, die nahe den Gittern gelegen hatte, gestreichelt und dabei sanft gesummt. Ihre Berührung war wie Feuer gewesen, Davids Herz hatte einen Sprung gemacht. Auch ihre Augen hatte er gesehen. Blass-grün waren sie und lebhaft. Liebevoll. Er hatte bei ihrem Anblick erschrocken gewimmert. Der Duft der Frau hing vor seiner Zelle und beruhigte ihn.
Den Doktor hatte er nicht wieder gesehen.
Ansonsten war David nicht in seinem Bemühen weiter gekommen, zu Fliehen oder den Grund seines Wolf-seins zu erfahren. Sein Gedächtnis verschloss sich weiterhin vor ihm und erlaubte ihm nur manchmal kurze Einblicke in seine Vergangenheit, welche ihn in irrealen Alpträumen quälte.
Er hatte keine Ahnung, ob er noch verfolgt wurde, aber er war sich sicher, dass die beiden Verfolger aus der Nacht vor einigen Tagen ihn nicht vergessen hatten. Sie mussten etwas von ihm gewollt haben, ansonsten wären sie nicht so brutal gegen ihn vorgegangen. Sie hatten ihn töten wollen. Warum?
Wussten seine Verfolger mehr über die Gründe seines jetzigen Seins?
Er hatte lange Zeit in seiner Zelle gelegen und nachgedacht. Nicht viel war dabei herausgekommen, nicht einmal an seinen eigenen Nachnamen hatte er sich erinnern können. Dafür war er nun mit seinem Körper zu einem gegenseitigen Einvernehmen gekommen. Er hatte ihn akzeptiert und in den vergangenen Tagen gelernt mit ihm zu leben. Er hatte sich sogar an den Schwanz, der meist ganz und gar nicht das tat, was David gern hätte, gewöhnt. Seine veränderten Sinne hatte er sogar schätzen gelernt, seine gesteigerte Hör- und Riechfähigkeit erschienen ihm nicht mehr als Last, sondern eher als Hilfe. Seine eingeschränkten visuellen Fähigkeiten wurden durch die anderen Sinne mehr als ausgeglichen.
Die Tage waren nie besonders lang geworden, meist hatte er geschlafen und gegessen oder den Menschen bei ihrer Arbeit zugesehen.
Auch hatte er in der Zeit bemerkt, dass er immer wieder in Gedankengänge abdriftete, die ihn von den Menschen differenzierten. Er sah sie zeitweise als etwas Fremdes, etwas Anderes. War er denn kein Mensch gewesen?
War er...?
Die Zeit verstrich und David wurde unruhig.

*

Maria gähnte.
Ihr Hintern tat ihr weh und an einer Fingerspitze bildete sich langsam eine Blase. Sie nahm die Hände von der Tastatur vor sich und lehnte sich zurück, wobei der Stuhl unter ihrem Gewicht ächzte. Sie schob einen der Papierstapel vor sich zur Seite, beförderte eine Dose Cola aus ihrer Handtasche und öffnete diese. Sie nahm einen langen Schluck und stellte die Dose dann auf der nun freien Arbeitsfläche des Tisches ab.
Wie sie diese Arbeit hasste! Immer landete alle Arbeit bei ihr ... und niemals hatte sie Zeit für irgend etwas, denn immer musste der Papierkram so schnell wie möglich bearbeitet werden. Wie konnten so ein paar stinkende Tiere so viel Papierkram verursachen?
Maria stieß kurz auf. Dann grinste sie.
Maria saß in der Rezeption des Tierheims. Ihr Arbeitsplatz lag hinter einem halbrunden Tresen und war mit unbearbeiteten Papieren überfüllt. Der Monitor eines Computers zeigte den nicht vollkommen bearbeiteten Text eines Dokumentes. Der Mülleimer neben Marias Stuhl war überfüllt.
Der Raum, in dem sich die Rezeption befand, war nicht gerade klein. Besucher des Tierheims betraten den Raum durch zwei gläserne Schiebetüren, deren Automatik wieder einmal defekt war, weil der Hausmeister sich noch nicht darum gekümmert hatte. Es gab mehrere Sitzmöglichkeiten und mehrere Gänge führten an Marias´ Tresen vorbei in die einzelnen Abteilungen des Tierheims, so wie die Untersuchungsräume und die Zwinger.
Der Gestank hatte Maria immer am meisten gestört - sie arbeitete zwar nun schon einige Monate hier, doch an ihn hatte sie sich nie gewöhnen können.
Eine Stimme riss sie aus ihren Tagträumen und ließ sie nahezu ihre Cola verschütten. Es war Doktor Denton, dieser Wichtigtuer, der ihr immer vorschreiben wollte, wie sie ihre Arbeit zu verrichten habe. Er stand neben dem Tresen und blickte auf sie hinab, seine blauen Augen sprachen von Erschöpfung. Und von noch etwas - war es Furcht?
"Maria, ich werde einige Tage frei nehmen. Doktor Miles wird meine Aufgaben übernehmen." Sein Stimme klang seltsam und dumpf, nahezu angsterfüllt, aber Maria hatte keine Lust, sich von ihm in ein langweiliges Gespräch verwickeln zu lassen, also nickte sie kurz: "Ist klar, Doktor."
Doktor Denton legte seine Handflächen auf den Tresen und wollte scheinbar etwas sagen, dann ballte er die Hände zu Fäusten und zog sie zurück.
Er nickte kurz, dann drehte er sich um und verließ den Raum durch den Hauptausgang. Die Glastüren schlossen sich zuckend und blieben auf dem halben Weg rasselnd stehen. Die Automatik hatte wieder ausgesetzt.
"Shit," presste Maria hervor und quälte sich von hinter dem beengten Tresen hervor. Sie ging auf die Glastüren zu und rüttelte daran. Sie klemmten.
Kalte Herbstluft wehte durch den Spalt und senkte die Raumtemperatur langsam aber stetig.
Maria trat fluchend gegen eine der Türen und erschrak urplötzlich, als sich eine große Gestalt auf der anderen Seite des Glases aufbaute.
Sie sprang nahezu gewandt zurück und blickte den Besucher erschrocken an.
Es war ein hochgewachsener Mann. Er trug einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug. Seine schwarzen Haare waren ordentlich gekämmt und zeugten von Haarspray. Eine undurchsichtige schwarze Sonnenbrille verbarg seine Augen. Der Mann erschien sehr stark und seine Haltung war gerade und fast militaristisch.
Maria versuchte freundlich zu Lächeln, was anhand ihres wild klopfenden Herzens allerdings misslang.
Der Mann blickte die Glastüren an, die noch immer halb geöffnet waren.
"Sind die Türen defekt?" Seine Stimme war kalt.
Maria wollte etwas sagen, aber ihr Mund war zu ausgetrocknet, um etwas sagen zu können. Also nickte sie nur kurz.
Der Mann blickte auf sie herab, er war gut 30 cm größer als sie und damit nahezu 2 Meter groß, dann drückte er jeweils eine seiner massiven Hände an ein Ende der Türen. Er drückte sie ohne jedwede ersichtliche Kraftanstrengung auseinander, so dass die Elektromotoren, die die Türen normalerweise öffneten und schlossen, empört aufheulten. Nur Augenblicke später hatte er die Türen vollkommen geöffnet. Die Motoren gaben ein letztes weinerliches Heulen von sich, dann erstarben sie.
"Meine Behörde wird für den Schaden aufkommen." Der Mann sprach sie nicht einmal direkt an, sondern ging schon an Maria vorbei und begab sich in Richtung der Untersuchungsräume.
Maria blickte ihm nur verstört nach, unfähig etwas zu sagen. Dann sah sie nach draußen.
Hinter dem grasgesäumten Kiesweg, der zum Haupteingang des Tierheims führte, stand im Schatten einiger Bäume ein schwarzer Ford am Straßenrand geparkt. Ein weiterer in Schwarz gekleideter Mann stand an dem auf hochglanz polierten Auto und blickte sie durch eine dunkle Sonnenbrille direkt an.
Maria schluckte und flüchtete sich zurück zu ihrem Rezeptionstresen. Sie nahm den Hörer des nahestehenden Telefons ab und wählte eine kurze, weil dreistellige, Nummer.
Während sie auf eine Reaktion am anderen Ende der Leitung wartete, blickte sie durch den Eingang auf den anderen schwarzgekleideten Mann. Dieser setzte sich langsam in Bewegung und kam über den Kiesweg auf die Rezeption zu.
Maria schluckte. Wie lange dauerte das noch, bis jemand bei der Polizei abhob?!??

*

David verzweifelte.
Wie sollte er aus dieser Zelle entfliehen können, wenn seine Pfoten, wie sehr er sich auch anstrengte, einfach nicht zu den typischen menschlichen Manipulationen fähig war? Zwar besaßen seine vier Pfoten kurze `Finger´, diese waren jedoch anscheinend nicht für feinmechanische Arbeiten bestimmt.
David starrte auf das massive Eisenschloss seiner Zelle und atmete wimmernd aus. Wie lange würde er hier in diesem Tierheim verweilen müssen? Würden sie ihn an einen Zoo weitergeben? Würden sie ihn einschläfern?
Der letzte Gedanke ließ Davids Herz einen Sprung machen. Sterben? Nein, er wollte nicht sterben. Der Tod im völligen Unwissen über seine Herkunft und den Grund seines jetzigen Seins war vollkommen unannehmbar. Er musste entkommen.
David wurde durch Schritte aus seinen Tagträumereien gerissen. Erst Augenblicke später bemerkte er auch einen Geruch.
Seine Augen weiteten sich und ein verschrecktes Jaulen drang aus seinem halbgeöffneten Maul.
Die freundliche Arzthelferin, die zu dieser Zeit gerade einen Hund auf der anderen Seite von Davids Zwinger versorgt hatte, drehte sich ob diesem seltsamen Geräusch um und blickte ihn sorgenvoll an. Er erkannte zwar ihr Gesicht nicht genau, ihr Geruch verriet ihm allerdings ihre Sorge um ihn.
Sie trat langsam auf seinen Zwinger zu und legte eine Hand um einen der Gitterstäbe.
David wimmerte.
"Was hast du denn?" Ihre Stimme war sie süßer Honig in seinen Ohren, doch der Geruch den er soeben bemerkt hatte, wurde immer stärker. Es war die bösartige Ausdünstung eines seiner Verfolger: Ranzig, aggressiv, feindlich. Und dazu noch mit einer eigenartigen tierischen Duftnote...
David wimmerte voller Furcht. In dieser Zelle würde er dem Mann nicht entkommen können.
Er musste der Frau klarmachen was er war und welche Gefahr sich näherte.
Aber wie?
Er sah sie verzweifelt an, jaulte vor Aufregung und Furcht. Er musste schnell handeln. Ihr Duft schlug schnell von Sorge in Furcht um. Aber nicht in Furcht vor ihm, sondern in Furcht um ihn.
Er blickte in ihre Augen, bat um ihre Aufmerksamkeit. Sie blickte ihn an. Diese Augen!
Dann war urplötzlich alles sehr einfach.
David winselte kurz auf und schlug mit seiner linken Vorderpfote auf den Boden seines Zwingers. Er wischte das Stroh zur Seite und erkannte den staubigen und dreckigen Boden darunter.
Sie blickte ihn verstört an.
Ohne seine Augen von den ihren zu wenden kratzte er mit den Krallen seiner Pfote hakelige Buchstaben in den Boden seiner Zelle. Sein Schwanz wedelte vor Anspannung nervös hin und her.
Die Frau atmete erschreckt ein, dann löste sich ihr Blick von dem seinen und sie Blickte auf den Boden seiner Zelle, auf dem seine Krallen noch immer ihr Werk verrichteten.
Ihr Herz klopfte immer schneller, dies spürte er. Ihr Geruch nahm einen stechenden Charakter an. Sie schwitzte plötzlich. Sie zitterte.
Ihre Augen blickten auf die Schriftzeichen, die er vor ihr in den Boden geritzt hatte: HILFE.
Sie murmelte etwas Unverständliches, trat zitternd einige Schritte von seinem Käfig zurück.
"Was," begann sie mit vor Furcht bebender Stimme, "...was bist du?"
Die Hunde um David herum begannen plötzlich wie wild zu Bellen und zu Heulen, Aggression lag in der Luft.
Einer seiner Verfolger war erschienen!
David versuchte einen Blick in Richtung des Eingangs in den Zwinger zu werfen, seine eigene Zelle stand jedoch so ungünstig, dass es ihm unmöglich war. Trotzdem schlug ihm der widerliche Gestank des Feindes entgegen.
Die Frau, noch immer vor Furcht bebend, drehte sich dem Neuankömmling zu.
Dieser trat nun in das Sichtfeld Davids. Er erschien dem Wolf so unscharf wie alle Menschen, aber er konnte dennoch einiges an ihm entdecken: der Mann trug einen schwarzen Anzug und eine ebenso schwarze Sonnenbrille. Sein Gang war steif und militaristisch. Sein Geruch abstoßend und aggressiv.
Der Mann näherte sich der unschlüssig und überrascht riechenden Frau und sprach sie mit einer kalten und gefühllosen Stimme an. Dabei warf er keinen Blick in die um ihn herum stehenden Zwinger, aus denen ihm alle Hunde ihre Wut entgegenbellten.
"Agent Johnson, ich arbeite für die Behörde für freilaufende Wildtiere." Er sprach sie zwar direkt an, trotzdem klang seine Stimme eher nach einem Tonband, welches in einem menschenleeren Raum abgespielt wurde.
Die Frau wich einen Schritt von dem Mann, welcher sie um gut anderthalb Köpfe überragte, zurück.
"Was...," hob sie fragend an, ihre Selbstsicherheit kehrte langsam zurück.
Der Mann ließ sie nicht ausreden und griff in seinen Mantel. Er beförderte eine Visitenkarte hervor und hielt sie der Frau entgegen.
David war sich sicher gewesen, eine Pistole im Inneren des Mantels entdeckt zu haben. Ja, es roch nach Pulver und Patronen. Hatte die Frau es auch gesehen?
Sie las die Karte für einige Augenblicke, in welchen der Mann sich langsam in dem Raum umsah. Sein Blick glitt durch den Raum und verweilte an keinem der Zwinger - bis er an Davids Zelle angelangt war.
Die Gerüche des Mannes wandelten sich minimal, der Duft eines errungenen Sieges mischte sich hämisch unter sie. David jaulte leise auf.
Der Mann, Agent Johnson, trat auf Davids Zwinger zu und grinste dabei raubtierhaft.
"Ich werde das Tier mit mir in die Räume meiner Behörde nehmen. Machen sie es transportfähig." Seine Stimme klang nun dumpf und befehlsbetont.
Die Frau blickte von der Visitenkarte auf und blickte erst auf den Mann und dann auf den sich in die hinterste Ecke seiner Zelle verkriechenden David. Sie schluckte.
"Ich muss zuerst ihre Personalitäten überprüfen," sagte sie bestimmt.
Der Agent drehte sich langsam um, nahm seinen Blick anscheinend nur widerwillig von David, und sah sie offensichtlich durchdringend an.
"Nein." Das Wort war ungeduldig aus zusammengekniffenen Lippen hervorgepresst worden.
Der Geruch der Frau schwankte unstetig zwischen Furcht und Mut, sie versuchte sich klarzumachen, was um sie herum vorging.
"So sind die Regeln Agent Johnson, tut mir leid," erwiderte sie leise, "ich kann nicht jedem dahergekommenen Fremden einen wilden Wolf anvertrauen."
Der Agent trat einen Schritt auf sie zu. "Dies ist inakzeptabel. Ich fordere eine sofortige Auslieferung der Kreatur."
David winselte. Der Geruch des Feindes drang wie eine giftige Schlange auf seine Sinne ein.
"Inakzeptabel? Kreatur?" Die Stimme der Frau klang nun zornig. "Was bilden sie sich ein? Sie erscheinen hier und stellen irgendwelche Forderungen, die sich sicherheitsgefährdend auswirken könnten. Ich werde ihnen das Tier nicht übergeben!"
"Nein!" Der Mann drehte sich blitzschnell um und zog dabei in einer fließenden Bewegung seine Pistole. Es dauerte keinen Herzschlag, da hatte ein Projektil schon das Schloss von Davids Zelle zerbersten lassen. Der Wolf kniff erschrocken die Augen zusammen, als der nahe Schusslaut seine Ohren zum Klingeln brachte. Der Agent riss die Gittertür zu Davids Zwinger auf und wollte mit seiner freien, behandschuhten Hand hineingreifen um ihn zu packen.
David jaulte auf, unfähig sich zu rühren. Die Finger näherten sich, waren wie Klauen gekrümmt. Der Gestank des Mannes wurde unerträglich.
Mit einem wütenden Laut warf sich die Frau gegen die rechte Seite des Agenten und brachte ihn somit aus dem Gleichgewicht. Er stolperte und versuchte sich mit der freien Hand an den Gitterstäben Davids´ Zelle festzukrallen. Aber die Frau hatte sich mit einer solchen Wucht gegen ihn geworfen, dass die beiden zusammen zu Boden stürzten.
David blickte durch die Öffnung in seinem Zwinger in die Freiheit. Er sprang auf.
Einen Augenblick später hechtete er mit einem befreienden Sprung aus seiner engen Zelle auf den steinernen Boden davor. Er blickte sich schnell atmend um, suchte nach dem Ausgang. Nur eine Sekunde später hatte er die Tür ausgemacht und sprintete darauf zu, während die Hunde um ihn herum ein regelrechtes Konzert aus Belllauten anstimmten.
Er hatte die Tür schon fast erreicht, als er ein schmerzhaftes Wimmern hinter sich vernahm.
Die Frau!
Er drehte sich noch im Laufen um und blickte auf den Agenten, der sich vor Davids alter Zelle mittlerweile aufgerichtet hatte und boshaft auf die am Boden liegende Frau starrte. Er hatte seine Pistole erhoben und zielte damit auf ihren Körper.
David dachte nicht einmal. Sein Körper reagierte für ihn, setzte ihn in Bewegung. Seine Krallen verursachten klickende Geräusche auf dem steinernen Boden, als er auf die beiden Menschen zusprintete. Geifer spritzte aus seinem Mund. Seine Augen fixierten den in Schwarz gekleideten Mann.
Dieser war gerade im Begriff die Pistole abzufeuern und seinen Kopf auf den heranrasenden David zu richten.
Ein furchtsamer Geruch, ausgehend von dem Agenten, schlug dem Wolf entgegen, David knurrte vor Freude. Ja, dieser Feind sollte das Gefühl der Furcht kennen lernen!
Die Frau schrie erschreckt auf als David sich vom Boden abstieß und auf den Mann zusprang. Sein Maul war eine einzige nach Vorn gerichtete Waffe. Seine Reißzähne blitzten im Licht der Halogenlampen.
Der Agent wollte seine Waffe herumreißen, doch er war zu langsam. Davids Zähne packten seinen Waffenarm und rissen ihn, als der Schwung des Wolfes dessen Körper weitertrieb, zur Seite. Der Agent stolperte, er fiel in die Richtung, in die David gesprungen war.
David schmeckte bitteres Blut. Es pulste aus dem Arm des Menschen in sein Maul und stachelte seine Wut nur noch mehr an.
Der Agent war inzwischen am Boden zum Liegen gekommen und versuchte sich aus Davids Biss zu lösen, der Wolf verstärkte den Druck seiner Kiefer jedoch nur noch um so mehr der Mann versuchte, sich zu befreien.
Dann vernahm David die Stimme der Frau.
"Nein, das ist falsch!" Sie sprach ihn, David, an!
David blickte auf, knurrte, den Arm des Agenten nicht aus dem Druck seiner Kiefer befreiend.
Die Frau war mittlerweile aufgestanden und deutete auf David. Sie schüttelte ihren Kopf und bat ihn mit ihren Worten aufzuhören: "Nein, verschone ihn..."
Ihr Geruch war voller Sorge und Furcht. Ihre Augen sprachen eine Sprache, die nicht einmal Davids wölfische Sinne verstanden.
Aber sein Herz verstand.
Er verstärkte den Druck seiner Kiefer noch einmal kurz, dann entließ er den Agenten und begann erneut auf den Ausgang zuzulaufen.
Die Frau blickte ihm nach, sah den Agenten wieder auf die Füße kommen. Blut sprudelte aus einer fleischigen Wunde in seinem Arm. Er hob noch im Aufstehen seine Waffe auf und richtete sie erneut auf die Frau.
Sie keuchte erschreckt auf und sprang zur Seite, auf den Ausgang zu, als ein Projektil der Pistole dort klatschend in einen der Hundezwinger einschlug, wo noch kurz zuvor ihr Kopf gewesen war. Der Hund im Inneren der Zelle jaulte schrill auf, dann erstarb seine Stimme so schnell wie die Kugel in seinen Körper gedrungen war.
Mit Tränen der Furcht in den Augen hechtete sie in den durch milchige Lampen beleuchteten Gang, der sich hinter dem Ausgang des Zwingers befand und hörte die schweren Schritte des Agenten hinter sich. Er verfolgte sie.

*

David hechtete durch den Gang hinter dem Hundezwinger und hörte den Schuss hinter sich.
Nein!
Er wand sich im Laufen um und entdeckte die vor Furcht weinende Frau, die sich nur knapp hinter ihm in den Gang geflüchtet hatte. Sie roch unverletzt aber panisch und sehr ängstlich.
Der Agent war nicht weit hinter ihnen, er hatte durch seine Verletzung nun einen Nachteil gegenüber David. Aber er würde die Frau töten, wenn er sie erreichen konnte.
David würde es nicht so weit kommen lassen.
Er hastete an die erste Gangkreuzung und versuchte sich anhand der Gerüche zu orientieren. Das Blut des Agenten klebte noch immer zwischen seinen Zähnen und lag bitter auf seinem Gaumen.
Frische, kalte Luft. Rechts! Er wandte sich in den rechten Gang und konnte nun sogar schon die Silhouette des schwarzgekleideten Mannes erkennen, der nun den Gang erreicht hatte.
Die Frau erreichte David keuchend und blickte ihn verwirrt und ängstlich an. Sie wusste nicht, wie sie handeln sollte.
Ein Schuss hallte auf und dröhnte in Davids Ohren. Die Kugel ließ das Schutzglas eines der in dem Gang hängenden Wandbilder zersplittern und einen glitzernden Scherbenregen zu Boden gehen. Das Projektil hatte die Frau nur um Zentimeter verfehlt. David musste schnell handeln, bevor der Mann sich einschießen konnte!
David winselte die Frau wölfisch an, dann sprang er in den rechten Gang, in Richtung der Freiheit.
Der Agent war nicht weit hinter ihnen. Eine Aura der Aggression umgab ihn.
Die Frau war dicht hinter David, sie hatte sich wohl gegen den Agenten und für den Wolf entschieden, da ihr von dem schwarzgekleideten Mann nur Unheil und Tod drohte.
David hastete durch den Gang, seine Krallen verursachten klickende Geräusche. Sein Körper fühlte sich wie aufgeladen an, jede seiner Muskeln war nur auf die Flucht eingestellt. Kein unnötiger Gedanke wand sich in Davids Hirn, nur die Flucht war wichtig.
Ein Schuss hallte hinter ihm auf, das Geschoss pfiff nur Zentimeter an seinem Kopf vorbei und - auch nur aus dem Grund, dass David sich bei dem Geräusch geistesgegenwärtig geduckt hatte. Aber der Agent schoss nun weitaus besser, er hatte sich an sein Ziel gewöhnt ... der nächste Schuss würde sitzen.
Die Frau keuchte, ihre Bewegungen wurden langsamer und fahriger. Sie war nur ein Mensch und würde das Tempo der Flucht nicht mehr lange durchstehen können.
Der Wolf hastete aus dem Gang heraus und in eine größere Empfangshalle hinein. Der Geruch von Blut drang auf ihn ein, sein Kopf ruckte herum.
Der blutige Körper einer Frau lag am Boden vor einem halbrunden Rezeptionstresen. Das aus ihr austretende Blut lief in dünnen Flüssen über den glatten, gefliesten Boden. David wusste instinktiv, dass sie tot war. Der Gestank von Pulverdampf lag schwer in der Luft. Die gläsernen Eingangstüren standen weit offen und die kalten Herbstwinde außerhalb des Gebäudes kühlten diesen Raum stark ab.
All diese Beobachtungen hatten David in etwa einen Herzschlag gekostet.
Die vollkommen erschöpfte Frau erschien keuchend hinter ihm und erblickte die Leiche. Ihr Geruch nahm einen extrem stechenden Charakter an. Ein kurzer Schreckenslaut entstieg ihrem Mund, sie zitterte.
David blickte zurück in den Gang, in dem der Agent immer näher kam. Der Mann war schon wieder dabei seine Waffe zu heben, um einen weiteren Schuss abzugeben.
Sie gaben ein zu gutes Ziel ab!
David fasste den Kittel der Frau mit seinen Zähnen und sprang zur Seite hinter den Tresen. Die Wucht des plötzlichen Sprunges riss die Frau von ihren Beinen und mit ihm hinter den hölzernen Tresen, direkt neben den ausblutenden Körper der toten Rezeptionistin.
Ein Schuss hallte in der selben Sekunde auf und jagte durch die Luft, schlug nahe der gläsernen Eingangstüren ein.
Der Wolf sprang sofort wieder auf und wollte über den Tresen hinwegsetzen, aber die Frau kniete noch immer am Boden und starrte auf die Leiche. Sie murmelte unverständliche Worte.
David knurrte sie an, roch den Agenten schnell auf die Eingangshalle zusprinten. Nur noch wenige Sekunden und er würde hier angekommen sein und David und die Frau wie auf einem Präsentierteller vor sich sehen.
Die Frau blickte auf, ihre Augen trafen auf Davids. Er versuchte sie zu bitten, ihm zu folgen, wimmerte leise. Sie stand auf. Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich, auch wenn David dies eher durch ihren Geruch mitbekam.
Der Wolf setzte über das Holz des Tresens hinweg und sprintete auf die offenstehenden gläsernen Eingangstüren des Gebäudes zu. Die Frau war kurz hinter ihm, war ebenso über den Tresen gesprungen, was bei ihrem derzeitigen körperlichen Zustand nahezu ein Wunder war. Noch befanden die beiden sich außerhalb des Sichtfeldes des Agenten, der mittlerweile in der Eingangshalle angekommen war.
David lief voran, passierte die Türen. Er betrat eine völlig andere Welt.
Dunkles Laub tragende Bäume. Ein grauer Himmel, nur ab und an durch dünne Sonnenstrahlen durchbrochen. Ein Kiesweg unter seinen Pfoten. Ein kühler Wind in seinem Fell. Unzähluge Gerüche drangen auf ihn ein.
Er übersah den schwarzgekleideten Mann, der etwa zehn Meter weiter an der Strasse an einem Auto stand und seine Pistole auf ihn richtete. Der zweite Agent zog den Abzug der Waffe durch.
David wurde zu Boden geworfen, er schlitterte bäuchlings auf dem Kiesweg voran, den Körper der Frau über sich. Er roch Blut.
Er blickte voran, erkannte nun den dunklen Schützen. Sie hatte den Mann vor ihm gesehen und ihn, David, zu Boden geworfen. Blut tropfte auf seinen Rücken, die Frau wimmerte schmerzhaft. David blickte auf, hörte den ersten Agenten, denjenigen, den er verletzt hatte, auf die Türen zulaufen.
Die Frau war angeschossen, das Projektil der Pistole des zweiten Agenten hatte ihre linke Schulter gestreift. Sie stand wütend auf, hielt dabei ihre Schulter und rannte von dem Kiesweg, dabei presste sie ein schmerzhaftes "Komm!" hervor.
David reagierte sofort und sprang ihr nach, während der Agent an dem Auto dabei war loszulaufen, um den Wolf abzufangen. Dieser Mann roch nicht weniger bösartig als der andere, aber weniger aggressiv und dafür verschlagener.
Die Frau lief quer über den Rasen, der den Kiesweg säumte auf einen kleinen Parkplatz zu, welcher von einigen Büschen und Bäumen flankiert wurde. Sie keuchte und hielt sich noch immer die Schulter. Blut klebte an ihrer Hand. Sie hatte Angst, doch sie wurde von einem seltsamen Überlebenstrieb angestachelt, den David nur schwer einordnen konnte. Er dachte nicht weiter darüber nach.
Die zwei Agenten hinter sich erreichten David und die Frau den kleinen Parkplatz, auf dem zur Zeit drei kleinere Autos geparkt standen. Sie lief auf einen gelben VW-Käfer zu, der seine besten Zeiten anscheinend schon lange hinter sich gelassen hatte.
David hörte das Geräusch von Schlüsseln, die sie noch im Laufen aus einer ihrer Kitteltaschen hervorbeförderte.
Sie hechtete zu der Fahrertür des kleinen Autos und öffnete sie mit zitternden Fingern.
Währenddessen erreichten die beiden Agenten die den Parkplatz umgebenden Gebüsche.
Die Frau sprang in das Auto, schnallte sich gar nicht erst an und starrte auf David, der unverrichteter Dinge neben dem Wagen stand. Sie überlegte den Augenblick eines Herzschlages, während sie den Wagen anließ. Dann öffnete sie die Beifahrertür in einer fließenden Bewegung, schaltete in den Rückwärtsgang und drückte das Gaspedal tief durch.
David sprang in das rapide beschleunigende Auto und klammerte sich an den Beifahrersitz. Der Wagen schlingerte um seine eigene Achse, die Räder drehten durch. Der Motor heulte auf.
Dann, den Bruchteil einer Sekunde später, rasten sie mit noch immer offen stehenden Türen aus dem Parkplatz heraus und ließen die Agenten hinter sich.
Die Frau fluchte, schloss zitternd die beiden Türen und versuchte dabei nicht von der Strasse abzukommen. Ihr Blick streifte David, der zitternd auf dem Beifahrersitz lag.
"Du wirst einiges zu erklären haben," presste sie leise hervor, dann steuerte sie ihren Wagen in den dichten Stadtverkehr.

*

Agent Johnson stand auf dem Parkplatz, er hatte sich auf einen der geparkten Wagen gelehnt.
"Sie haben die Rezeptionistin getötet?" Seine Stimme war kalt und an seinen Kollegen gerichtet.
Der andere Agent, welcher in die Richtung blickte, in die der gelbe Käfer soeben geflüchtet war, nickte nur kurz. "Sie hatte die Polizei alarmieren wollen."
Ein Nicken von Johnson war die Antwort. Dann drehte er sich um und ging langsam zu dem schwarzen Ford. "Die Säuberungseinheiten sollen die Beweise vernichten und eventuelle Zeugen zum Schweigen bringen. Unterrichten sie die Basis von unserer Aktion und verfolgen sie das Nummernschild des Fluchtwagens zurück. Die Kreatur mag dieses Mal entkommen sein, aber wir werden ihr keine weitere Chance geben."

-4-

Sicherheit ist ein Gefühl. Gefahr ist real.
Mehrere Stunden waren vergangen.
Die Nacht war mittlerweile über der Stadt eingekehrt und hatte ihr dunkles Band über den Horizont gespannt. Die kühlen Herbstwinde sorgten für leere Strassen vor dem Haus der jungen Arzthelferin.
David saß auf einem dicken Teppich in einem wohlig eingerichteten Raum. Eine Gasheizung spendete ein wenig Wärme.
Die junge Frau saß nicht unweit von David, sie hatte ihre Schulterwunde versorgt und anscheinend ein wenig Entspannung gefunden. Ihr Atem ging ruhig und ihr Geruch war von einer erfreulichen Neutralität, als sie ihn minutenlang betrachtete. Sie hatte ihren verschlissenen Kittel mittlerweile durch Jeanshosen und einen blauen Pullover ersetzt.
Trotzdem lag eine unheilschwangere Atmosphäre in dem Raum. Die Frau blickte ihn an. Er versuchte ihren Blick nicht zu erwidern, sah sich aber schneller als es ihm lieb gewesen wäre in ihre Augen eintauchen. Diese Augen!
"Was bist du?" Ihre Frage durchbrach die Stille und war mit fester Stimme gestellt worden.
David schaute sie verzweifelt an und brachte nur ein wölfisches Wimmern zustande.
Wie sollte er ihr etwas erklären, was er sich selbst nicht erklären konnte?
Er senkte den Kopf und versuchte sich zu erinnern. Nichts.
David blickte sich in dem Raum um. Ihr Blick folgte dem seinen.
Er musste mit ihr kommunizieren! Er musste ihr sagen, wer er war. Vielleicht konnte sie ihm helfen!
"Was suchst du?"
David stand plötzlich auf und trottete zu einem nahen Schrank. Ja, er hatte etwas gefunden!
"Was..." Sie konnte ihre Frage nicht zuende stellen.
Der Wolf fasste die Kartonverpackung eines in den Schrank gestellten Spiels mit seinen Zähnen und trug es auf den Teppich vor die Frau.
Ihr Geruch war plötzlich der von Überraschung und Neugier.
Davids Schwanz wedelte aufgeregt. Er legte das Spiel vor sie und blickte dann auf.
Sie lächelte. "Scrabble?" Sie starrte auf das Spiel, welches vor ihr lag. Dann, als seine Intention für sie augenscheinlich wurde, öffnete sie den Karton und schüttete die kleinen Plastikkärtchen mit den aufgedruckten Buchstaben auf den Teppich.
David jaulte erfreut auf. Ja, sie hatte verstanden!
Mit seinen Pfoten und seiner Nasenspitze schon er einige der vor ihm liegenden Buchstaben zu einem Wortgebilde zusammen. Zuvor musste er jedoch jeden von ihnen genauestens betrachten, da seine Augen sie ihm schrecklich verschwommen und unscharf darstellten.
Die Frau atmete erschreckt auf, als sie das Wort las, welches der Wolf vor ihr zusammengebaut hatte: DAVID.
Sie blickte ihn an. Sein Schwanz wedelte erfreut.
"Mein Gott! Entweder du bist ein Wunder oder nur außergewöhnlich gut trainiert!" Ihre Stimme zitterte vor Überraschung und Erstaunen.
David schüttelte den Kopf. Seine rechte Vorderpfote deutete auf das Wort, welches er gerade gebaut hatte.
"Wie kann das sein?" Ihre Frage richtete sich mehr an sie selbst als an ihn. Dann sah sie ihn wieder an und deutete leicht auf sich selbst: "Ich bin Christine. Christine Swartz."
Er winselte kurz, sein Schwanz wedelte.
Ich verstehe das alles nicht. Wieso bist du ... intelligent ... wieso verfolgen dich diese Männer?"
David blickte auf die Buchstaben unter sich. Dann legte er einige von ihnen zu einem neuen Wort zusammen: UNWISSEND.
Christines Hände verkrampften sich bei diesem weiteren Beweis seiner Intelligenz. Sie reagierte aber gefasst und sprach schon leise, aber interessiert weiter: "Du hast keine Ahnung, ja? Was kanst du mir erzählen? Ich möchte wissen, warum all dies geschieht."
Der Wolf blickte erneut auf die Buchstaben vor sich. Wie konnte er ihr etwas sagen, was er nicht einmal selbst wusste? Immer wieder hinderten ihn seine gestörten Erinnerungen daran, alles was geschehen war zu verstehen. Er legte Buchstaben zu Wörtern. ERINNERUNG VERLOREN. GEJAGD. FLUCHT. DANKE.
Sie atmete scharf ein, starrte auf die Worte. Lange Sekunden, die David wie Stunden vorkamen, verstrichen. Die Stille hatte etwas unangenehmes an sich. Entweder würde sie sich nun von ihm wenden und verraten oder sich zu ihm bekennen und ihm helfen.
David sah sie an.
Sie schloss ihre Augen. Ihr Atem ging in langsamen Zügen. Dann stand sie langsam auf.
"Ich werde uns erst einmal was zu Essen machen, dann können wir vielleicht darüber nachdenken, wie wir deinem Gedächnis wieder auf die Sprünge helfen können."
Mit diesen Worten verließ sie den Raum und murmelte irgend etwas unverständliches. Ihr Geruch war freundlich. Sie half ihm! Davids Schwanz wedelte fröhlich.
Würde nun doch alles gut werden? Würde er nun auf irgend eine Weise erfahren, wieso all dies geschehen war?
Er blickte sich in dem Raum um. Er war wirklich schön eingerichtet, wie alle Räume, die David bisher in dem kleinen Haus zu Gesicht bekommen hatte. Sie hatte Geschmack. David versuchte noch einen anderen Geruch als den ihren zu wittern, aber sie schien weder oft Besuch zu bekommen, noch Kinder oder einen Ehemann zu besitzen.
"Ich habe nur ein wenig rohes Fleisch hier, ich halte es eher mit den vegetarischen Sachen. Magst du Salat?" Ihre Stimme klang aus der Küche, David hörte Teller und Töpfe klappern.
Mochte er Salat? Er hatte keine Ahnung.
Christine blickte aus der Küche auf David, welcher schwanzwedelnd auf dem Teppich saß, die Zunge weit heraushängen lassend und sie ebenfalls anblickend.
Er war sich sicher, dass sie lächelte. Manchmal verfluchte er seine Augen noch für ihre unscharfe Darstellung der visuellen Welt um ihn herum. Dann nickte er kurz.
Sie verschwand wieder in der Küche und bereitete weiterhin etwas sehr frisch riechendes zu. Salat. Fleisch. David lief das Wasser im Maul zusammen. Im Tierheim hatte er nur hündisches Trockenfutter bekommen. Sein Magen knurrte.
Er legte den Kopf auf seine Vorderpfoten und atmete tief aus. Es war gut, sich ein wenig ausruhen zu können, ganz ohne Verfolger im Nacken. Seine Augen schlossen sich langsam, die Wärme der gasheizung legte sich wohlig auf seine Muskeln.
Der Gedanke an die Agenten kam ihm zu spät, als sein Körper schon in einen tiefen Schlaf gefallen war.

*

Der Mond stand hell am wolkenlosen Himmel und ließ seine milchigen Strahlen auf die Erde niedergehen. Schattige und weitestens laublose Bäume wiegten sich in einem sanften Wind.
Agent Johnson steuerte den Wagen langsam um eine enge Vorstadtkurve und übersah die Strasse vor sich im kegelförmigen Licht der hellen Scheinwerfer.
Eine Strasse hier war wie die andere. Haus an Haus. Gehweg an Gehweg. Alles wie aus dem Baukasten.
Er atmete scharf aus, in seinem rechten Augenwinkel konnte er seinen Kollegen dabei beobachten, wie dieser einen Schalldämpfer an eine Schnellfeuerpistole schraubte.
Dieses Mal würden sie die Kreatur erlegen, um dieser Farce von einer Flucht ein Ende zu setzen.
Er fühlte seine eigene Schnellfeuerwaffe in ihrem Halfter im Inneren seines Mantels. Keine weiteren Fehler.
Ein Fingerzeig seines Kollegen ließ ihn die Scheinwerfer abschalten und den schwarzen Ford am Bordstein zum Halt bringen.
Zwei Häuser weiter konnte er das Haus der Frau, die der Kreatur zur Flucht verholfen hatte, erkennen. Der gelbe Käfer stand nicht unweit davon geparkt.
Er lächelte finster.
Sein Kollege war schon im Begriff aus dem Wagen aufzustehen. Johnson blickte noch einmal die Strasse hinauf. Er fasste sich mit der Hand seines gesunden Armes an die Wunde, die die Kreatur ihm vor einigen Stunden beigebracht hatte. Sie war aufgrund seiner veränderten Physiologie schon dabei zu heilen, die Zähne der Bestie hatten jedoch viel Muskelgewebe zerfetzt. Sein Blick verfinsterte sich.
Er fühlte sich seltsam. War es nur die Wunde? War es etwas Anderes? Er knurrte dumpf.
Dann stieg er ebenso aus dem Wagen aus.

*

David war fest an einen metallischen Tisch geschnallt.
All seine Knochen taten ihm unendlich weh, ihr Schmerz war wie glühende Lava in seinen Adern.
Sein Kopf schmerzte von Allem am Meisten, schien überdimensional aufgebläht, pulsierte vor Pein.
Er wimmerte, schrie. Er versuchte sich loszureißen, die ihn haltenden Lederstriemen schnitten in sein Fleisch.
Er roch sein Blut.
Gleißend helle Lichter über ihm blendeten ihn, seine Augen tränten dauerhaft.
Aus all diesem Schmerz schälte sich ein Gesicht in sein Blickfeld, blickte ernst auf ihn hinab.
Weiblich. Lange, blonde Haare. Tiefblaue Augen. Ein perfektes Gesicht.
Sie lächelte ihn mitfühlend an, Worte flossen wie Blut aus ihrem Mund.
"Du bist es, du warst es ... es war dir vorbestimmt."
Ihr Geruch war der eines Wolfes.
"Du bist so schön, so perfekt. Du bist die erste Schöpfung Gottes ... denn der Mensch ist nun Gott!"
Ihre Zähne waren Reißer.
"Du bist erst der Erste..."
Mit diesen diabolischen Worten senkte sie ein blitzendes Skalpell auf sein Gesicht herab und zerschnitt seinen Alptraum in einem Aufwallen von Blut.

*

David schrak jaulend auf.
Ein Name hallte durch seinen schmerzenden Kopf, seine Augen blickten verwirrt in dem Raum herum, in dem er sich befand.
Natasha, Natasha, Natasha. Der Name der Frau aus seinem Traum. Kehrte seine Erinnerung zurück?
Er blickte sich um, roch die Umgebung. Langsam erinnerte er sich, wo er hier war.
Es war mittlerweile tiefste Nacht. Der Geruch von Salat und Fleisch lag in der Luft, ein Teller davon stand nicht unweit von ihm am Boden. Er machte sich sofort darüber her.
Während er das Essen fraß, hörte er das ruhige Atmen eines schlafenden Menschen. Christine schlief nicht unweit von ihm in einem Nebenzimmer.
Wie spät war es?
Er schlang den letzten Bissen herunter und leckte sich die Lefzen.
Dann erstarrte er.
Die Verfolger! Er witterte ihren Gestank.
Sie waren nah!
Ein kurzes Jaulen entfloh seinem Maul, er wollte sich gerade umdrehen, als ein mächtiger dunkler Schatten vor einem der Zimmerfenster erschien. Der lauf einer Waffe blitze im Mondschein auf.
Wie hatte er die Verfolger vergessen können?
David hechtete mit einem verzweifelten Sprung hinter einen der Sessel, als eine Garbe aus zischenden Geschossen das Fenster durchschlug und sich dort in den Boden grub, wo er soeben noch gestanden hatte. Sofort versuchte er den anderen Agenten zu wittern, herauszufinden, wo sich dieser befand.
Ihm blieb keine Zeit dazu.
Eine weitere Salve der Maschinenpistole zuckte pfeifend in den Raum, grub sich dieses Mal in das Polster des Sessels, hinter dem David Schutz gesucht hatte. Er hatte unwahrscheinliches Glück, dass keine Kugel durch das Holz schlug, welches den Sessel zusammenzuhalten schien.
David hörte den Agenten das nicht zersprungene Fensterglas aus dem Rahmen zu fegen. Er wollte in den Raum eindringen.
Verdammt! Wo war der andere Agent?
David nutzte seine Chance, die sich ihm durch die Bewegung seines Angreifers bot, und hechtete auf das Zimmer, in dem Christine schlief, zu.
Die Tür stand glücklicherweise leicht offen und er konnte sich mit einer fließenden Seitwärtsbewegung durch den Spalt zwängen.
Das Zimmer war sehr dunkel, die Vorhänge waren vor das einzige Fenster gezogen. Es gab nur zwei Möbel, die Davids Augen, die der Nachtsicht ein wenig fähig waren, ausmachen konnten: einen großen Kleiderschrank, der gegenüber dem Fenster lag und dazwischen ein größeres Bett, in dem Christine schlief. Sie hatte sich in einige Decken verkrallt und schien nicht sehr gut, jedoch recht fest zu schlafen. Schweiß stand ihr auf der Stirn, David roch es.
Der Wolf hörte den Agenten, es war der derjenige, welchen er auch in dem Hundezwingerraum gesehen hatte, durch das Zimmer hinter ihm stapfen.
Er hatte nur wenige Sekunden.
Mit einem schnellen Sprung hechtete David auf das Bett und rüttelte mit seinen Vorderpfoten und seinem Maul an der schlafenden Christine.
Sie würde getötet werden, wenn er sie nicht retten konnte! Sie hatte ihm das Leben gerettet, niemals könnte er so etwas zulassen!
Der Agent mit der Maschinenpistole hatte die Tür nahezu erreicht, als Christine die Augen erschreckt aufschlug und David erschreckt anstarrte.
"Was...," presste sie verschlafen und verärgert hervor, als der Agent die Tür mit einem kräftigen Fußtritt aufstieß.
David drehte sich blitzschnell um, sah die mächtige Gestalt des schwarzgekleideten Mannes vor sich und die metallische Schnellfeuerwaffe in dessen Hand.
Er dachte nicht nach, sprang nur auf den Feind zu, sein Maul zu einem bösartigen Knurren verzogen.
Der Agent rührte sich nicht, seine Augen glänzten im schwachen Licht grünlich, er grinste wölfisch. Sein Abzugsfinger zuckte kurz, die Waffe in seinen Händen spuckte zischend Geschosse.
David wurde getroffen, die Salve schnitt blutig über seinen Rücken, hinterließ tiefe Wunden. Trotzdem wurde er nicht aus seinem Sprung geworfen, raste auf den Agenten zu. Er erwischte ihn direkt an der Brust und riss ihn von den Beinen. Der Mann fiel rücklings zu Boden, David auf ihm.
Christine schrie etwas kurzes und erschrockenes und richtete sich dann schnell, aber zitternd in ihrem Bett auf.
David hockte auf dem Agenten. Sein Blut kochte, der Schmerz von seinem Rücken übermannte seinen Geist. Die tierischen Instinkte in ihm befahlen ihm, sein Opfer zu zerreißen. Geifer spritzte aus seinem Maul, als er es auf den Mann niedersausen ließ.
Die vor Panik zitternde Stimme Christines hielt ihn auch dieses Mal wieder von einer Bluttat ab.
"Nein," schrie sie, David hörte sie aus ihrem Bett aufspringen.
Der Wolf blickte den Agenten unter sich, der sich gerade genug gefangen hatte, Gegenwehr zu leisten, knurrend an. Er hörte Christine hinter ihm schnell näher kommen.
Was hatte sie vor?
Der Agent mobilisierte seine gesamten Kräfte und warf den abgelenkten David mit einem Ruck seines gesunden Arms von sich. Der Wolf landete rollend in dem Wohnzimmer und versuchte so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen.
Er sah vor sich im Dunklen zuckende Schemen. Christine hatte sich dem aufstehenden Agenten genähert und hielt ihm etwas vor das Gesicht. Es zischte. Der Agent schrie vor Schmerzen auf, landete erneut, dieses Mal jedoch zuckend, am Boden. Er verlor seine Waffe aus den Händen.
Reizgas! Sie hatte den Agenten ausgeschaltet!
Aber sie hatten keinen Augenblick Zeit, sich über diesen kleinen Sieg zu freuen.
David winselte erstaunt, als das Fenster in Christines Raum plötzlich in den Raum hinein explodierte und das Bett sowie die Frau mit einem Schauer aus scharfen Glassplittern bedeckte.
Christine schrie. David hastete vor.
Der andere Agent stieg bösartig lächelnd durch das zerschossene Fenster und ließ den Lauf seiner Maschinenpistole durch den Raum gleiten. Er drückte ab.
Zischende Geschosse wurden in das Bett, den Türrahmen, den am Boden liegenden Agenten und nahezu auch in Christine und David getrieben. Die Beiden waren geistesgegenwärtig abgetaucht, Christine hinter ihr Bett, auf die dem Agenten abgelegene Seite, und David außerhalb der Sichtweite des Mannes, neben den Türrahmen.
Mit einem wütenden Knurren lud der Mann seine Waffe nach, ließ das leergeschossene Magazin dumpf klingend auf den Teppichboden Christines´ Schlafzimmer fallen und schob ein neues ein.
David nutzte diese, nur wenige Herzschläge andauernde, Feuerstille und sprang über den noch immer vor Schmerzen zuckenden Agenten am Boden hinweg und in das Schlafzimmer.
Christine rollte sich unterdessen panisch unter ihr Bett und suchte nach dem darunter stehenden Telefon.
Der bewaffnete Agent blickte den sich schnell nähernden David duchdringend an und grinste dunkel.
Sein Abzugsfinger zuckte. In dieser Sekunde traf ihn ein Fuß Christines´, die das Telefon liegen gelassen hatte und sich wichtigeren Dingen zugewandt hatte. Ihr Fuß schnellte unter dem Bett hervor, traf einen seiner Füße und nahm dem Mann damit das Gleichgewicht.
Er fiel nicht, aber verzog seine Waffe so sehr, dass die Geschossgarbe nur klatschend in die Zimmerdecke fuhr.
Das war Davids Chance. Er hechtete vor, knurrte. Sein Gebiss schloss sich um eines der Beine des Mannes. Dieser ließ ein kurzes Stöhnen von sich vernehmen.
Dieses Mal hatte David, bedingt durch die relative Enge des Raumes, allerdings nicht die Wucht besessen, den Mann umzuwerfen. Der Agent blickte mit vor Schmerz verzogenen Augen auf den sich in sein Bein verbeißenden Wolf und hob seine Waffe.
Der Lauf richtete sich auf den wild knurrenden David.
Dann durchzuckte ein kurzes Pfeifen den Raum und endete in einem Klatschen.
Der Agent über David zuckte kurz, dann brach er rücklings an der Zimmerwand zusammen. Blut sprudelte aus einer Kopfwunde.
David sprang vor Überraschung jaulend zurück und wandte sich um, bereit einem neuen Feind in die Augen zu sehen.
Aber er sah nur Christine. Die Frau hielt die Maschinenpistole des im Türrahmen liegenden Agenten in ihren zitternden Händen. Einen Augenblick später ließ sie die Waffe polternd zu Boden fallen und brach dann selbst schluchzend auf ihre Knie zusammen.
David blickte zuerst auf den toten Agenten, dann auf den betäubten im Türrahmen und zum Schluss auf Christine.
Sofort eilte er zu ihr. Seine Zunge fuhr feucht über ihre Hände, die sie vor ihr Gesicht gepresst hatte. Sie schluchzte. David wimmerte.
"Was, was ... was geschieht hier nur?" Ihre Stimme klang gepresst und panisch.
Der Wolf jaulte kurz, dann leckte er ihre Hände weiter, versuchte sie mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu besänftigen.
Sie schluchzte. David witterte ihren inneren Schmerz und ihre Furcht, verstand sie mehr als es ein Mensch in dieser Situation vermocht hätte.
Sie saßen lange Minuten zusammen am Boden des Schlafzimmers.
Nach und nach verstummte ihr Schluchzen und ihre Stimme klärte sich auf.
Sie nahm die Hände von ihrem geröteten Gesicht und bot David dadurch eine neue Angriffsfläche für seine Zunge. Sie war zu langsam sich zu wehren und lächelte sogar.
Dann lachte sie leise.
Davids Herz machte einen Sprung. Dieses Lachen!
Sie schob ihn einige Zentimeter von sich, dann vergruben sich ihre Finger in seinem Nackenfell. Sie streichelte ihn, umarmte ihn. Er badete in ihrem Geruch.
Sie weinte wieder, aber dieses Mal aus der reinen Freude nach diesem nächtlichen Angriff noch zu Leben.
Sie weinte. David wimmerte.

*

Weitere Minuten vergingen, bis sich die Beiden aufrappelten.
David durchsuchte das Haus nach weiteren Agenten, fand aber keine Anzeichen für weitere Verfolger.
Christine hatte sich etwas vor der sich im Haus ausbreitenden Kälte schützendes angezogen und dann den betäubten Agenten fesseln und knebeln wollen, aber sie hatte mit Schrecken feststellen müssen, dass eine der fehlgeleiteten Geschossgarben des anderen Mannes ihn tödlich erwischt haben musste. Er war tot. Beide Agenten waren tot.
Danach hatte Christine die Rückenwunde Davids versorgt, welche die Geschosse des einen Agenten verursacht hatten.
Sie und David überlegten sich, was sie mit den Leichen anstellen konnten, fanden aber keine Lösung.
"Wir werden uns etwas einfallen lassen müssen," flüsterte Christine zitternd bei dem Anblick der beiden vor ihr am Boden liegenden Männer.
David hatte dem einen Unterdessen seinen Mantel geöffnet, ein wirkliches Problem ohne Hände, und nach einer Brieftasche oder etwas ähnlichem gesucht.
Christine kniete sich neben ihn und half ihm bei der Suche. Sie hatte einen der Männer getötet, also was sollte sie unnötige Zurückhaltung zeigen?
Christine fand eine Brieftasche bei den beiden Agenten, aber die Inhalte der identischen Ledertaschen waren vollkommen informationslos.
"Keine Ausweise, nur vollkommen nichtssagende Visitenkarten einer Behörde von der ich noch nie etwas gehört habe und sonst nichts." Ihre Stimme klang enttäuscht, auch sie wollte wissen, wer hinter ihrem Leben her war.
David jaulte kurz auf. Er blickte auf eine der Visitenkarten, die zu Boden gefallen war.
`Behörde für freilaufende Wildtiere´ stand auf die Karte gedruckt. Dazu der Name des Mannes: Johnson. Nicht mehr. David verzweifelte. Würde er nie mehr etwas über seine Vergangenheit erfahren?
Dann blickte er auf.
Christine war unterdessen zu einem der zerschossenen Fenster gegangen und blickte in die kühle Nacht hinaus.
"Ihr Auto," sagte sie kurz, dann wandte sie sich schon zur Haustür.
David sprang von dem am Boden liegenden Agenten weg und ebenfalls auf die Haustür zu, seine Zunge hang hechelnd aus seinem Maul.
Christine blickte ihn verdutzt an. "Gassi gehen?" Ihre Frage war nur halbherzig, aber mit einer winzigen Nuance an freudiger Überraschung ausgesprochen.
Sie öffnete die Tür und trat in die mondbeschienene Dunkelheit hinaus. Vollkommene Stille herrschte um sie herum, die Nachbarn hatten anscheinend nichts von dem nächtlichen Angriff mitbekommen. Kein Auto fuhr zu dieser Zeit. Es schien als wären sie sicher und unbeobachtet.
David trat ebenso in die Nacht hinaus und spürte den kühlen Wind in seinem Fell. Sein Schwanz wedelte fröhlich. Er sog die Gerüche der Nacht ein, hörte die verschiedensten Nachttiere ihren Beschäftigungen nachgehen. Eine Eule zog weit über ihm am Himmel ihre Bahnen.
Christine ging mit schnellen Schritten auf den schwarzen Ford der Agenten zu und warf dabei einen kurzen Blick auf ihr eigenes Auto. Sie blieb stehen und atmete scharf aus.
"Nein, diese Schweine!"
David blickte den gelben Käfer an und erschrak, als er die zerstochenen Reifen erblickte. Die Agenten hatten ihnen jeden Fluchtweg verbauen wollen. Es war nur Glück gewesen, dass er und Christine den Angriff überlebt hatten. Nur Glück.
Christine stapfte wütend von ihrem Auto weg und auf das der Agenten zu, welches zwei Häuser entfernt geparkt stand. Ein schwarzer Ford, der Selbe anscheinend, welchen die Agenten auch vor dem Tierheim geparkt hatten.
Sie testete den Türöffner der Fahrertür und lächelte erfreut, als sich diese öffnen ließ. Christine stieg in den Wagen und öffnete die Beifahrertür, um David ebenfalls in das Auto zu lassen.
Das Interieur des Wagens war recht schlicht gehalten, sie hatte nichts anderes erwartet, also blieb ihr nichts anderes, als nach irgend etwas Interessantem zu suchen.
David sprang auf den Beifahrersitz und fühlte sich sofort von dem Gestank der toten Agenten umgeben. Er lag in der Luft, klebte an den Sitzen, den Armaturen ... überall. David knurrte kurz, dann verstummte er und sah Christine bei ihrer Suche zu.
Die Frau suchte in den Fächern des Armaturenbretts und in dem Fach vor dem Beifahrersitz nach irgendwelchen Anhaltspunkten, aber sie konnte nur eine Stadtkarte und eine Chipkarte unter all den weiteren, vollkommen nutzlosen Zetteln und Scheibenwischtüchern finden.
"Hm." Sie besah sich die Karte. "Vom nördlichen Stadtgebiet. Ein größeres Gebiet ist rot angestrichen ... oh, und das Tierheim auch. Und mein Viertel, wo wir uns gerade aufhalten."
David jaulte kurz auf und blickte sie an.
"Willst du sie sehen? Hier." Sie senkte die Karte, um David einen Einblick zu verschaffen.
Der Wolf versuchte die winzigen, vielfarbigen Strassen und Zeichen auseinander zu halten, aber seine extrem eingeschränkte Farbsicht verkomplizierte die Sache sehr stark. Er schaute eine lange Zeit auf die Karte, dann schüttelte er mit dem Kopf. Zu komplex.
"Die zwei letzten Orte kenne ich, der erste scheint mir ein Straßengeflecht nahe dem Hafen zu sein. Erinnerst du dich daran?"
David nickte. Ja! Dort war er erwacht. Seine erste Erinnerung.
"Vielleicht solltest du dorthin zurückkehren, um..." Sie sprach nicht aus.
David blickte aus dem Frontfenster die Straße hinauf und versuchte etwas zu erkennen.
"Polizei. Einer meiner Nachbarn muss sie alarmiert haben! Verdammt."
Christine suchte etwas. David sah sie fragend an.
"Wir können nicht hier bleiben. Wenn sie dich finden, werden sie dich einschläfern. Sie töten dich, okay?"
David rührte sich nicht. Dachte sie nicht an sich?
"Aha." Christine schob den Schlüssel zu dem Auto, welchen sie hinter einer der Sonnenblenden gefunden hatte, in das Schloss und lies den Wagen an. Dann schloss sie die beiden Autotüren.
"Es scheint, als ob wir schon wieder fliehen," presste sie zwischen zusammengepressten Lippen hervor, als sie den Wagen rückwärts auf die Strasse rollen lies und ihn, ohne die Scheinwerfer anzuschalten, wendete.
Augenblicke später hatte sie den schwarzen Ford schon in eine andere Straße gesteuert, danach in eine weitere. Erst dann schaltete sie die Scheinwerfer ein.
Ihr Geruch war unverkennbar. Sie hatte den Entschluss gefasst, ihm zu helfen. Sie wollte wissen, was um ihn und sie herum geschah. Sie würde nicht zurückweichen.
Der Ford brauste durch die kühle Nacht.

*

Officer Barnsdale betrat das ihm von einer panisch klingenden Frau, welche die Polizei aus einem Haus in der Nähe alarmiert hatte, beschriebe Haus durch die offen stehende Tür. Sein Kollege schlich sich zur selben Zeit zur Rückseite des Hauses.
Die Frau hatte etwas von Mafiakillern, Wölfen und zerschlagenen Fenstern erzählt. Okay, zerschlagene Fenster hatte er hier gesehen, aber Mafiakiller?
Er erschrak, als seine Taschenlampe ihm das Chaos eines Feuergefechtes offenbarte. Zwei Leichen lagen am Boden des Zimmers, beide trugen schwarze Anzüge und waren anscheinend durchsucht worden. Blut klebte an ihrer Kleidung. Zwei Maschinenpistolen lagen auf einem Tisch im selben Zimmer.
Blutige Fußspuren, Schuh- und Pfotenabdrücke, waren überall am Boden zu erkennen.
Was war hier nur geschehen?

-5-

Wenn Unwissen sich in Wissen wandelt - in was wandelt sich dann der Schmerz?
Christine lenkte das Auto mit schlafwandlerischer Sicherheit durch den schwachen Nachtverkehr der Innenstadt. Ihre Augen waren auf den Verkehr gerichtet und nicht auf den geduckt auf dem Beifahrersitz liegenden David.
"Ich verstehe noch immer nicht, was hier überhaupt geschieht" Ihre Stimme verhallte in der Stille des Wagens.
Davids Augen legten sich auf ihren Körper.
"Agenten. Maschinenpistolen. Ein intelligenter Wolf." Sie blickte kurz zu ihm hinab und ihm dabei auch kurz in die Augen.
"Was bist du David? Wer bist du?"
Der Wolf ließ ein kurzes Jaulen aus seinem Maul entweichen, dann atmete er tief aus.
Er hatte ja selbst keine Ahnung. Das sie ihm trotzdem half war das größte Glück, welches ihm je hatte widerfahren können. Glück.
"Du hast keine Erinnerung. Sie jagen dich, sogar mich jetzt. Was könntest du wissen, was sie interessieren könnte?" Ihre Augen lagen wieder auf der Strasse.
"Was haben sie mit dir angestellt? Wieso kannst du denken und handeln wie ein Mensch?"
Die Fragen waren eher an sich selbst gestellt als an ihn, sie wusste sehr wohl, dass er ihr nicht würde antworten können.
Sie lenkte den Wagen auf die äußerste rechte Spur und schwieg eine längere Zeit.
"Wir werden es herausfinden, mein Freund, wir werden es erfahren..."
David hätte gelächelt, wenn es ihm möglich gewesen wäre. So wedelte er nur schwach mit dem Schwanz.

*

Christine parkte den schwarzen Ford nahe einigen stinkenden Mülltonnen und blickte sich, durch die Scheiben des Wagens, in der Umgebung um.
Sie hatte das Auto in einem Gewirr aus Seitenstrassen und Lagerhäusern geparkt. Nicht gerade die beste Gegend um mitten in der Nacht zu parken, aber der unbekannte Positionseintrag auf der Stadtkarte der Agenten musste irgendwo hier in der Nähe sein. Sie blickte David an.
Der Wolf erschien aufgeregt und unruhig, er blickte mit seinen dunklen Pupillen in die Nacht hinaus. Sie öffnete die Beifahrertür und strich ihm dabei versehentlich über das Bauchfell...
David sah sie an. Diese Augen!
Christine rutsche zurück, öffnete ihre Tür und verließ den Wagen.
David tat es ihr nach und witterte die Gerüche der Umgebung. Er roch salziges Wasser, Fisch, dreckigen Beton und unzählige vollgestellte Lagerhäuser. Es war nahezu unmöglich, einzelne Gerüche aus dem Wirrwarr der Sinneseindrücke zu filtern. Aber es waren keine Menschen in der Nähe, soweit waren sie anscheinend sicher.
"Hier irgendwo ist die Stelle, die der uns unbekannte Karteneintrag anzeigt. Kanst du dich erinnern, wo dies sein könnte?"
David schüttelte langsam seinen Kopf. Nein. Seine erste Flucht war ohne sein eigenes Denken geschehen. Instinktiv war er durch die Gassen und über die Strassen geeilt. Durch den Park. Park...
David jaulte kurz auf, dann tippte er mit einer Pfote auf den taunassen und dreckigen Betonfußweg.
Christine blickte hinab und wartete. Wusste sie, was er vorhatte?
Davids Pfote zeichnete schwer lesbare Zeichen auf den Boden. Langsam. Sie musste sie erkennen. PARK.
"Ein Park? Du willst zu einem Park?" Ihre Stimme war erfreut über diese positive Kommunikation.
David nickte, seine Zunge hing hechelnd aus seinem Maul.
Christine schaute auf den Stadtplan, las einige Sekunden darin und blickte dann auf.
"Es gibt einen kleinen Park, etwa einen Kilometer von hier. Wenn wir das Auto nehmen sind wir in diesem Straßengewirr sicherlich langsamer als zu Fuß. Was meinst du?"
Der Wolf sprang zu ihr, lief kurz vor und dann wieder zurück. Er freute sich. Er wurde nicht gejagt und befand sich unter freiem Himmel. Natürlich würden sie zu Fuß gehen. Christine lächelte. Dann nickte sie. "Okay, ich sehe schon, du brauchst deinen Auslauf."

*

Die Beiden schlichen sich durch schattige Seitenstrassen, wanden sich an dampfenden Müllcontainern vorbei und überquerten menschenleere Strassen.
Der Mond schien sie bei ihrer Wanderung zu beobachten, jeden ihrer Schritte mitzuverfolgen.
Ein seltsames Gefühl beschlich David. Ein Gefühl, das ihm sagte, er würde bald mehr über das erfahren, was er immer hatte wissen wollen seit dem Augenblick, in dem er in der Gasse erwacht war: die Wahrheit.
Seltsamerweise kroch ihm bei dem Gedanken an das Wort Wahrheit ein ungutes Gefühl in den Magen.
Was war los mit ihm? Wollte er es nicht mehr wissen? Fürchtete er sich? Warum dieses Gefühl?
Seine Pfoten tapsten durch schleimige Pfützen und über mit Unrat bedeckte Strassen. Christine war immer neben ihm, deutete ihm den Weg zum Park.
David fühlte den kühlen Wind, der durch die engen Gassen wehte, in seinem Fell. Es fühlte sich gut an. Aber es fühlte sich zugleich auch so falsch an.
Was würde er erfahren? Was wäre, wenn es ihm nicht gefallen würde?
"Dort ist es!" Christines Stimme klang gepresst, als ihr Zeigefinger aus der Gasse, in der die Beiden sich zur zeit befanden, heraus und über eine Straße hinweg auf eine Reihe von Bäumen deutete.
Sie hatte Recht, es war der Park, durch den David vor Tagen geflüchtet war, wenn auch eine andere Seite davon. Trotzdem wusste David nun, wo er war und in welche Richtung er sich würde wenden müssen, um die Gasse zu finden, in der er ohne Erinnerung erwacht war.
Er hastete los, so dass die erschreckte Christine ihm nur mit Mühe folgen konnte.
Seine Pfoten gruben sich in weiches Erdreich und stampften über harten Beton. Seine Zunge hing weit hechelnd aus seinem Maul. Seine Augen waren starr nach vorn gerichtet. Sein Körper bewegte sich in wellenhaften, flüssigen Bewegungen. Er war ein Wolf...
Hinter sich hörte er Christine. "Langsam..."
Abrupt blieb er stehen und sah sie an. Die junge Frau lief auf ihn zu, hielt sich dabei aber in den Schatten eines nahen Gebäudes. Als sie neben ihm angekommen war, atmete sie schwer.
"Du ... du wirst mich doch jetzt nicht im Stich lassen, oder?" Ihre Stimme klang sorgenvoll. "Nicht nach all dem, was wir bis jetzt durchgestanden haben, oder?"
David winselte. Nein. Niemals. Er würde sie nicht im Stich lassen. Er würde sein Leben für sie geben.
Er wand sich um und ging langsam auf eine Seitenstrasse zu.
Augenblicke später verschwanden er und Christine in der Dunkelheit.

*

Grünliche Augen blickten auf flimmernde Monitore.
Ein tierhaftes Lächeln legte sich in ein vor Hass verzogenes Gesicht.
Ein dumpfes Knurren erfüllte die Luft.
Er war zurückgekehrt. Was für ein Dummkopf.

*

"Also das ist es?"
Christines Stimme hallte von den feuchten Wänden der Gasse unheimlich wider.
David antwortete nicht, er wanderte ziellos durch den herumliegenden Müll und roch an einigen der Kartons und Mülltonnen.
"Sieht nicht anders aus als die anderen Gassen, durch die wir gekommen sind."
David versuchte irgend etwas zu wittern. Irgend etwas. Etwas, was seine Erinnerungen zurückbringen konnte. Er verzweifelte.
"Hm." Christines Stimme verlor sich in der Stille.
David blieb plötzlich vor einer der die Gasse bildenden Wände stehen und erstarrte. Blut.
"Was..." Christine näherte sich ihm, wobei sie versuchte nicht in zu viel von dem überall aufgestapelten Müll zu treten oder gar auszurutschen.
Blut. Sein Blut! Es klebte noch immer an der Wand, war aber mittlerweile eingetrocknet. Fliegen hatten sich daran gelabt.
"Blut?" Die Stimme der Frau klang verdutzt.
David roch daran, erinnerte sich an sein Erwachen in der Gasse. An seine Flucht.
Aber davor? Diese verdammte Dunkelheit! Wie konnte er sie durchbrechen?
Er knurrte die Wand an, fletschte seine Zähne. All dies geschah völlig aus einem unergründlichen tierischen Instinkt heraus. David knurrte seine Wut und seine Hilflosigkeit heraus.
Warum war er hier und trug die Form eines Wolfes? Wer war diese Frau ... Natasha ... aus seinen Träumen?
Er knurrte.
Plötzlich drehte sich Christine um, ihr Geruch schlug um. Gefahr?
Davids Knurren verstummte, er blickte zu ihr hinauf.
Einen Herzschlag später wurde die Gasse von roten Strahlen durchzuckt, die sich suchend an den Wänden und dem Müll entlang tasteten.
Nein!
Es dauerte keinen weiteren Herzschlag, da fielen die Strahlen auf David und Christine.
Schüsse hallten auf, Christine wurde zuerst erwischt. Projektile bohrten sich in ihre Schulter und ihren Magen. Sie brach zuckend zusammen, Blut spritzte aus ihrem Mund.
David wollte reagieren, sich diesem neuen und unsichtbaren Feind entgegenstellen, aber auch er hatte keine Zeit mehr. Sein Körper zuckte unter den unzähligen Treffern der Waffen der Feinde und er ging zu Boden.
Sein Körper schrie vor Schmerzen.
Müdigkeit umfing ihn wie eine Decke aus Eis.
Dann erlosch sein Geist.

*

David erwachte.
Wie lange war er dieses Mal bewusstlos gewesen?
Er musste sich nicht bewegen um zu wissen, dass er festgeschnallt war.
Er spürte wo er war. Er hatte den Ausgangsort seiner Reise erneut betreten. Er war an dem Ort, dem ihm seine Alpträume beschrieben hatten.
Er lag auf einem kalten Metalltisch, sein Körper war durch feste Lederstriemen daran gebunden. Sonden und Nadeln waren in sein Fleisch gesteckt. Irgendwo piepte ein Gerät, welches seinen Herzschlag aufzeichnete.
Die Wände des grauen Raums, in dessen Mitte der Tisch stand, waren kahl und er konnte bis auf eine verschlossene Metalltür keinen Ausgang und kein Fenster erkennen. Über ihm strahlten Halogenlampen ihr gleißend helles Licht ab.
David war kalt. Er wusste, das er verwundet war. Er spürte die Wunden. Sie waren versorgt worden. Aber ... sie schmerzten, als wären sie ihm gerade erst zugefügt worden.
Er würde sterben.
Warum war er wieder hier? Wer hatte dies veranlasst?
David versuchte zu jaulen, aber er bekam keinen Laut hervor.
Er war völlig allein. Was war mit Christine? Er hatte sie zu Boden gehen sehen. War sie tot? Hatte man sie gerettet? Wenn nein, wieso lebte er noch?
Wenn sie nicht mehr lebte ... er hätte geweint, hätte es sein wölfischer Körper zugelassen.
Minuten vergingen, in denen David sich nicht rühren konnte. Seine Knochen schmerzten, aber er verdrängte das Gefühl so gut es ihm möglich war.
Dies war also das Ende seiner Flucht? Sollte er allein und verwundet in diesem Raum sterben?
Plötzlich öffnete sich die Tür des Raumes und ein Mann trat ein. Er war hoch gewachsen und trug einen hellblauen Arztkittel. Sein Gesicht war ausdruckslos und er betrachtete David kaum.
David wollte ihm irgend etwas mitteilen, ihn nach Christine fragen ... aber kein Laut drang aus seinem Maul. Er war zu schwach.
Der Mann blickte auf David hinab, testete anscheinend die Wundverbände und den Sitz der Sonden.
Dann schob er den Metalltisch auf quietschenden Rädern aus dem Raum hinaus.
Davids Herz raste. Er hatte dies alles schon einmal erlebt!
Die langen grauen Gänge, die Lichter, die über ihm an der Decke montiert waren. Die Türen neben sich.
Nein! Was geschah hier?
Er blickte den Mann verzweifelt an, dieser achtete aber nicht im geringsten auf den Wolf und schob den Tisch wortlos durch schier endlose Gänge. Er roch neutral, wie ein Mensch. Völlig teilnahmslos. Emotionslos.
David atmete schnell. Was würde geschehen? Was?
Er sah Türen an sich vorbeiziehen. Einige waren geöffnet und offenbarten ihm leere graue Räume. Die Flure, durch die ihn der Mann schob, waren menschenleer.
Die Luft roch antiseptisch, aber erweckte nicht den Eindruck eines stark frequentierten Gebäudes.
David fror.
Die Reise durch die Gänge nahm kein Ende.

*

Ein weiterer Raum, dieses Mal jedoch ausgestattet mit Videoleinwänden, einigen Stühlen und ... waren es Untersuchungstische? David konnte nicht alles überblicken, er lag zu unvorteilhaft, sein Kopf war auf die größte der Videoleinwände gerichtet.
Er verstand nicht. Was wollte man ihm zeigen? Warum tötete man ihn nicht?
Die Schmerzen, die noch immer in seinem Körper hausten, waren nicht abgeklungen. Im Gegenteil, sie kratzten mit einer gnadenlosen Gelassenheit an Davids Kraft und stahlen ihm mit jedem Atemzug, den er tat, ein weiteres Stück seiner Lebenszeit.
Die Lichter in diesem Raum waren so grell wie in dem anderen Raum und den Gängen, die Wände ebenso grau und der Boden ebenso glatt und gefliest. Keine Fenster. Eine Tür. Wo war er?
Warum erinnerte er sich nicht?
Plötzlich erloschen die grellen Lampen über ihm und ließen ihn in vollkommener Stille und Dunkelheit auf seinem Tisch liegen. Er hörte nur seinen eigenen Herzschlag und seinen eigenen Atem.
Dann plötzlich ein dumpfes Knacken und Rauschen. Einen Augenblick lang, dann erstarb es.
Dann erfüllte eine weibliche Stimme die Stille, tönte in seinen Ohren, erfüllte seinen Geist.
"Willkommen David."
Er kannte diese Stimme. Er kannte das Gesicht, welches dazu gehörte. Natasha.
"Es ist schön, dich wieder hier zu haben."
Warum erinnerte er sich nicht an mehr Details? Wer war sie? Warum kannte sie ihn?
"Wir haben von deiner Gefährtin erfahren, dass du dein Gedächtnis verloren hast."
Gefährtin? Also lebte Christine noch? Davids Herz tat einen Sprung.
"Dein ... Gedächtnis also, ja?"
Die Stimme klang verächtlich. Was wusste sie?
"Dein Leben ... David."
Wieder das Knistern und Knacken, dann lag der Wolf wieder in der Stille und der undurchdringlichen Dunkelheit.
Es dauerte einige Minuten, bis ein dünner Lichtstrahl, der von einer Quelle hinter David abgestrahlt wurde, die Dunkelheit durchbrach und auf die Videoleinwand vor dem Wolf fiel. Der Strahl verbreiterte sich auf die Breite und Höhe der Leinwand. Ein Knistern erfüllte die Luft. Roch es nach Ozon?
Dann erkannte David Bilder. Unscharf. Aber er erkannte sie.
Sein Herz schlug schneller.
Mit einem Blitz kehrte seine Erinnerung zurück und flutete seinen Geist mit Wissen.

*

David sah das Gebäude, in welchem er sich befand. Es war ein weitangelegtes Forschungszentrum nahe dem städtischen Hafen. Diese Lage hatte gewisse Vorteile, da man so illegal eingeführte Ware, Tiere, aufnehmen konnte, die zu Forschungszwecken gebraucht wurden.
David sah die Gänge und Räume der Einrichtung. Für wen arbeiteten all die Menschen, die er sah? Die Regierung? Gesichtslose Geldgeber?
Er sah Ärzte und Helfer, Tiere und Untersuchungstische. Er wusste, was hier getan wurde.
Er sah sich. Er sah Dr. David M. Jordan.
Er sah seine Gefährtin, seine Helferin. Er sah Dr. Natasha Michaels.
Er spürte die Liebe zwischen den beiden. Er liebte sie. Liebte sie ihn?
Er sah sich Tiere untersuchen. Wölfe. Immer wieder Wölfe. Hatte er Wölfe gemocht? Hatte er sie gehasst?
Zuerst ging er bei seinen Untersuchungen vorsichtig vor, aber getrieben durch seinen eigenen Erfolgsdrang und die Forderungen Natashas nach schnelleren Ergebnissen ließ er bald davon ab. Liebte sie ihn mehr, wenn er Erfolge vorzuweisen hatte?
Vivisektionen. Gen- Doping. Befruchtungsversuche. Bestrahlungstests. Spritzen. Blut.
Wie viele Wölfe hatte er getötet? Hunderte? Tausende?
Er trieb seine Forschungen voran, verkroch sich tage- und wochenlang in seinem Büro.
Er schrieb, berechnete, testete. Er stellte Thesen auf, verwarf diese wieder.
Er tötete. Immer wieder. Gefiehl es ihm?
Er hatte einen Durchbruch. Wölfe und Menschen waren sich genetisch nicht ähnlich, aber durch eine spezielle Genbehandlung konnte er es schaffen, dass die menschlichen Zellen die neuen tierischen Früchte annahmen.
Warum nur Wolfszellen? Warum? Es war egal, der Erfolg zählte. Der Fortschritt allein zählte.
Warum suchte er nach einem solchen Weg? Wer hatte es ihm befohlen? Warum hatte er sich nicht gewehrt?
Warum? Warum? Immer wieder die selbe Frage. Warum? Er verzweifelte daran, zerbrach psychisch.
Er sah sich durch die Bordelle der Stadt ziehen. Er verschleuderte sein Geld, betrog Natasha.
Er vernachlässigte seine Arbeit. Wer führte sie weiter? War es egal? War es zu spät?
Er verkam zu einem Trinker, er verlor sein Haus, seine wenigen Freunde.
Bis er nach langer Zeit wieder einmal auf Natasha traf. Sie half ihm auf die Beine, brachte ihn in die Forschungsanstalt.
Neue Geldgeber hatten den Komplex übernommen und Interesse an seiner Arbeit angemeldet. Natasha war so froh gewesen.
Wer waren diese neuen, gesichtlosen Arbeitgeber? Egal.
Zu viele Tiere hatten sterben müssen. Er hatte schon zu viel Leid angerichtet.
David hatte das Angebot zurückgewiesen. Nein. Er war durch damit. Zu viele Tiere waren gestorben.
Sie war wütend ... rasend. Sie hatte ihn festnehmen lassen.
Sie hatte seine Arbeit fortgeführt, hatte Versuche angestellt, mehr Tiere getötet. Nun brauchte sie nur noch eins: einen menschlichen Wirtskörper für die wölfischen Zellen.
David hatte sich zu wehren versucht. `Verrückt´ hatte er sie genannt. `Unmöglich´ hatte er gesagt. Es hatte keinen Sinn gehabt.
Sie hatten ihn auf Metalltische geschnallt. Sie hatten ihn aufgeschnitten. Drogen veränderten seine Sinneswahrnehmungen. Spritzen mit mutierten Genen veränderten seinen Körper.
Sie verwandelten ihn. Er sollte ein Wolf werden.
Wie lange hatte die Qual angedauert? David wusste es nicht.
Natasha veränderte ihn, sie fand Gefallen daran. Sie brütete nächtelang über seinem mutierenden Körper, schmiegte sich an ihn oder lachte ihn aus.
Ihr Geist drohte zu schwinden. War sie vormals eine brilliante Wissenschaftlerin gewesen, war sie nun nicht mehr als eine Puppe ihrer Geldgeber.
Aber sie hatten David verwandelt. Er war körperlich ein Wolf geworden. Sein Geist war jedoch der eines Menschen.
Ein Erfolg auf der ganzen Linie.
Wochen vergingen. Experimente wurden von Natasha geplant und durchgeführt. Menschen und Tiere wurden wie Vieh in den Komplex gebracht.
Immer wieder wurde David getestet. Sie nahmen Blutproben. Sie untersuchten ihn.
Zuerst schienen die Ärzte um Natasha ruhig und sorgfältig zur Sache zu gehen, doch mit den Tagen wurde ihre Arbeit fahriger. Gab es ein Problem in dem Forschungskomplex?
Dann unterlief den Ärzten ein Fehler ... sie hatten David eine Sekunde lang aus den Augen gelassen.
Er war aus dem Komplex geflüchtet. Er war durch die Strassen des Hafens geflohen.
Natasha hatte aber nicht nur ihn verändert. Sie hatte vor ihrem psychischen Absturz auch einige Männer ihres persönliche Sicherheitsteams einer speziellen Behandlung unterzogen. Sie hatte sie zu menschlichen Wölfen verkommen lassen. Zwei dieser Jäger hatte sie hinter David hergeschickt.
Die dunkle Gasse. Der Boden war feucht. David war noch nicht völlig an seinen neuen Körper und die plötzliche Freiheit gewöhnt. Er war panisch vor Furcht. Er war ausgerutscht. Die Mauer.
Er hatte sein Gedächtnis verloren.
Was hatte er getan?
Er ... er allein hatte all dies beginnen lassen. Er allein trug die Schuld daran.

*

Mit einem Mal erlosch das Licht der Kamera und der Raum erhellte sich langsam. Die Beleuchtungsstärke kam aber nicht über ein schummeriges Zwielicht heraus.
Die Gedanken an seine wiedergewonnene Erinnerung drangen in seinen Geist.
Was hatte er getan? Wie vielen Tieren hatte er das Leben genommen? Warum? Wofür?
Für Geld? Für den Fortschritt? Für die wahnsinnigen Gelüste von gesichtslosen Geldgebern?
Es war egal. Er hatte es getan. Er hatte es vieleicht nicht zu Ende geführt, aber dieser Fakt war nicht von Bedeutung.
Er war der alleinige Verursacher des Leids, welches man ihm angetan hatte.
Konnte all dies auch beenden?
Eine Tür wurde geöffnet und ein unangenehmer Geruch drang in Davids Nase.
Mehrere Gestalten betraten den Raum. Nach den Geräuschen her waren es zwei Frauen.
Ihr Geruch erinnerte ihn an den der Jäger, allerdings war er weiblicher. Der Geruch der einen Frau war bösartig, den der anderen konnte er nur schwer einordnen.
Er hatte keine Zeit mehr darüber nachzudenken als sich die beiden Gestalten in sein Blickfeld schoben.
Zwei Frauen, ja. Sie beide trugen die selben blauen Arztkittel wie der Mann, der David in diesen Raum geschoben hatte.
"Da liegt er nun. Gefesselt. Sterbend. Aber dennoch so schön." Natashas Stimme. Ihr Geruch war der von Neid und Hass.
Er konnte keine der beiden Frauen genau erkennen, es war zu dunkel und ihre Schemen erschienen ihm zu unscharf.
Aber sie beide waren recht schlank, auch wenn eine von ihnen, es war Natasha, leicht gebückt zu stehen schien ... plötzlich erkannte er den Geruch der Anderen!
"So schön..." Natasha strich durch sein Fell. Ihre Berührung ließ ihn vor Abscheu erzittern. Sie zog eine der Sonden, die in David steckten, heraus. Er spürte Blut an dieser Stelle austreten.
Die andere Frau sagte nichts. Sie verharrte regungslos neben Natasha.
"Ich habe mir oft vorgestellt so zu sein wie du."
Davids Atem stockte. Was erzählte Natasha da?
Hatte sie die Verwandlungsprozedur nicht wiederholen können? War sie nicht mehr fähig dazu?
"Ich wollte immer sein wie du. Wild und frei." Ihre Stimme zitterte.
Dann, urplötzlich, passten sich Davids Augen der Dunkelheit an und er erblickte Natashas Gesicht.
Es war unvorstellbar entstellt. Eines ihrer wölfisch glitzernden Augen lag schief in einer der Höhlen, Fell wuchs in unregelmäßigen Abständen auf ihrer Haut. Ihre Zähne waren verunstaltete Reißer. Ihre Hände! Sie erschienen wie verkrüppelte Wolfspfoten. Ihre blonden Haare klebten wirr an ihrem mutierten Kopf.
Was hatte sie mit sich angestellt? Was für Experimente hatten ihren Körper und ihren Geist, die einst so strahlend hell geleuchtet hatten so verkommen lassen? War sie noch ein menschliches Wesen?
War er, David, jemals eines gewesen? Er hatte selbst die schrecklichsten Versuche an lebenden Wesen durchgeführt. War er besser als sie?
"Ich kann es nicht mehr, David. Ich brauche deine Intelligenz, dein Genie. Ich habe es versucht zu steuern, aber es gelingt nicht. Nicht einmal die Agenten waren länger als einige Wochen lebensfähig, ihre Körper stiessen die Wolfszellen zu schnell wieder ab. Aber ... aber ich musste sie hinter dir her schicken. Niemand ausser mir darf von deiner Perfektion wissen. Niemand!"
Davids Augen suchten nach der anderen Gestalt. Er wusste, wer es war.
Christine.
"Glücklicherweise versagten meine beiden Jäger, so dass sich mir nun die Möglichkeit ergibt, dich noch einmal genauestens zu untersuchen ... sie, unsere Auftraggeber, schließen den Forschungskomplex. Das dürfen sie nicht! Du musst mir die Gabe wiedergeben! Lass mich die Menschen verwandeln! Lass mich erfahren, warum dein Körper den Geist des Wolfes annahm, warum du die Transformation zur Perfektion führtest!" Natashas Stimme klang schrill und unbeherrscht.
David versuchte Christine, die unbewegt neben Natasha stand, zu erkennen. War es Fell, das er sah? Waren es die spitzen Ohren eines Wolfs?
"Ich habe es sogar mit deiner Freundin versucht. Vieleicht, so dachte ich, hättest du sie als kompatible Partnerin erwählt? Aber sie ist misslungen wie all meine anderen Versuche. Misslungen! Sie ist nicht einmal ein Spiegelbild deiner wölfischen Schönheit!"
David konnte plötzlich den Geruch Christines sehr deutlich wahrnehmen. Angst. Verletztheit. Hass.
Was hatte Natasha ihr angetan? Sie hatte doch nichts mit der Sache zu tun!
Hatte Natasha David durch sie bestechen wollen? Hatte sie Davids Gefährtin einfach nur entstellen wollen aus Rache für seine früheren Vergehen? Für seine Bordelltouren? Für das, was er nun war?
"Ich muss es wissen, David! Sag es mir! Wir haben viele Tage lang versucht, deine Wunden zu heilen, aber sie wollen sich nicht schliessen! Wir verlieren dich! Ich verliere dich ... dein Wissen! Ich will wieder die Gabe besitzen!" Natasha schrie nun und dieses Schreien ging in ein Heulen über. Sie krallte ihre Klauen in sein Fell. Sie durchbohrte seine Haut, riss tiefe Wunden. Sie brüllte. Ihr Geist zerbrach.
David schrie vor Schmerz. Sein Leben strömte blutig aus ihm heraus.
Natasha schrie vor Hass und Verzweiflung. Das Tier, welches sie scheinbar immer hatte sein wollten, vernichtete ihren Geist und brach an die Oberfläche.
Konnte sie durch sein Wissen wirklich weitere erfolgreiche Verwandlungen durchführen?. Zu welchem Zweck? Wer verlangte so etwas? War es allein ihre Bessessenheit?
Natashas Krallen bohrten sich tief in Davids Fleisch. Er spürte seine inneren Organe reissen. Blut sprudelte aus den tiefen Wunden. Er schrie vor Schmerz.
In diesem Augenblick bewegte sich Christine. Sie knurrte und sprang seitlich auf Natasha zu, riss diese dabei zu Boden.
David konnte nichts erkennen, aber er hörte das Reißen von Klauen, die durch Fleisch schnitten. Er hörte Reißzähne auf Knochen treffen. Er hörte das Brüllen, Knurren und Jaulen von Natasha und Christine.
Sein Leben endete. Er spürte es. Es sprudelte rot und warm aus seinem Körper.
Stille kehrte in dem Raum ein.
Die Welt verschloss sich um David.
Plötzlich eine Berührung. Eine sanfte Klaue. Verdreht und missgestaltet. Christine.
Sie stand neben ihm, stank nach Blut. Ihre eigenen Wunden waren tief. Tödlich.
David versuchte Natasha zu wittern, aber blutige Schatten legten sich über seine Augen. "Sie ist tot. Nie wieder wird sie irgend einem Wesen ein Leid antun."
Christine streichelte sanft durch Davids Fell.
"Nie wieder Leid, David. Nie wieder...."
Mit diesen Worten brach sie zusammen, als das Leben aus ihr wich.
Davids Augen schlossen sich.
Seine Flucht war beendet.
Er tat einen letzten Atemzug.
Dann fiel eine kalte Stille über den Raum.

ENDE.